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Vor Macron-Besuch - Korsen sehnen sich nach Autonomie

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Ein autonomes Korsika, davon träumt die Mehrheit der Inselbewohner. Kurz vor dem Besuch von Präsident Macron gingen Tausende in Ajaccio auf die Straße.

Flagge von Korsika
Flagge von Korsika Quelle: colourbox.de

Pascale Scarbonchi nimmt die Espressokanne vom Herd und schenkt dampfenden Kaffee ein. Ihr Mann schneidet Wurst auf. In der düsteren Wohnküche hängen Hunderte von Würsten und Schinken von der Decke. Am Kaminfeuer, in dessen Wärme die Fleischwaren trocknen, hat sich eine Katze zusammengerollt.

90 Prozent der Ware aus importiertem Schweinefleisch

Korsische Salami
Korsische Salami Quelle: Björn Kathöfer

Pascale und ihr Mann züchten korsische Schweine, die Rasse heißt Porcu nustrale. Das Fleisch gilt als besonders lecker, weil die Schweine mindestens zwei Monate im Jahr Kastanien fressen. "Die Schweine werden langsamer fett als andere Rassen", erklärt die Züchterin in ihrem korsisch geprägten Französisch. "Das Fleisch ist exzellent, und der Speck auch, ein wunderbarer Geschmack."

Korsische Spezialitäten sind weit über die Insel hinaus beliebt. So sehr, dass etwa 90 Prozent der verkauften Waren aus importiertem Schweinefleisch hergestellt werden. Die Schweine kommen aus der Bretagne, aus Spanien oder sogar aus China, um dann auf Korsika verwurstet und vermarktet zu werden.

Nur original, wenn mit Kastanien gefüttert

Pascale hat sich deswegen mit anderen Züchtern dafür eingesetzt, dass echte korsische Spezialitäten geschützt werden. Drei korsische Schinkensorten – Coppa, Lonzu und Prisuttu – dürfen seit 2012 mit speziellen Etiketten ausgezeichnet werden, wenn sie klar festgelegte Standards einhalten (AOP).

Korsische Würste und Schinken werden auch außerhalb der Insel sehr geschätzt. Um die Produkte besser zu vermarkten hat die junge Korsin Serena Battestini eine Online-Vermittlung entwickelt, um lokale Produkte und Käufer zusammenzubringen. Korsika brauche …

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Dazu zählt etwa das Füttern von Kastanien. "Und das war in den vergangenen Jahren nicht einfach", erzählt Pascale. Ihre etwa 140 Schweine leben halb wild in einem Kastanienhain. Aber Schädlinge und zu trockenes Wetter haben die Ernte immer weiter schrumpfen lassen.

"Wir brauchen unbedingt die Autonomie"

Den anstehenden Korsika-Besuch von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sieht Pascale mit gemischten Gefühlen. Wie die große Mehrheit der Korsen wünscht sie sich eine größerer Unabhängigkeit der Insel von der französischen Zentralregierung. "Wir brauchen unbedingt die Autonomie", sagt Pascale. "Wir können uns gut selbst verwalten. Wir brauchen keine Regierung, die uns Dinge auferlegt."

Der Unmut der Korsen gegenüber Frankreich ist Jahrhunderte alt. Die Inselbewohner sind bis heute stolz darauf, dass die korsische Republik im 18. Jahrhundert weltweit die erste Demokratie mit einer geschriebenen Verfassung war. Zumindest ein paar Jahre lang – bis die Franzosen die Insel militärisch eroberten.

Gewalt auf beiden Seiten

Die jüngere Geschichte der Insel ist geprägt durch Gewalt auf beiden Seiten – Korsen, die sich mit zahlreichen Sprengstoffanschlägen gegen das zentralistische Frankreich sträubten, und eine französische Verwaltung, die oft mit großer Härte durchgegriffen hat.

Die Kämpfer der Nationalen Befreiungsfront Korsikas (FLNC) haben vor vier Jahren erst den bewaffneten Kampf eingestellt. Bis heute sind zahlreiche Korsen auf dem Festland inhaftiert – was den Kontakt zur Familie stark einschränkt. "Wir wollen, dass die Häftlinge nach Korsika verlegt werden", sagt Pascale. "Viele von uns können es sich nicht leisten, sie zu besuchen."

Das Schwein, die Wurst und die App

Serena Battestini etwa ist ohne ihren Vater groß geworden, der wegen mehrerer Anschläge in der Nähe von Paris inhaftiert war. Die 40-jährige Korsin hat ihre Karriere als Finanzberaterin in Paris an den Nagel gehängt, um mit ihrer jungen Familie zurück auf die Insel zu ziehen.

Dort hat sie nun eine Website und eine App fürs Mobiltelefon entwickelt, um die echten korsischen Produkte an den Kunden zu bringen, seien es Restaurants, Läden oder Korsikabesucher. Auch die Würste von Pascale sind mit Hilfe ihrer Online-Vermittlung zu finden: Das alte Handwerk und das junge Digital-Unternehmen bereichern sich gegenseitig. Und auf längere Sicht vielleicht auch die korsische Wirtschaft

Wenn Serena und Pascale miteinander telefonieren, muss die Schweinezüchterin ans Fenster gehen, damit sie in ihrem abgelegenen Kastaniental Empfang hat. "Die App ist super, ich habe sie schon vielen Freunden empfohlen", ruft Pascale ins Telefon und hält sich das Mikro direkt vor den Mund. Sie reden Französisch miteinander, aber die Verabschiedung - "va be, bona ghjurnata" - ist dann auf Korsisch.

Gilles Simeoni, der Präsident der Regionalregierung auf Korsika, fordert von Frankreich umfassende Autonomie. "Ich bin als Korse nicht anerkannt", sagt er im ZDF-Interview. Er fürchtet um das kulturelle Erbe der Inselbewohner.

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