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Wie sinnvoll ist das Plastiktüten-Verbot?

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Zum Einkauf mit Beutel - Wie sinnvoll ist das Plastiktüten-Verbot?

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Die Bundesumweltministerin will Plastiktüten verbieten. Ohne einzukaufen, sei doch so einfach. Die Einzelhändler sind sauer, Naturschützer auch: Das Verbot bringe nicht viel.

Was plant die Bundesumweltministerin?

  • Plastiktüten im Einzelhandel sollen ab 2020 verboten werden. Nur die dünneren, sogenannten Knotenbeutel für Obst und Gemüse beispielsweise bleiben erlaubt. Auch Beutel selbst, für den Müll zum Beispiel, bleiben im Handel. Es geht nur um Tüten, mit denen Einkäufe aus dem Laden getragen werden. Und die eine Wandstärke von weniger als 50 Mikrometern haben.
  • Plastiktüten aus sogenanntem Bio-Plastik werden ebenfalls verboten.
  • Händler bekommen eine Übergangsfrist von sechs Monaten, um ihre Restbestände zu verbrauchen. Wer danach gegen das Verbot verstößt, muss mit Bußgeldern in Höhe von bis zu 100.000 Euro rechnen.

Warum macht sie das?

Schulze steigt nicht in das Rennen um den SPD-Vorsitz ein. Archiv
Bundesumweltministerin Svenja Schulze.
Quelle: Britta Pedersen/zb/dpa

"Wir brauchen einen Ausstieg aus der Wegwerfmentalität", sagt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Plastiktüten würden "aus Rohöl hergestellt und oft nur wenige Minuten genutzt". Es sei "so einfach", sagt Schulze, seine Einkäufe in mitgebrachten Beuteln nach Hause zu nehmen. Ein Verbot der Tüten sei "genau der richtige Weg" und genieße in der Bevölkerung "großen Rückhalt". Viele kauften heute schon so ein. Wenn die dünneren Tüten für Obst und Gemüse gleichzeitig wegfielen, "würden wir das Gegenteil erreichen", so die Ministerin. Zu befürchten sei nämlich, dass dann Obst und Gemüse häufiger in verschweißten Verpackungen, die noch umweltschädlicher sind, statt lose angeboten werden.

Auch Knotenbeutel könnten aber demnächst verboten werden, kündigt Schulze an, ohne einen Zeitraum zu nennen. "Ich bin noch nicht zufrieden", sagt sie. Das Verbot der dickeren Plastiktüten sei nur "der Anfang". Aber auch der muss noch ein bisschen warten: Schulzes Gesetz ist erst einmal ein Entwurf. Er muss nun noch innerhalb der Bundesregierung abgestimmt werden und letztlich vom Bundestag beschlossen werden.

Wie ist es denn zurzeit geregelt?

1 Prozent
Beträgt der Anteil der Plastiktüten am Kunststoffverbrauch

Seit 2016 hat sich der Einzelhandel selbst dazu verpflichtet, Plastitiktüten nicht mehr kostenlos an Kunden abzugeben. Allerdings: Nicht alle Einzelhändler machen mit, in Schuhgeschäften zum Beispiel sind Tüten nach wie vor üblich. Hintergrund ist eine EU-Verordnung. Demnach soll bis 2025 pro Kopf nicht mehr als 40 Tüten unter 50 Mikrometer im Jahr benutzen. Diesen Wert hat Deutschland schon längst erreicht, der Verbrauch sinkt stetig.

Waren es 2015 noch 68 Tüten pro Kopf, waren es im vorigen Jahr nur noch 24. Umgerechnet heißt das aber auch: gut zwei Milliarden Kunststofftaschen gingen an den Kassen in Umlauf. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums liegt der Anteil der Plastiktüten am Kunststoffverbrauch insgesamt in Deutschland allerdings bei weniger als ein Prozent. Noch im Frühjahr hatte laut Deutscher Presse-Agentur ein Sprecher des Bundesumweltministeriums von "peanuts" gesprochen.

Ein Prozent? Wie sinnvoll ist das Verbot dann?

