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Kretschmer gewinnt Heimatwahlkreis

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Erleichterung im Schock - Kretschmer gewinnt Heimatwahlkreis

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Kretschmer hat nicht nur die CDU zum Wahlsieg in Sachsen geführt, er hat auch seinen eigenen Görlitzer Wahlkreis gegen die AfD verteidigt. Bericht aus einer zerrissenen Stadt.

michael kretschmer, ministerpraesident von sachsen und seine lebensgefaehrtin annett hofmann bei der cdu-wahlparty der landtagswahl in sachsen.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat in seinem Wahlkreis in Görlitz das Direktmandat für die CDU geholt.
Quelle: Reuters

Schon nach 18 Uhr von Hochstimmung keine Spur im "Zeltgarten", einem Görlitzer Biergarten. Die AfD verpasst das selbstgesteckte Ziel, stärkste Kraft in Sachsen zu werden. Der Beamer mit der TV-Übertragung streikt ausgerechnet jetzt, aber Sebastian Wippel hat die News schon auf seinem Handy gesehen. Für sich persönlich hofft er da noch. Der AfD-Direktkandidat für den Wahlkreis Görlitz 2 will den Coup wiederholen, der zuletzt seinem Parteifreund Tino Chrupalla zur Bundestagswahl gelang: Kretschmer zuhause abwählen, ihm sein Direktmandat abjagen. Das hätte wohl Auswirkungen bis in nach Berlin gehabt. Wippel muss gut drei Stunden warten und viel rauchen, bis alle fünf Gemeinden ausgezählt sind. Am Ende siegt Kretschmer, der Ministerpräsident. Sogar deutlich, mit 45,8 Prozent der Direktstimmen vor Wippel mit 37,9 Prozent. 

Der Polizist macht auch die jüngsten rechtsradikalen Enthüllungen über den Brandenburger AfD-Chef Kalbitz dafür mitverantwortlich. "Ob das stimmt oder nicht, ob es vorher bekannt war oder nicht, ist ja egal, das wird gespielt, um uns zu schaden. Irgendwas bleibt immer hängen, wenn man mit Schmutz wirft. Wir sind nicht aus Teflon, das kann schon sein, dass das seine Wirkung in Teilen nicht verfehlt hat."

Große Desillusionierung

Ein paar Stunden zuvor. Es ist still und drückend in Görlitz am späten Nachmittag dieses Wahlsonntags. 29 Grad, 57% Luftfeuchte, nur wenige sind auf den Straßen. Die, die ich treffe, lassen sich überraschend gerne befragen zu ihrer Wahlentscheidung. Was dabei sofort auffällt: Eine allgemeine große Desillusionierung.

Martin Handke, junger Vater eines Babys, hat rein taktisch gewählt: "Für mich geht’s heute nur darum, die AfD zu verhindern." Das Görlitzer Ehepaar Immer - sie Lehrerin, er Rentner - wirkt schon vor Schließung der Wahllokale resigniert: "Hier im Osten gibt es einfach rund ein Viertel rechter Wähler, die wird es immer geben.", so Diedrich Immer. Cornelia Immer gesteht: "Manchmal, wenn ich mich so umgucke und denke, fast jeder Dritte hier wählt AfD, dann friert es mich!"

Ein Ehepaar kommt mit drei Kindern aus dem Wahllokal in der August Moritz Böttcher-Grundschule. Wanda Heinke, 38, ist Buchhändlerin, ihr Mann Ronny, 40, Stahlbauer. Sie haben ihr Kreuz jeweils ganz unterschiedlich gesetzt: Sie hat die Grüne Franziska Schubert gewählt, er den AfD-Kandidaten Sebastian Wippel. Ehekrach gibt’s deshalb nicht, sagen sie, bei vielen in ihrem Bekanntenkreis sei das so. Warum haben sie so verschieden gestimmt? Ronny Heinke wählt Protest, obwohl er nicht glaubt, dass das wirklich was ändert. "Aber die Altparteien sollen endlich mal aufwachen!" Dabei hält sich Heinke selbst für "patriotisch, theoretisch in der Mitte." Seine Frau mag die Grünen eigentlich gar nicht so sehr: "Die haben als Partei auch noch viele ungelöste Fragen!" Aber deren Görlitzer Spitzenkandidatin Schubert sei  einfach "ein guter Typ". Die AfD könne sie nicht wählen, weil "zu männerlastig".

