Wie KI Beethovens Zehnte vollenden soll

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Computer als Komponist - Wie KI Beethovens Zehnte vollenden soll

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Beethovens letzte Sinfonie blieb unvollendet. Jetzt soll Künstliche Intelligenz das Stück zu Ende komponieren. Wie die ersten Versuche klingen, hören Sie hier.

Anlässlich des 250. Beethoven-Geburtstages 2020 haben sich Wissenschaftler an ein ambitioniertes Projekt gemacht: Sie wollen mithilfe künstlicher Intelligenz das vollenden, was Beethoven selber nicht mehr vollenden konnte: die 10. Sinfonie.

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Es ist der 18. März 1827, als Ludwig van Beethoven im Alter von 57 Jahren einen Brief an seinen Freund, den Komponisten Ignaz Moscheles schreibt. Darin ist die Rede von einer "Synfonie, die schon skizirt in meinem Pulte liegt". Sie ist Teil eines Auftrags, den er von der Philharmonischen Gesellschaft in London bekommen hat: die Komposition zweier Sinfonien.

Ein Partitur von Beethoven
Die Original-Partitur von Ludwig van Beethoven - Fragmente und Skizzen der unvollendeten zehnten Sinfonie.
Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Germany

Die andere ist da längst fertig. Deren vierter Satz gilt heute als eines der am meisten gespielten und populärsten klassischen Werke: die "Ode an die Freude" - Europahymne und letzter Teil von Ludwig van Beethovens neunter Sinfonie. Es ist seine letzte vollendete. "Er hat parallel zur Neunten angefangen über die Zehnte nachzudenken. Dann hat er aber die Zehnte erstmal beiseitegelegt und hat die Neunte komponiert.", sagt Professorin Christine Siegert vom Bonner Beethoven-Haus.

Sechs Wissenschaflter füttern die Software

Doch die Zehnte bleibt unvollendet. Denn acht Tage nach seinem Brief an Ignaz Moscheles stirbt van Beethoven und hinterlässt der Nachwelt ein kleines rotes Buch: Fragmente und Skizzen ebendieser zehnten Sinfonie. Und die Musikwissenschaft fragt sich seither, was Beethoven damals wohl im Sinn hatte, wie es wohl aus seiner Feder geklungen hätte.

Immer wieder haben Komponisten und Musikwissenschaftler Versuche unternommen, Beethovens Zehnte zu Ende zu schreiben. Jetzt soll es die künstliche Intelligenz richten. Die Deutsche Telekom hat dazu in Bonn ein halbes Dutzend Wissenschaftler zusammengebracht. Seit Juni 2018 treffen sie sich immer wieder zu Workshops im Beethoven-Haus. Gemeinsam füttern sie die Computer-Software so mit Wissen, dass der am Ende eine Sinfonie ausspuckt. Erste Fragmente sind bereits fertig.

Computer verlängert Beethovens musikalische Idee

Wir geben der Software eine Skizze, die Beethoven aufgeschrieben hat, und die Software fängt jetzt an, diese Melodie zu verlängern.
Matthias Röder, Projektleiter

"Wir geben der Software eine Skizze, die Beethoven aufgeschrieben hat, eine musikalische Idee, die noch sehr unausgereift ist und die Software fängt jetzt an, diese Melodie zu verlängern. Und zwar mit dem Wissen darüber, wie Beethoven komponiert hat und wie Zeitgenossen von Beethoven komponiert haben", sagt Projektleiter Matthias Röder im Gespräch mit dem ZDF.

Das Ergebnis ist also nicht alleine davon abhängig, was die Software am Ende an Tonfolgen ausspuckt, sondern womit sie gefüttert wird. So entscheiden immer noch Menschen darüber, welche Stücke von Beethoven sie der Software überhaupt geben.

Musikwissenschaftler komponieren Beethoven neu
Das Team um Matthias Röder (rechts im Bild) komponiert mit KI Beethoven neu.
Quelle: Ralph Goldmann

12 Noten von Beethoven - der Rest vom Computer

Die Künstliche Intelligenz kann musikalisches Material generieren, das menschliche Experten dann nutzen können, um vielleicht etwas Bedeutsames zu kreieren.
Prof. Ahmed Elgammal, Direktor des Labors für KI, Rutgers Universität

"Wir können nicht einfach auf einen Knopf drücken und fertig ist die Sinfonie. So etwas kann niemals gelingen. Die Künstliche Intelligenz kann aber musikalisches Material generieren, das menschliche Experten dann nutzen können, um vielleicht etwas Bedeutsames zu kreieren", sagt deshalb auch Prof. Ahmed Elgammal, Direktor des Labors für Künstliche Intelligenz an der Rutgers Universität New Jersey.

