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Kosovo - Von der Eliteschule ins Roma-Dorf

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Leila und Ramadan leben in zwei Welten. Dabei sind sie nur fünf Autominuten voneinander entfernt: die Privatschule Loyola und das Roma-Viertel Tranzit in Prizren im Kosovo. Ein Deutscher hat die beiden Welten zusammengebracht: Moritz Kuhlmann, 27-jähriger Jesuit.

Im Kosovo unterrichten Schüler einer Eliteschule Kinder in einem Romadorf. Ein Deutscher hat die beiden Welten zusammengebracht.

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Leila Arapis Schultag beginnt in einer Schlange vor der Schultür. Krawatte gerade rücken, Hosenbein schütteln: Ins Gebäude kommen die 17-Jährige und ihre Mitschüler nur, wenn die Schuluniform ordentlich sitzt. Die Loyola-Schule gilt als beste Schule des Kosovo. 70 Euro pro Monat kostet die deutsche Privatschule. Für deutsche Verhältnisse klingt das verträglich. Im Kosovo liegt das durchschnittliche Monatseinkommen jedoch bei 350 Euro. Das Schulgeld können sich nur sehr wenige leisten und viele auch nur, weil Verwandte aus dem Ausland Geld schicken oder weil sie eines der begehrten Stipendien bekommen haben.

Herzliche Umarmung statt Schuluniform-Kontrolle

Nur fünf Autominuten von der Eliteschule entfernt begrüßt Ramadan Mustafa Leila herzlich in seiner Welt: im Roma-Viertel Tranzit. Statt von strengen Schuluniform-Kontrolleuren wird Leila hier von fröhlichen Kindern begrüßt und herzlich umarmt. Tranzit liegt 50 Meter von der Autobahn entfernt. Die albanischen Nachbarn leben in Sichtweite, aber es gibt null Kontakt.

Die Roma sind die unerwünschte Minderheit im Land. "Es gibt so viele Vorurteile", versucht Leila zu erklären. Eines davon: Die Roma hätten während des Kriegs auf der Seite der Serben gegen ein unabhängiges Kosovo gekämpft. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum die Bewohner von Tranzit nicht zur Gruppe der Roma zählen wollen. Sie nennen sich selbst Ashkali.

15 Cent für einen Schubkarren voll Metallmüll

Dass Leila und Ramadan sich überhaupt kennen gelernt haben, liegt an Moritz Kuhlmann. Er wurde mit einem Auftrag ins Kosovo geschickt: "Um einer Armut innerhalb des Loyola-Gymnasiums zu begegnen: nämlich der Tatsache, dass die Schüler hier die Bildung für den Kopf bekommen, aber wenig fürs Herz."

Loyola-Schüler lernen Mülltrennung - danach kommt alles in eine Tonne
Loyola-Schüler lernen Mülltrennung - danach kommt alles in eine Tonne Quelle: ZDF/Miriam Steimer

Auf der Suche nach der größten Not im Vielvölkerstaat Kosovo begegnete Kuhlmann Saide, einer 75-jährigen Frau mit einem Schubkarren, in dem sie Metallmüll sammelte. 15 Cent bekommt man für einen vollen Karren. Saide wusch ihr Gesicht in einer Pfütze "Dieser Anblick hat mich berührt, wir sind ins Gespräch gekommen und sie hat mir Tranzit gezeigt: das Viertel, mit dem die Loyola-Schüler jetzt in Verbindung stehen", sagt Kuhlmann. Er begrüßt Saide und küsst sie auf die Wange. "Ich bin die Mutter der Nachbarschaft", stellt Saide sich stolz vor.

Misstrauen von allen Seiten

Als Kuhlmann anfing, Schüler der Loyola-Schule mit nach Tranzit zu nehmen, gab es Widerstände von verschiedenen Seiten, vor allem von den Erziehern im Internat: "Sie waren misstrauisch, ob die ihnen anvertrauten Kinder in Tranzit versaut werden und dort vielleicht Dinge erleben, für die die Eltern sie nun gerade nicht an die Eliteschule des Kosovo geschickt haben."

Leila erinnert sich noch genau an ihren ersten Tag im Viertel: "Ich war aufgeregt und auch ein bisschen ängstlich. Ich kannte die Dorfbewohner nicht und wusste auch nicht, wie sie auf jemand Neues reagieren würden. Aber obwohl die Kinder mich nie gesehen hatten, rannten sie auf mich zu und umarmten mich. Ich habe mich sofort zuhause gefühlt."

