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Kommentar - Liebe Augenroller, Kirchentage sind wichtig!

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Man kann beim Thema Kirche die Augen rollen. Sagt mir nichts, Glaube, Gott. Soll mir nichts sagen. Das ist legitim. Kirchentage sind trotzdem wichtig. Für jeden.

Fünf Tage lang haben mehr als 120.000 Menschen im Rahmen des evangelischen Kirchentags gebetet und diskutiert. Nun endet das Treffen in Dortmund mit einem Abschlussgottesdienst im Stadion.

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Es gibt nicht wenige in diesem Land, die finden Kirchentage sehr anstrengend. 120.000 Besucher, die in vier Tagen über eine Stadt herfallen. Die schon allein mit ihren grünen Schals, dieser permanent fröhlichen Laune, ihrem Aktionismus und dem fairen Kaffee im mitgebrachten Mehrwegbecher für manche eine Provokation sind. Die singen, wenn die Dortmunder U-Bahn die Menschenmassen nicht fassen kann. Es gibt nicht wenige, die finden, Dortmund hätte seine 2,8 Millionen Euro, Nordrhein-Westfalen seine 3,4 Millionen Euro und der Bund seine halbe Million besser in den Öffentlichen Nahverkehr als in den Kirchentag investiert. Auch das wäre nötig. Stimmt. Kirchentage sind es aber auch.

Kühnert und Söder Konsenssoße? Nicht im Ernst

Es gibt nicht mehr viele Orte in diesem Land, wo Menschen zusammenkommen können, ohne etwas Besonderes zu können, zu sein oder zu haben. Reich, arm, jung, alt, schlau, weniger schlau - uninteressant. In Kirchengemeinden wird jeder so aufgenommen, wie jeder eben ist. Wirklich nicht nur die Guten. Und bei Evangelischen Kirchentagen verlangt niemand die Kirchensteuerbescheinigung beim Eintritt. Jeder Besucher konnte in 2.400 Veranstaltungen über fast alle Fragen, die diese Gesellschaft zurzeit bewegen, diskutieren. Das war eine riesige Chance. Klima, Migration, sexueller Missbrauch, Seenotrettung, Digitalisierung. So politisch wie nie, freuten sich die Organisatoren, sei dieser Kirchentag gewesen. Die Zeiten sind ja auch aufgewühlt wie selten.

Darf man "Fridays for Future" kritisieren - und wenn ja, was genau? Was denke ich, wenn auf einem Banner die Namen der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge durch die Stadt getragen werden? Ist künstliche Intelligenz nun gut oder schlecht? Was ist konservativ und ist die Kirche zu links? Man muss nicht auf eine Frage eine schlaue Antwort haben, aber das Nachdenken über ein oder zwei lohnt sich vielleicht. Vier Tage zuhören, diskutieren, Argumente liefern und aushalten. Wer glaubt, dass sich dort nur diejenigen treffen, die sowieso einer Meinung sind, irrt. Wer will ernsthaft behaupten, Kevin Kühnert und Markus Söder seien Teil einer großen Konsenssoße?

AfD: Besser mit als über

Früher, sagen Kritiker, waren Kirchentage noch viel politischer und es wurde viel mehr gestritten. Kann sein, aber früher hat man auch BHs auf dem Marktplatz verbrannt. Heute kann die Evangelische Kirche für sich in Anspruch nehmen, dass sterbende Menschen auf Rettungsbooten wieder ein Thema der Politik sind. Ist das nichts? Zugegeben: Ganz so offen ist der Meinungsstreit nun doch nicht. AfD-Politiker hatte das Kirchentagspräsidium wieder nicht eingeladen. Eine falsche Entscheidung!

Dass Vertreter der AfD zum Kirchentag in Dortmund nicht eingeladen wurden, stößt auf ein unterschiedliches Echo. Aber auch die FDP fühlt sich ausgegrenzt.

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Man muss ja nicht gleich Beatrix von Storch, Stephan Brandner oder Gottfried Curio aufs Podium lassen. Aber die Diskussion mit statt über diese Partei und ihre Wähler kam auf diesem Kirchentag zu kurz. Die Debatte muss aber sein, spätestens nach den Landtagswahlen im Herbst wird sie kommen. Damit hätte man ja schon mal anfangen können. Der Dortmunder Oberbürgermeister nannte die Nichteinladung etwas flapsig "fürsorglich", denn die AfD hätte sich dort sowieso nicht wohl gefühlt. Das kann sein. Vor der Auseinandersetzung in der Sache und den Argumenten der Mehrheit sollte man aber die AfD nicht schützen.

Frischen Wind in den Segeln

Und ja: Natürlich ist so ein Kirchentag wichtig für die Christen selbst. Wer sich manchmal sehr allein sonntags im Gottesdienst fühlt, kann wieder Wind in die Segel bekommen. Noch immer zieht eine Bibelarbeit mit Margot Käßmann und die schwierige Frage, wie unverschuldetes Leid auszuhalten ist, 10.000 Menschen am Morgen in eine schmucklose Halle. 9.000 Menschen sitzen auf einer Wiese und singen bei Kerzenschein die Lieder von Taizé. Hunderte stehen am Abend auf einem Platz und beten zur Nacht. Das tut einfach gut. Diese Kirche ist oft sehr alt und verstaubt, aber manchmal auch richtig jung und innovativ. Gottesdienst online, Predigt-Podcast, Pastoren mit eigenen Youtube-Kanälen, all das gibt es. Wer will, kann viele Tüten von Anregungen und viel Zuversicht aus Dortmund mit nach Hause nehmen.

Das braucht es auch. Es wird sich in den nächsten Jahren entscheiden, ob die christlichen Kirchen eine Größe in der Gesellschaft bleiben. Ob ihre Botschaft und ihr Handeln so überzeugend sind, dass sie das Vertrauen ihrer Mitglieder verdienen. Das gleiche gilt für Parteien, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die Demokratie selbst. Das Motto dieses Evangelischen Kirchentages - Was für ein Vertrauen - hätte also passender nicht sein können, obwohl es schon vor Jahren ausgesucht wurde. Ob ein Frage- oder Ausrufezeichen nach dem Vertrauen stehen sollen, darauf wird sich diese Gesellschaft einigen müssen.

Ab morgen ohne Gesang

Noch einmal kurz zu den Augenrollern: Keine Sorge, spätestens morgen singt niemand mehr am übervollen U-Bahnhof. Vielleicht finden sich beide - Sänger und Augenroller - nur nicht mehr damit ab. Aus welcher Motivation, bleibt ja jedem selbst überlassen.

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