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Demografiekongress in Berlin - "Bundesteilhabegesetz noch nicht ausgegoren"

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Circa 7,6 Millionen Menschen in Deutschland sind schwerbehindert. Das Bundesteilhabegesetz soll ihre Lebensumstände verbessern. In der jetzigen Form benachteilige es aber ältere geistig Behinderte, sagt Dietmar Meng, Geschäftsführer der Lebenshilfe Berlin, im heute.de-Interview.

heute.de: In Deutschland leben laut statistischem Bundesamt circa 7,6 Millionen Schwerbehinderte. Das heißt: Fast jeder zehnte Bundesbürger braucht besondere Hilfe. Wer kümmert sich vor allem um diese Menschen?

Dietmar Meng: Hauptsächlich sind das nach wie vor die Familien. Bei den Zahlen müssen wir differenzieren: Die große Mehrheit der fast acht Millionen Hilfebedürftigen ist körperlich behindert oder chronisch krank, etwas weniger als eine Million Menschen sind geistig behindert. Generell gilt: Je stärker die Behinderungen und je älter die Menschen werden, desto mehr spielt neben der Familie die professionelle Hilfe eine wichtige Rolle.

heute.de: Schwere Behinderungen treten vor allem bei älteren Menschen auf. Ist die professionelle Hilfe - wenn Familien an ihre Grenzen stoßen - in der Breite heute so aufgestellt, dass Schwerbehinderte gut versorgt werden?

Meng: Ich kann das für die Ballungsräume in Deutschland bejahen, da gibt es eine gute Versorgungsstruktur. Je ländlicher die Region, desto dünner wird das professionelle Netz, umso mehr hängt es vom familiären Umfeld ab. Das kann dann schwierig werden.

heute.de: Was bedeutet das insbesondere für geistig Behinderte?

Meng: Wenn die Eltern sterben, kann es problematisch werden, Betroffene aufzufangen, wenn sie noch im Elternhaus leben. Für sie muss dann spontan ein Wohnplatz gefunden und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht werden. Hier in Berlin dagegen streben wir gemeinsam mit dem Land an, dass Menschen mit geistiger Behinderung schon frühzeitig und zu Lebzeiten der Eltern etwa in ambulant betreuten Wohngemeinschaften so selbstständig wie möglich leben können. Die am liebsten gewählte Wohnform ist inzwischen sogar die klassische Wohnung wie bei jedem Nichtbehinderten auch. Das ist möglich, wenn die entsprechende Unterstützung vorhanden ist.

heute.de: Auf dem heute und morgen stattfindenden Demografiekongress in Berlin, an dem Sie teilnehmen, geht es unter anderem um die Frage, wie sich das reformierte Bundesteilhabegesetz auf die Lebenssituation behinderter Menschen auswirkt. Ein Ziel ist es, bundesweit gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen.

Meng: Davon sind wir noch ein ganzes Stück entfernt, aber ich will das Gesetz nicht pauschal schlecht machen. Es gibt nämlich einen wichtigen, fortschrittlichen Paradigmenwechsel: Heute steht das Individuum im Mittelpunkt und es wird versucht, diesen Menschen so zu unterstützen, dass ihm die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben entsprechend seiner Potenziale ermöglicht wird.

heute.de: Wo sehen Sie bereits konkrete Fortschritte in der Praxis?

Meng: Noch spüren wir die Konsequenzen des Gesetzes nur sehr eingeschränkt, weil zwar der Rahmen gesetzt ist, aber viele Dinge in der Praxis noch nicht wirken. Es gibt ein zeitversetztes Inkrafttreten, nämlich erst 2021.

heute.de: Dann wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wenn alles am Gesetz so bleibt wie bislang, wo sehen Sie Menschen mit geistiger Behinderung dann?

Meng: Da gibt es eine strukturelle Schwäche, die vor allem ältere Menschen mit einer geistigen Behinderung benachteiligt, wenn sie wie bei uns etwa in einer Wohngemeinschaft mit ambulanter Pflege wohnen. Diese Pflege wird nach den neuen Regeln nur noch mit 266 Euro monatlich pauschal abgegolten, wobei die volle Pflege viel teurer ist. Wenn da also nicht mehr Geld kommt, müsste die Pflege zulasten der pädagogischen Eingliederungshilfe finanziert werden.

heute.de: Das würde in der Konsequenz also eher weniger als mehr Teilhabe dieser geistig behinderten Menschen bedeuten, oder?

Meng: Ja, deshalb muss das Gesetz noch angepasst werden, das ist so noch nicht ausgegoren. Wenn man wirklich Teilhabe und ambulante Pflege will, also dass Menschen mit geistiger Behinderung wie alle anderen älteren Bürger möglichst lange zuhause leben können, dann werden die aktuellen gesetzlichen Regelungen nicht reichen. Dann wird man zusätzliches Geld brauchen, sonst ist das alles andere als ein Fortschritt für die betroffenen Menschen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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