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Konflikte und Medien - Die vergessenen Kriege

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Das Konfliktbarometer des HIIK zählt weltweit 222 gewaltsame Konflikte. Warum viele Kriege allerdings unbekannt sind und was Medien damit zu tun haben, erklärt Marilena Geugjes.

Südsudan: Rebellenkämpfer halten ihre Gewehre hoch
Aus dem Archiv: Rebellen im Südsudan strecken ihre Waffen gen Himmel. Quelle: reuters

heute.de: Gibt es derzeit mehr bewaffnete Konflikte als sonst?

Marilena Geugjes: Wenn man sich die Gesamtzahl anschaut, gab es 2017 kaum mehr Konflikte als 2016. Wir haben letztes Jahr 222 gewaltsame Konflikte gezählt, im Jahr 2016 waren es 226. Das ist kein großer Unterschied. Es lohnt sich aber, auf die Ebene der hochgewaltsamen Konflikte zu schauen. Da lassen sich im Vergleich deutliche Unterschiede feststellen.

heute.de: Wie sieht es da aus?

Geugjes: 2017 wurden 20 Kriege beobachtet, das sind zwei mehr als 2016. Dafür haben wir vier begrenzte Kriege weniger als 2016 gezählt. Da stellt sich die Frage, ob man nun von mehr oder weniger Gewalt sprechen kann. Was man für 2017 aber generell sagen kann, ist, dass sich die Konfliktlandschaft insbesondere im hochgewaltsamen Bereich verändert hat.  

heute.de: Was bedeutet das?

Geugjes: Wir haben ungewöhnliche Entwicklungen beobachtet. Beispielsweise vier neue Kriege in Afrika. In der Zentralafrikanischen Republik und in der Demokratischen Republik Kongo sind drei Konflikte eskaliert, und ein ethnischer Konflikt in Äthiopien ist erst letztes Jahr aufgekommen und hat sich direkt zum Kriegszustand entwickelt. In Asien ist 2017 der Krieg in Pakistan gegen Islamisten das erste Mal seit zehn Jahren deeskaliert, dafür gab es aber zwei andere Konflikte, die kriegerisch geworden sind. Einer von ihnen war der Konflikt um die Rohingya-Minderheit in Myanmar, über den die Medien viel berichtet haben. Solche Entwicklungen sind ungewöhnlich, denn eigentlich tendieren Kriege dazu, relativ langlebig und beständig zu sein.

Zur Person:

heute.de: Wo halten sich Kriege und Konflikte am hartnäckigsten weltweit?

Geugjes: Ein Großteil der Kriege wird wohl auch 2018 weiterbestehen, und das betrifft alle Regionen der Welt. Es gibt aber auch gegenteilige Entwicklungen. So ist zum Beispiel ein langjähriger Krieg im Sudan deeskaliert und wird heute von uns nur noch als gewaltsame Krise geführt. So etwas passiert aber eher selten.

heute.de: Warum ist das so?

Geugjes: Weil Konfliktursachen oft sehr komplex und selten einfach zu lösen sind. Meistens handelt es sich um eine Mischung struktureller Ursachen mit relativ kurzfristigen Anlässen. In Afrika gibt es beispielsweise relativ häufig Konflikte um Ressourcen. Es existiert eine natürliche Knappheit, Dürre, wenig Vieh, wenig fruchtbares Land, und das kann so schnell auch nicht geändert werden. Auch Rivalitäten zwischen Ethnien gibt es oft schon lange und sind tief verankert.

heute.de: Die Konflikte sind weniger geworden und doch drängt sich das Gefühl auf, es seien mehr. Woher kommt das?

Geugjes: Das ist, denke ich, Ansichtssache. Ich glaube aber, dass die Bedeutung der Medien für die Wahrnehmung von Konflikten bisweilen unterschätzt wird. Das betrifft die Art und Weise der Berichterstattung sowie die Auswahl der Konflikte, über die berichtet wird. Am stärksten zeigt sich das in Bezug auf Afrika. Dort werden am meisten Kriege ausgetragen, doch selten wird über sie berichtet. Das liegt unter anderem auch an der schlechten Quellenlage. Über andere Konflikte wird mehr berichtet, weil sie stark mit Tagespolitik verbunden sind. Ein Beispiel dafür ist der Konflikt um den Status Kataloniens. Den gibt es schon lange, aber 2017 hat er durch politische Entwicklungen viel mehr Aufmerksamkeit erhalten als sonst.

heute.de: Welche Richtung sollten Journalisten ihrer Meinung nach denn einschlagen?

Geugjes: Das lässt sich schwer pauschal beantworten. In manchen Kriegsregionen liegt die schlechte Nachrichtenlage am Krieg selbst, dort ist es für Journalisten schlichtweg zu gefährlich. In anderen vor allem ländlich geprägten Konfliktregionen ist die Infrastruktur oft nicht ausreichend, um journalistisch zu arbeiten. Aber manche Kriege, vor allem langjährige, scheinen oft deshalb nicht mehr im Fokus der Medien zu stehen, weil sie nicht mehr tagesaktuell sind. Sie werden auch "vergessene Kriege" genannt, wie beispielsweise im Jemen oder Sudan. Ich glaube, wenn sich Medienvertreter stärker daran orientieren würden, welchen Einfluss die Kriege auf die Menschen vor Ort haben, und weniger an ihrem weltpolitischen Einfluss, könnte etwas mehr Ausgeglichenheit erreicht werden.

heute.de: Was könnte sich dadurch verbessern?

Geugjes: Dadurch könnte sich Konfliktforschung verbessern, da beispielsweise das HIIK auch von medialer Berichterstattung abhängig ist, um Konflikte zu erfassen. Verstärken würde sich dadurch auch die internationale Aufmerksamkeit für "vergessene Kriege". Die Grundlage, auf der politische Entscheidungsträger zum Beispiel humanitäre Hilfe freigeben, wäre somit etwas ausgewogener.

heute.de: Haben sich die Konflikte weltweit verschoben?

Geugjes: Nein, die Hotspots sind immer noch Sub-Sahara Afrika und der Mittlere sowie Nahe Osten. Dort sind einzelne Länder von Jahr zu Jahr mal mehr oder mal weniger von Gewalt betroffen, doch in diesen Regionen ballen sich die Kriege. 

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

Das HIIK im Kurzporträt:

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