Nachhilfe, Kindergarten, Musikschule

Leila und ihre Mitschüler waren geschockt: In Tranzit ging praktisch kein Kind zur Schule. "Die Loyola-Schüler haben dann eine eigene Schule im Roma-Viertel gegründet, Schulersatzunterricht gegeben und die Kinder soweit gebracht, dass sie jetzt nach einem Jahr auf die Regelschule gehen", sagt Kuhlmann.

Bei diesem Unterricht lernten sich auch Ramadan und Leila kennen: "Ich war total nervös, schließlich hatte ich noch nie vorher unterrichtet", erinnert sich Leila. Ramadan kannte die Kinder des Viertels und half ihr, sie ruhig zu halten. Inzwischen ist aus dem Schulersatzunterricht in Tranzit ein Gemeinschaftszentrum mit Kindergarten und Musikschule geworden. Ramadan ist seit ein paar Monaten im Projekt angestellt. Er gibt Nachhilfe, bringt die Kinder zur Schule, kümmert sich um die Instrumente. Auch er brach die Schule früh ab und verdiente sein Geld mit Auto waschen. "Es war sinnlos, für jemand anderen zu arbeiten. Jetzt kann ich hier arbeiten - für meine eigene Gemeinschaft", sagt er.

Leila beim Nachhilfeunterricht
Leila beim Nachhilfeunterricht Quelle: ZDF/Miriam Steimer

"Tranzit hat mir geholfen, ein besserer Mensch zu werden"

Auch Leilas Leben hat sich durch das Projekt verändert. Sie gibt nicht nur Unterricht, sondern hat auch selbst viel von ihren Schülern gelernt: "In der Loyola-Schule gibt es immer diesen Wettbewerb zwischen den Schülern. In Tranzit ist es das Gegenteil. Ich glaube, Tranzit hat mir geholfen, ein besserer Mensch zu werden."

Zusammen mit den anderen im Projekt angestellten Ashkali und einigen Loyola-Schülern haben Leila und Ramadan heute die Eltern im Dorf zu einem Krisentreffen eingeladen: Es gibt Ärger, weil einige Eltern ihre Kinder nicht regelmäßig zur Schule schicken. Die Eltern erzählen, dass die Kinder manchmal früher nach Hause kommen und von Streit mit Mitschülern und Lehrern erzählen. Auch mit dem Ministerium gibt es Probleme: Einige Schüler müssten vom Wissensstand die erste Klasse besuchen, die Schule lehnt das mit der Begründung ab, sie seien schon zu alt. "Das führt zu absurden Situationen, zum Beispiel dass Schüler nur inoffiziell am Unterricht teilnehmen können. Also die Schulbücher nicht bezahlt bekommen und auch keine Klassenarbeiten mitschreiben dürfen", sagt Kuhlmann.

Musikschule lockt auch albanische Kinder aus der Nachbarschaft

Auch wenn die Briefwechsel mit dem Ministerium viel Arbeit sind, weiß er, dass es sich lohnt. Er hofft, mit dem Projekt nachhaltig etwas zu verändern. Auch wenn er selbst vielleicht bald wieder zurück nach Deutschland geht. Wichtig ist vor allem, dass "Loyola-Tranzit" nicht das x-te Hilfsprojekt für Roma ist: "Es geht nicht ums Helfen, sondern darum, eine Mauer zu überspringen und Begegnungen zu ermöglichen."

Hoffnung gibt ihm ein Nebeneffekt der Musikschule in Tranzit: Sie lockt nämlich auch albanische Kinder aus der Nachbarschaft an. "Meine Hoffnung ist, dass wir es Schritt für Schritt schaffen, eine Gemeinschaft aufzubauen, in der es egal ist, wer Roma ist und wer nicht, wer Albaner, Loyola-Schüler oder Deutscher ist. Eine Gemeinschaft, in der sich alle irgendwie zuhause fühlen."

"Alte Vorurteile abbauen"

Leila und Ramadan haben das schon geschafft. Sie sitzen auf der Couch in Ramadans Haus. Ramadans Wunsch für das Projekt: dass es wächst und sich auch in anderen Dörfern Roma und Albaner kennenlernen und alte Vorurteile abbauen. "Ja, so wie bei uns: Wir haben als Kollegen angefangen und sind nun richtige Freunde", fügt Leila hinzu.

Vielvölkerstaat Kosovo

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