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ÖPNV zum Nulltarif finanzierbar? - Gratis-Nahverkehr "zunächst politische Frage"

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Bus und Bahn umsonst - die Idee der Bundesregierung wird kontrovers diskutiert. Ob das finanzierbar wäre, sei zunächst eine politische Frage, sagt Verkehrsexperte Carsten Sommer.

Archiv: Eine einfahrende U-Bahn in der Berliner Haltestelle "Hallesches Tor" in Berlin am 26.12.2017
Archiv: Eine einfahrende U-Bahn in der Berliner Haltestelle "Hallesches Tor" in Berlin am 26.12.2017 Quelle: picture alliance/Geisler-Fotopress

heute.de: Die Botschaft der Bundesregierung lautet: Bessere Luft durch kostenlosen Nahverkehr. Dahinter steckt die Gleichung: Kostenloser ÖPNV bringt mehr Leute in Busse und Bahnen, das heißt weniger Autos auf den Straßen. Aber geht diese Gleichung denn so einfach, wie sie klingt, auf?

Carsten Sommer: Ganz so einfach geht die Gleichung nicht auf. Aber natürlich spielt der Fahrpreis bei der Entscheidung über das Verkehrsmittel für viele Menschen eine Rolle. Von daher kann man davon ausgehen, dass bei Einführung eines Nulltarifes die Verkehrsnachfrage bei den öffentlichen Verkehrsmitteln deutlich steigen würde - wenn das Angebot im öffentlichen Verkehr dies zulässt. Allerdings geht es jetzt um Maßnahmen zur Luftreinhaltung. Da muss man sich erstmal fragen: Wo kommt denn die Nachfrage her? Auch Radfahrer und Fußgänger würden einen kostenlosen Nahverkehr nutzen.

heute.de: Es geht aber ja nicht nur um den innerstädtischen Verkehr.

Sommer: Ein Problem ist: Wo setzt man eine Grenze? Wenn ich jetzt sage, für Bonn oder Essen gibt es einen kostenlosen Nahverkehr, und für Stadt-Umland-Beziehungen kostet der Nahverkehr weiterhin etwas, dann heißt das natürlich, dass sich beim Pendlerverkehr nichts ändert. Da muss man überlegen: Ist das eigentlich sinnvoll und gewollt? Natürlich hat gerade bei den Großstädten der Stadt-Umland-Verkehr eine hohe Bedeutung. Für Pendler gibt es dann nur wenige Anreize für einen Umstieg. Die Frage ist also, ob ein kostenloser Nahverkehr nur im Stadtgebiet zielgerichtet ist. Weil der Verkehr, den man verlagern möchte, nicht unbedingt getroffen wird.

heute.de: Geht es bei der Entscheidung, auf den ÖPNV umzusteigen, nur um den Fahrpreis?

Sommer: Der Fahrpreis ist letztlich nur ein Entscheidungskriterium. Daneben spielt vor allen Dingen auch das Verkehrsangebot eine Rolle. Wenn es darum geht, wie ein Nulltarif wirkt, muss man sich die einzelne Kommune genau anschauen: Wie ist zum Beispiel das Angebot im ÖPNV? Es bringt mir nichts, wenn ich nur einen Zwei-Stunden-Takt habe - auch wenn Bus und Bahn nichts kosten. Die Leute sind sogar bereit, für ein gutes Angebot zu zahlen. Deswegen muss es passen, auch eine gewisse Qualität ist nötig. Wenn alle im Bus sitzen und wie Heringe zusammengepfercht fahren, wird das natürlich den einen oder anderen abschrecken. Die Einführung eines Nulltarifs hat nur Sinn, wenn der ÖPNV massiv ausgebaut wird – ansonsten können aufgrund mangelnder Kapazität keine nennenswerten Verlagerungen erreicht werden.

heute.de: Laut dem Hamburger Verkehrsverbund wären die Kosten allein für die Hansestadt pro Jahr so hoch wie die der Elbphilharmonie. Jetzt ist erstmal die Rede von Modellstädten, in denen das getestet werden soll. Ist denn ein kostenloser ÖPNV überhaupt finanzierbar?

Sommer: Wir reden von relativ großen Summen. Der ÖPNV kostet pro Jahr in Deutschland etwa 25 Milliarden Euro. Davon werden zurzeit etwa 50 Prozent über die Fahrgelderlöse getragen. Bleiben also noch 12,5 Milliarden Euro, wenn alles gleich bleiben würde. Aber eine steigende Nachfrage im ÖPNV könnte gar nicht mit dem aktuellen Angebot befriedigt werden. Sie brauchen dann mehr Fahrten. Mehr Fahrten heißt auch mehr Fahrzeuge – es müsste also erstmal viel investiert werden. Da stellt sich die Frage: Was ist einem die ganze Sache wert? Ob das finanzierbar ist, kann ich jetzt so nicht beantworten, denn dahinter steht zunächst einmal eine politische Frage.

heute.de: Der Bundesregierung geht es darum, die Schadstoffbelastung der Luft zu verringern. Ist ein Nulltarif für Bus und Bahn der richtige Weg?

Sommer: Wenn man mit Preisen zielgerichtet steuern will, dann wäre so etwas wie eine City-Maut viel sinniger, als einen Nulltarif einzuführen. Sie können gezielt eine Maut einsetzen für die Verkehrsteilnehmer, die jetzt die NOX-Belastung verursachen. Sie könnten sagen: Der Fahrer eines Euro-1-Diesel zahlt das Doppelte wie der eines Euro-6-Diesel. Damit könnte man steuern und die Menschen dazu bringen, vom eigenen Pkw auf den Öffentlichen Nahverkehr zu wechseln.

Und zusätzlich haben sie eine neue Einnahmequelle durch die Maut, die sie dann im Prinzip für umweltfreundliche Verkehrsmittel, vor allem auch für den ÖPNV nutzen könnten. Ich will damit nicht sagen, dass das einnahmenneutral ist, aber zumindest gebe es viel weniger finanzielle Verwerfungen als bei einem Nulltarif. Bei einer City-Maut können auch die Pendler ihren Beitrag dazu leisten. Das heißt, wenn man preispolitisch steuern will, dann sind City-Maut-Modelle viel zielgerichteter als ein Nulltarif.

Das Interview führte Martin Krauß.

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