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Interview mit spanischem Journalisten - "Ohne Dialog enden wir in einer Sackgasse"

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Im Konflikt um Katalonien bleiben die Fronten verhärtet - ein Dialog zwischen der katalanischen Regierung und Madrid scheint immer weiter in die Ferne zu rücken. "Entweder sie sprechen oder wir werden in einer Sackgasse enden", warnt der spanische Journalist Jordi Juan Raja im heute.de-Interview.

Mit einer großen Militärparade in Madrid, an der auch König Felipe VI. teilnimmt, feiert Spanien heute seinen Nationalfeiertag. Überschattet werden die Feierlichkeiten in diesem Jahr allerdings vom der Krise in Katalonien. Madrid will eine Abspaltung …

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heute.de: Herr Juan, in Ihren Kommentaren äußern Sie sich kritisch im Hinblick auf ein unabhängiges Katalonien. Wie reagiert Ihre Leserschaft?

Jordi Juan Raja: Wir haben ein sehr breites Publikum. Manche sind für, manche gegen die Unabhängigkeit. In unseren Kommentaren heben wir das hervor, was unserer Ansicht nach das Beste für Katalonien und für Spanien wäre. Unter den jetzigen Umständen sind wir davon überzeugt, dass eine Unabhängigkeitserklärung schwerwiegende Folgen hätte. Wir plädieren dafür, dass es einen Dialog und Verhandlungen gibt.

Wir haben die Regierung von Mariano Rajoy sehr kritisiert, weil sie sich zu lange nicht um das Thema Katalonien gekümmert hat. Die Wichtigkeit wurde klar unterschätzt. Und jetzt kritisieren wir die Regierung von Katalonien, weil sie sich auf einer Einbahnstraße befindet, die unserer Meinung nach nirgendwo hinführt. Die katalanische Regierung möchte aber, dass wir ihren Weg unterstützen und Beifall klatschen, doch das ist nicht unsere Aufgabe. Natürlich berichten wir über die Position der katalanischen Regierung, aber sie darf uns nicht beeinflussen.

heute.de: Man hat inzwischen den Eindruck, dass Carles Puigdemont mittlerweile zwischen vielen Fronten steht. Welchem Druck ist er ausgesetzt?

Jordi Juan Raja: Bei ihrer Strategie in Richtung Unabhängigkeit hat die katalanische Regierung nicht berücksichtigt, dass Banken die Flucht ergreifen könnten, was aber jetzt geschieht. Es sind auch schon sehr viele Firmen gegangen. Klar, dass Puigdemont von Seiten der Wirtschaft unter sehr großen Druck steht, aber auch von Seiten vieler anderer Bereiche.

Gleichzeitig bekommt er immer mehr Druck von Gruppierungen, die die Unabhängigkeitserklärung für längst überfällig halten. Dazu gehören Gruppen innerhalb seiner eigenen Partei, bei seinem Koalitionspartner und vor allem bei der linksradikalen CUP, die Puigdemonts Regierung stützt. Er steht dazwischen und das ist eine komplizierte Position. Man muss berücksichtigen, dass Puigdemont kein normaler Politiker ist, der auf die nächsten Wahlen hinarbeitet und auf die öffentliche Meinung achten muss. Er hat immer klar gesagt, dass er nur in die Politik gegangen ist, um das Ziel der Unabhängigkeit zu erreichen - und wenn es erreicht ist, dass er nach Hause gehen, sich also zurückziehen wird.

heute.de: Ist ein Dialog zwischen Puigdemont und Rajoy überhaupt realistisch?

Jordi Juan Raja: Das ist sehr schwierig. Es ist eigentlich undenkbar, dass Herr Rajoy sich an einen Tisch setzt, um mit Herrn Puigdemont über die Unabhängigkeit zu sprechen, da sie nicht von der Verfassung gedeckt ist. Aber sie müssen sich anstrengen. Entweder sie sprechen oder wir werden in einer Sackgasse enden.

heute.de: Wie sehr würde Artikel 155 der Verfassung, der eine Entmachtung der katalanischen Regierung ermöglicht, Katalonien noch mehr spalten? Und damit nicht das Ende des Konflikts, sondern eine noch viel größere Stufe der Eskalation einleiten?

Jordi Juan Raja: Es gibt verschieden Wege, diesen Artikel anzuwenden. Aber Artikel 155 ist nur die eine Sache. Eine andere Sache ist die Justiz, die ihren eigenen Weg geht. Es könnte passieren, dass Puigdemont, wenn er die Unabhängigkeit vorantreibt, in Haft kommt, weil man ihm Aufruhr vorwirft. Puigdemont genießt eine sehr große Unterstützung durch seine Anhänger. Und es ist schwer zu sagen, was im Fall seiner Verhaftung oder Verhaftung von Mitstreitern geschehen würde. Bisher waren die Demonstrationen friedlich, aber das könnte umschlagen. Hatte diese Dynamik erst einmal begonnen, dann ist sie schwer zu stoppen.

heute.de: Es gibt Stimmen, die fordern, dass Puigdemont und Rajoy zurücktreten sollten, um einen Dialog zu ermöglichen. Wäre ein solches Szenario überhaupt denkbar.

Jordi Juan Raja: Wenn wir andere Protagonisten hätten, wäre ein Dialog sehr viel einfacher. Denn die Gespräche wären frei von vorherigem Ballast. Neue Politiker könnten neu starten. Ein Wechsel könnte vieles vereinfachen, aber es wird sicherlich nicht passieren, zumal Rajoy mitten in seiner Legislaturperiode ist.

heute.de: Glauben Sie, dass irgendwann einmal der Riss durch Katalonien gekittet werden kann. Falls ja, wie und wie lange wird es brauchen?

Jordi Juan Raja: Es wird sehr kompliziert sein und es wird vor allem von der politischen Entwicklung abhängen. Wenn wir in einem permanenten Zwist verweilen, dann ist es unvermeidlich, dass die Spannungen in der Gesellschaft auch weiter steigen werden. Es müsste vor allem erst einmal an oberster politischer Stelle Ruhe einkehren, dann könnte auch eine Chance bestehen, dass der Riss durch die Gesellschaft eines Tages gekittet werden kann.

Das Interview führte Barbara Schwarzwälder.

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