Plastik ist ein Problem. Etwa 75 Prozent der Müllfunde in den Meeren und an Stränden bestehen aus Kunststoff, sagt das Umweltbundesamt. Weltweit seien mehr als 800 Tierarten davon betroffen. Feinste Plastikteilchen finden sich mittlerweile überall in der Umwelt: neben den Meeren und Tieren in Flüssen, Böden und sogar im Schnee. Die Langzeitauswirkungen auf den Menschen werden derzeit erforscht. Von daher sträuben sich weder die Grünen noch Umweltverbände gegen das Verbot. Allerdings: Sie halten es für zu wenig.

"Was fehlt ist ein Gesamtkonzept", sagt Katrin Göring-Eckardt, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag. Und was fehlt, sei ein Konzept, dass Einwegverpackungen "insgesamt verschwinden". Tüten verbieten, aber dünnere weiter zu erlauben, "macht keinen Sinn". Auch FDP-Chef Christian Lindner sagt: "Nicht alles, was gut gemeint ist, hat dann auch tatsächlich ein gutes Ergebnis."

Nabu: Politik "schwimmt nur auf einer Welle mit"

Das sieht auch der Naturschutzbund Nabu so. Das Verbot "greift zu kurz", sagt Katharina Istel, Referentin für nachhaltigen Konsum. Solange man nicht gleichzeitig genau so radikal gegen die Papiertüte vorgehe, Kunststoffe im Onlinehandel ersetze, Tüten an Imbisständen verbiete oder drastisch verteuere, "schwimmt Politik nur auf einer Welle mit", kritisiert Istel.

Beispiel Papiertüte: Sie bestehen meistens aus Frischfaser, selten aus echtem Altpapier. Einwegtüten aus frischen Papierfasern müssten nach Ansicht des Nabu mindestens dreimal so oft genutzt werden wie eine erdölbasierte Plastiktüte, damit sich die Klimabilanz ausgleicht. Beispiel Verpackungen im Einzelhandel: Höheren Anteil am Plastikmüll als die Tüten hätten vermutlich die Umverpackungen auf den Paletten. Istel spricht deswegen von einem "Ablenkungsmanöver": Statt sich jetzt um die echten Probleme zu kümmern, wird eben die Tüte verboten.

Der WWF befürchtet, dass die Verbraucher auf die dünnen Tüten ausweichen, da es sie ja noch gibt. "Dort haben wir jetzt schon einen Verbrauch von 37 Tüten pro Kopf, was viel zu viel ist", sagt Bernhard Bauske vom WWF.

Was hält der Handel von dem Verbot?

Nicht viel. "Die Einzelhändler haben Wort gehalten und die Vereinbarung mit dem Bundesumweltministerium zur Reduzierung von Einwegtragetaschen übererfüllt“, sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland. Dieses geplante Verbot sei ein klarer Vertrags- und Vertrauensbruch. Im Handel arbeiteten drei Millionen Beschäftigte. Die fragten sich nun, glaubt Genth, ob man sich auf das Wort der Regierung noch verlassen könne.

Steht Deutschland mit dieser Idee allein?

Überhaupt nicht. Im Gegenteil: Nach Angaben der Vereinten Nationen haben bereits 124 Staaten Vorschriften für den Umgang mit Plastiktüten. Erstes Land in Afrika war 2008 Ruanda. Auf illegalen Besitz sowie den Handel mit Tüten stehen dort hohe Strafen. Reisende dürfen keine Plastiktüten einführen. Im vorigen Jahr wurden auch Einweg-Bestecke und -Becher aus Plastik verboten.

Kenia legte 2017 das wohl strengste Plastiktüten-Gesetz der Welt auf: Wer das Verbot umgeht, Plastiktüten zu benutzen, herzustellen oder einzuführen muss mit bis zu 38.000 US-Dollar (rund 34.000 Euro) Strafe oder vier Jahren Gefängnis rechnen. Andere Länder zogen nach: Island, Neuseeland zum Beispiel. in Dänemark führte eine Supermarktkette Pfand auf Tüten ein. Seit April bekommen Kunden, die gebrauchte Tüten wieder in einem der 56 Läden abgeben, umgerechnet rund 13 Cent zurück. Dafür sind die Tüten beim Kauf etwas teurer.

Allerdings auch das gibt es: In den USA, das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Einwegplastik, haben einige Bundesstaaten ein Verbot von Plastiktüten oder Plastikgeschirr - verboten.

So lassen sich Verpackungen beim Einkauf vermeiden

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