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Kommentar zum IPCC-Sonderbericht - Handeln, sofort!

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1988 wurde der Weltklimarat gegründet. Nun stellt er fest: Wenn nicht sofort globale Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden, steigen die Risiken ins Unvorhersehbare.

Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion, ordnet den IPCC-Sonderbericht ein.

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8 min
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Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen Klimawandel und unserer Landnutzung? Das ist die zentrale Fragestellung des heute vorgestellten Sonderberichts des Weltklimarates. Und die Analyse lässt die Zweifler verstummen: Die globale Temperaturerhöhung hat über Land den Wert von 1,53 Grad erreicht. Insgesamt, also mit den Meeresflächen, liegt der Wert bei 0,87 Grad, bezogen auf die Jahre von 1850 bis 1900, der sogenannten vorindustriellen Zeit. Das Pariser Klima-Abkommen sieht 1,5 Grad als noch vertretbare Grenze.

70 Prozent der eisfreien Landflächen werden von Menschen genutzt, für Land- und Forstwirtschaft, für Siedlungen, für Verkehrswege. Das heißt: Der Platz für intakte Ökosysteme schwindet. Doch die brauchen wir für das Überleben der Menschheit, sie erzeugen frische Luft, frisches Wasser und garantieren den Genpool der Artenvielfalt. Das ist keine Kleinigkeit, hier ist Umdenken und anders Handeln im ganz großen Stil gefordert - global.

Globale, landwirtschaftliche Bildungsoffensive erforderlich

23 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen gehen auf das Konto der Land- und Forstwirtschaft. Bisher sichert die Turbo-Agrarwirtschaft hohe Ernteerträge mit Millionen Tonnen von Düngemitteln, mit Pestiziden, mit schwerem Gerät. Die Schattenseite: Dabei werden die Böden zunehmend zerstört, sie verlieren ihre natürliche Fähigkeit, CO2 zu speichern. Die Zerstörung der Böden muss sofort aufhören, fordert der Weltklimarat. Und verordnet der Welt gleichzeitig eine strenge Diät: Fleischkonsum nur, wenn tierische Produkte effizient und so klimaschonend wie möglich hergestellt werden. Ansonsten: Gemüse, Getreide, Nüsse. Was auch gesünder ist: Denn rund zwei Milliarden Menschen auf dieser Erde haben Übergewicht.

Damit sich Menschen für eine andere, eben nachhaltige Landwirtschaft einsetzen, muss eine globale landwirtschaftliche Bildungsoffensive gestartet werden. Der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Landnutzung muss jedem Schulkind klar sein - bei uns, in Afrika einfach weltweit. In diesem Zusammenhang ist es ein unfassbarer Skandal, dass global bis zu 30 Prozent der Nahrungsmittel verloren gehen oder weggeschmissen werden - was allein acht bis zehn Prozent der globalen Treibhausgase ausmacht.

Den Klimawandel "von oben", etwa per Regierungsdekret zu bekämpfen, führt nicht zum Ziel. Immer müssen die Menschen vor Ort, muss die lokale Bevölkerung, einbezogen werden, um entsprechend angepasste Konzepte zu erarbeiten. Und es sind vor allem die Frauen, deren Rolle in der Gesellschaft, vor allem in afrikanischen Staaten, gestärkt werden muss. Denn sie tragen gerade in der Landwirtschaft sehr oft die Hauptlast.

Es braucht einen neuen Ansatz in der Entwicklungspolitik

Die Debatte um die deutsche CO2-Bepreisung kommt einem geradezu provinziell vor mit Blick auf die globalen Herausforderungen. Wir brauchen einen neuen Ansatz in der Entwicklungspolitik: Klimaschutz zuerst! So muss die neue Leitlinie heißen und die internationale Zusammenarbeit entsprechend ausgerichtet werden, was übrigens der Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens den Unterzeichnerstaaten auch aufträgt. Es ist kaum zu glauben, dass bei uns in der aktuellen Debatte so gut wie nichts darüber - weder von der Bundesregierung noch von den sich klimaschützerisch gebenden Grünen - zu hören ist.

Der Weltklimarat legt noch nach: Kommt schnelles Handeln nicht in den Gang, entsteht so etwas wie ein Klimawandel-Teufelskreis, die Risiken steigen unkalkulierbar. Wenn es immer wärmer wird, gibt es immer mehr Extremwetterereignisse, mehr Dürren, aber auch mehr Fluten. Den Böden geht es noch schlechter, sie können immer weniger CO2 halten - was wiederum den Klimawandel antreibt. Das alles scheint Machthaber wie den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro nicht zu kümmern. Als kleines "Dankeschön" für seine Wahl lässt er zu, dass die Großgrundbesitzer in atemberaubendem Tempo den Regenwald kahlschlagen.

Abholzung im Amazonas Satellitendaten
Die gelb gefärbten Flächen zeigen, wie viel Regenwald seit 1988 verschwunden ist.
Quelle: inpe.br

Wobei der wirtschaftliche Nutzen mehr als fraglich ist. Das ist für das eigene versprochene Klimaschutzziel verheerend und treibt den globalen Klimawandel an. Denn gerade die Amazonaswälder sind die wichtigsten CO2-Speicher der Erde überhaupt. Die und andere natürlich CO2-Senken wie Mangrovenwälder oder Moore bei uns zu bewahren, auch das hat der Weltklimarat ausdrücklich gefordert.

Nun, wenn man ehrlich ist, sind die aufgezählten Tatbestände im Sonderbericht des Weltklimarates nicht wirklich neu. Aber die wissenschaftliche Bestätigung ist es. Eine bessere Grundlage für eine wirksame Klimapolitik im Bereich der Landnutzung ist nicht vorstellbar. Und da die Hoffnung auch beim Thema Klimawandel zuletzt stirbt: Vielleicht hilft der Bericht der kommenden, nunmehr 25. UN-Klimakonferenz, mutigere und vor allem schnelle Entscheidungen zu treffen.

Volker Angres ist Leiter der ZDF-Umweltredaktion.

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