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Polens Staatsspitze und die wilden Rinder

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Kühe kurz vor Rettung - Polens Staatsspitze und die wilden Rinder

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Fast 200 Kühe laufen an der deutsch-polnischen Grenze frei herum. Erst sollen sie getötet werden - dann entdeckt Polens Regierung ihr Herz für sie. Auch aus politischen Gründen.

Kühe auf der Wiese (Symbolbild)
Kühe auf der Wiese (Symbolbild)
Quelle: dpa

Eins vorneweg - es sieht ganz gut aus für die 170 bis 180 freilaufenden Kühe, deren Geschichte wie eine Posse aus der Provinz daherkommt. Sie dürfen wohl am Leben bleiben. Die Frage über das Schicksal der Wiederkäuer hat es bis nach Warschau geschafft - in den Präsidentenpalast und bis zum Chef der nationalkonservativen Regierungspartei PiS, Jaroslaw Kaczynski. Aber von vorn.

Freigelassene Kühe ohne veterinäre Behandlung

Weil die Besitzer, Brüder aus der Gemeinde Deszczno an der Grenze zu Deutschland laut eigener Aussage keine Weide für ihre Tiere zur Pacht bekommen, lassen sie die Tiere frei. Die grasen munter in der Gegend rum, wild, ohne Ohrmarkierung oder veterinäre Behandlung.

Der polnische Landwirtschaftsminister ist sich im Mai noch sicher: den Kühen geht es an den Kragen. Veterinäre hatten befunden, sie könnten gefährlich für die Gesundheit sein, könnten Krankheiten übertragen.

Werden die Kühe getötet?

Es folgen Proteste von Tierschützern, die Kühe werden zu Stars der sozialen Netzwerke, selbst polnische Hochglanzpromis appellieren an den Minister, die Kühe doch bitte nicht zu töten.

Die Gemeinde Deszczno umzäunt die Rinder, Aktivisten ziehen auf. "Sie sollen leben! Leben für die freien Kühe", steht auf ihren Transparenten. Für die Kühe geht es um die Wurst, jetzt am Wochenende droht die Zwangstötung. Und nun wird es politisch.

Gelegenheit für einen Seitenhieb an die EU

Denn Polens Nationalkonservative entdecken für sich - dieses Thema ist prima auszuschlachten. Staatspräsident Andrzej Duda twittert: "Obwohl die EU-Vorschriften uns zwingen, die Tiere zu töten, werden wir eine Lösung finden, wir Polen schaffen das, und wir drücken der Herde die Daumen." So kann man nebenbei der EU gleich noch einen Seitenhieb mitgeben. Schließlich ist den Nationalkonservativen zu viel Einmischung aus Brüssel ohnehin ein Graus.

Wichtiger aber als das Wort Dudas wiegt das von PiS-Parteichef Kaczynski, begeisterter Katzenbesitzer und großer Tierfreund. "Ich habe interveniert, weil es für mich selbstverständlich ist, dass man diese Kühe retten muss." Der Landwirtschaftsminister, der, der sagte, die Kühe müssten geschlachtet werden, steht prompt stramm: "Nach der Intervention des Präsidenten und des Parteivorsitzenden", sagt Jan Krzysztof Ardanowski dann gestern, "habe ich beschlossen, dass diese Tiere nicht geschlachtet werden. Ich verschweige nicht, dass die persönliche Intervention des Vorsitzenden Kaczynski für mich sehr wichtig war."

Schwarzer Peter nach Brüssel geschoben

Womit also bewiesen wäre, wie der Hase, bzw. die Kuh, läuft in Polen: Am Ende entscheidet alles ein Mann, sei es zum Thema Medienreform, Justizreform oder eben wilde Kühe. 

Außerdem schieben die Nationalkonservativen geschickt den Schwarzen Peter Brüssel zu. Denn die Vorschriften der Europäischen Kommission würden sie ja eigentlich zur Schlachtung zwingen müssen, heißt es in Warschau. Sind also die Kühe am Ende nicht tot, kann man das als Erfolg von Kaczynski und Co verbuchen. Entscheidet man sich, sie doch zu schlachten, dann wäre der Schuldige vermeintlich schnell ausgemacht und die Schlagzeilen garantiert: "EU tötet Polens Kühe". Und so eine Gruppe wilder Kühe für Polens Nationalkonservative zur heiligen Kuh geworden - und zu PR in eigener Sache.

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