ZDFheute

"Gesamte Gesellschaft hat versagt"

Sie sind hier:

Sexueller Kindesmissbrauch - "Gesamte Gesellschaft hat versagt"

Datum:

Zeugen, die schweigen. Schulen, Behörden, Vereine, Kirchen, die mit sexuellem Missbrauch nicht umgehen können. Ein neuer Bericht zeigt: Die Unterstützung für Opfer ist mangelhaft.

Zum Beispiel Andreas, heute über 60. Als er zehn Jahre alt war, ging er in einen Schwimmverein. Bei ihm war es ein Betreuer, der ihn angeblich besonders fördern wollte. Stattdessen hat er ihn ein halbes Jahr lang vergewaltigt, bis Andreas den Verein verließ. "Ich spüre heute noch physisch den Schmerz und manchmal den Geschmack im Mund." Mit seinen Eltern darüber zu reden, hat er nicht gewagt. Er futterte Süßigkeiten in sich rein, um sich unattraktiv zu machen. Er verdrängte das Geschehene bis vor einigen Jahren, da begann er eine Therapie und wollte auch mit dem Verein reden. Doch seine Hilfe, Kinder heute besser zu schützen, die wollte man dort nicht. "Warum werden Opfer als Feinde angesehen und erneut verletzt? Ich kann damit nicht klar kommen."

"Gesamte Gesellschaft hat versagt"

"Das Schweigen der Anderen ist eins der wichtigsten Themen der Betroffenen gewesen."
Sabine Andresen

Es gibt viele Geschichten wie die von Andreas. Fast 1.700 Betroffene haben sich in den vergangenen drei Jahren bei der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs gemeldet, die jetzt einen ersten Bericht vorlegte. 857 Geschichten hat sich die Kommission mittlerweile angehört, knapp 300 Berichte liegen schriftlich vor.

Von Bettina, die von ihrem Stiefvater missbraucht wurde, von Holger, bei dem es ein Ordensbruder war, bei anderen ein evangelischer Pfarrer oder ein katholischer Priester. Sie alle erzählen davon, dass sie sich nicht getraut haben, ihren Eltern etwas zu erzählen. Und wenn, ist ihnen nicht geglaubt worden, in der Familie nicht, in Schule, Kirche oder Verein nicht, bei den Ermittlungsbehörden auch nicht. Oft bis ins Erwachsenenalter hinein. Und oft stellt sich hinterher heraus: Andere haben den Missbrauch bemerkt, aber auch nichts gesagt

Die Zahlen

  • 1.700 Betroffene haben sich seit Gründung der Unabhängigen Kommission im Mai 2016 dort gemeldet.
  • Mehr als 900 Berichte und Anhörungen wurden ausgewertet.
  • 682 Personen von ihnen sind von Angehörigen missbraucht worden.
  • 209 Personen erlitten Gewalt in Institutionen, also etwa in Schulen etc.
  • 56 Personen erlitten Gewalt von Fremden.
  • 24 Personen wurden in Kliniken, von Ärzten oder in der Therapie missbraucht.

"Das Schweigen der Anderen", sagt Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen, sei daher eins der wichtigsten Themen der Betroffenen gewesen. Warum schweigen die Opfer so lange, warum diejenigen im nahen Umfeld? "Damit müssen wir uns auseinandersetzen."

Der Kommission war Anfang 2016 nach dem Bekanntwerden mehrerer Missbrauchsskandale, wie im katholischen Canisius-Kolleg in Berlin und an der Odenwald-Schule in Hessen, eingesetzt worden. Erst im Dezember hat die Bundesregierung ihre Arbeit bis 2023 verlängert, denn die Aufarbeitung ist zeitintensiver als anfangs gedacht. Und nach wie vor aktuell, wie der Fall in Lügde zeigt, wo mindestens 34 Mädchen und Jungen auf einem Campingplatz missbraucht wurden. Auch da kam alles erst ans Licht, als ein Mädchen gegenüber ihrer Mutter das Schweigen brach. Auch das Jugendamt hatte nicht erkannt, was in dem Wohnwagen vor sich ging. Das zeige, sagt Andresen, wie sehr die "gesamte Gesellschaft versagt" und dafür auch Verantwortung übernehmen müsse.

Lange Liste von Forderungen

Eben weil die Folgen eines Missbrauchs im Kindesalter bis ins Erwachsenalter, bis in die Gegenwart zu spüren sind, brauche es einen dauerhaften "gesamtgesellschaftlichen Wandel", so Peer Briken. Mitglied der Kommission. Ihre Forderungen: Bessere und dauerhafte Therapien der Krankassen, passende Hilfe bei den Beratungsstellen, keine Stigmatisierung der Opfer auf der Arbeit und bei Jobcentern, ein einfacherer Zugang zu finanziellen Entschädigung, Hilfe bei der Wiedereingliederung ins Berufsleben, auf Kindesmissbrauch geschulte Fachkräfte bei Polizei, Justiz, Schulen, Sportvereinen, Kirchen, bessere Fortbildung der Fachkräfte. Die Liste ist lang. Bis Herbst soll außerdem eine ein Eckpunktepapier vorliegen, das Einrichtungen und Institutionen helfen soll, wie sie mit der Aufarbeitung von Missbrauch umgehen sollten. Bislang macht nämlich jeder irgendwie irgendwas.

Kinderschutz ist kein Gedöns, sonder harte Kriminalitätsbekämpfung.
Johannes-Wilhelm Rörig

Dass die Mängelliste so lang ist, bringt Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung, zu dem Schluss: "Der Kinderschutz ist in der Krise, in einer von der Politik selbst verursachten Krise." Die Politik müsse sich "neu aufstellen" und ihr Mitgefühl "auch materiell" unter Beweis stellen. Rörig fordert jeweils eigene Missbrauchsbeauftragte in den Bundesländern. Außerdem sei im kommenden Jahr eine Aufklärungskampagne geplant, um für Kindesmissbrauch zu sensibilisieren. Sie soll fünf Millionen Euro kosten. Allerdings fehlt dafür noch die Zustimmung von Bundesfinanzminister Olaf Scholz. "Kinderschutz ist kein Gedöns", sagt Rörig, "sondern harte Kriminalitätsbekämpfung."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.