Ein anderer Görlitzer wartet vor dem Wahllokal mit dem Kinderwagen. Seinen Namen will er nicht sagen. Nur so viel: Angestellter, 47 Jahre alt, seit 20 Jahren in derselben Firma, genauso lange schon bekommt er den gleichen Lohn, immer knapp über dem Mindestlohn, nicht eine Gehaltserhöhung in all der Zeit.

Strukturwandel in Görlitz

Der Kontrast hier ist tatsächlich riesig: zwischen den schick gemachten Fassaden und der Lebenswirklichkeit vieler Görlitzer. Bis heute verdient man im bayerischen Ingolstadt durchschnittlich mehr als doppelt so viel wie im sächsischen Görlitz. Das Baby im Kinderwagen des Mannes ist neun Monate alt, soll demnächst in die Kita, und gerade kam der Kostenbescheid: rund 250 Euro. "In anderen Bundesländern ist Kinderbetreuung kostenlos!"

Früher hat er die Linke gewählt, seit einigen Jahren stimmt er für die AfD: "Die sollen mal ihre Chance bekommen." Die Personen, die in der Partei vorne dran stehen, sind ihm dabei völlig egal. Würde er sich selbst als Rechter bezeichnen? "Nein, als DDR-Bürger. Seit 30 Jahren haben wir hier denselben Mist, jetzt gibt’s eben mal die Quittung." Und die Strukturhilfen, die die Bundesregierung erst wenige Tage vor der Wahl auch und gerade für den Kohleausstieg im Osten beschlossen hat - ist das nichts, diese Milliarden von Euro, die auch der Lausitz zugute kommen sollen? "Ach, das ist doch typisch, kurz vor der Wahl versprechen sie uns alles und dann versickert das bloß wieder", so der AfD-Wähler.

Katrin Wiegand, 53, ehemals Hotelrezeptionistin und heute Frührentnerin, will nicht sagen, wen sie gewählt hat. Nur so viel: "Nicht die AfD!". Und trotzdem wäre sie nicht traurig gewesen, wenn deren Kandidat Sebastian Wippel im Juni Oberbürgermeister von Görlitz geworden wäre. Weil sie ihn sympathisch findet und "keine Angst hätte, wenn er ans Ruder käme".

OB-Wahl hat etwas zum Kippen gebracht

Diese OB-Wahl hat in Görlitz was zum Kippen gebracht, das klingt in vielen Gesprächen immer wieder durch. Bei den Kommunalwahlen im Mai siegte die AfD im ersten Wahlgang mit Wippel – und zwar deutlich. Daraufhin zog die Grüne Franziska Schubert ihre Kandidatur im zweiten Wahlgang zurück. Ein überparteiliches Bündnis verhinderte dann bei der Stichwahl im Juni die Wahl des ersten AfD-Bürgermeisters. Octavian Ursu von der CDU zog im Rathaus ein. Ein Gemauschel, so haben es wohl viele hier empfunden. Auch deshalb hat die AfD dazu aufgerufen, nach der Wahl im Wahllokal zu bleiben und die Auszählung zu überwachen. Man witterte Wahlbetrug.

Markus John, kaufmännischer Angestellter, ist einer der wenigen, der hier die Stimmkabine optimistisch verlässt: "Ich habe demokratisch gewählt!" Görlitz sei eine weltoffene Stadt, ihr Image vor allem von den Medien heruntergeschrieben. "Hier gibt es viel mehr Demokraten als Anti-Demokraten!", gibt sich John überzeugt. Ministerpräsident Kretschmer habe seine Sache gut gemacht in den letzten Monaten, sei sehr präsent gewesen, genauso wie SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig.

Am Ende hat Kretschmer mit seiner CDU den doppelten Sieg geschafft, im Land und in seinem Heimatwahlkreis. Doch bei den Zweitstimmen siegt die AfD auch in Görlitz. Und nach aktuellem Stand haben in Sachsen fast 28% der Wähler für die AfD gestimmt.

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