Der emeritierte Harvard-Professor und Beethoven-Fachmann Robert David Levin probiert dann am Klavier das aus, was der Computer generiert hat. Auf dem Notenblatt vor ihm sind nur die ersten zwölf Noten von Beethoven zu sehen. Der Rest stammt aus dem Computer.

So ganz zufrieden sind sie an diesem Tag Mitte November mit dem Ergebnis noch nicht. "Das lässt sich natürlich so oder so entwickeln. Die große Frage ist: Wie weit wir jetzt sind in dem Versuch, aus Künstlicher Intelligenz einen Musiksatz zu machen, der nach Beethoven klingt", sagt Professor Levin.

Künstliche Intelligenz - "keine Emotion und Ehrgeiz"?

Schon einmal hat ein Telekommunikationsunternehmen mittels künstlicher Intelligenz eine unvollendete Sinfonie vollendet. Anfang des Jahres war das, mithilfe einer Smartphone-Software. Da präsentierte der Technologie-Konzern Huawei in London in einem PR-Coup seine Version von Schuberts Sinfonie in h-Moll, D759, mal als siebte, mal als achte bezeichnet.

Aus einer Analyse der ersten beiden Sätze schufen die Software und der Komponist Lucas Cantor dann den dritten und vierten Satz. "Es ist, als ob ein Mitarbeiter neben dir sitzt, der nie müde wird, dem nie die Ideen ausgehen und der nie eine Meinung hat. Der einfach nur dazu da ist, um zu arbeiten und zu helfen.", sagt Cantor. Der Musik-Kritiker Manuel Brug von der Welt allerdings war bei der Aufführung dabei und klang einigermaßen enttäuscht: er hörte "dräuende, ja dröge Passagen". Sein Fazit: Künstliche Intelligenz habe "keine Emotion und keinen Ehrgeiz". Kein Computer kann erahnen, was Beethoven dachte.

Vor der Verleihung des OPUS Klassik zeigen drei junge Musiker, wie sehr sie das klassische Fach begeistert. Beethovens Musik sei bis heute noch aktuell und “was total Spannendes”.

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Wir wollen zeigen, dass auch die Maschinen einen kreativen Nutzen für uns Menschen haben können.
Tim Höttges, Telekom-Vorstand

Jetzt will es die Telekom besser machen. "Wir wollen zeigen, dass auch die Maschinen einen kreativen Nutzen für uns Menschen haben können", sagt Vorstand Tim Höttges. Doch wie frevelhaft ist ein solches Vorhaben? Denn kein Komponist, kein Wissenschaftler und kein Computer kann erahnen, was Beethoven oder Schubert oder die anderen Genies dieser Zeit vor über 200 Jahren dachten.

Experte wenig begeistert vom ersten Ergebnis

Es ist sehr langweilig und klingt ganz und gar nicht nach Beethoven, obwohl man das ein oder andere Motiv von Beethoven heraushört.
Professor Barry Cooper

Professor Barry Cooper hat den Versuch einmal gewagt. Er rekonstruierte zumindest den ersten Satz und präsentierte 1988 seine Version in London mit dem Liverpooler Sinfonie-Orchester unter der Leitung des Österreichers Walter Weller. Das Londoner Symphonie-Orchester hatte danach das Fragment im Studio auf CD eingespielt.

In Manchester hat das ZDF dem Komponisten eine erste Passage der zehnten Beethoven-Sinfonie, die mithilfe von künstlicher Intelligenz erzeugt worden ist, vorgespielt: "Es ist sehr langweilig und klingt ganz und gar nicht nach Beethoven, obwohl man das ein oder andere Motiv von Beethoven heraushört", sagt der Experte. "Sie haben so viel menschliche Intelligenz in diesem Team. Sie sollten in der Lage sein, etwas Plausibles zu komponieren ohne die Hilfe von Künstlicher Intelligenz."

"Beethoven hätte nichts dagegen gehabt"

Professorin Christine Siegert vom Beethoven-Haus ist sich sicher, Beethoven hätte nichts dagegen gehabt: "Er hat über Überarbeitungen mal sinngemäß gesagt, es wäre als Komponist sinnlos sich dagegen zu sträuben, weil das Zeitalter das möchte. Er wusste auch, dass er nur so überhaupt bekannt werden konnte."

Er wird im kommenden Jahr jedenfalls in aller Munde und in aller Ohren sein. Am 17. Dezember 1770 wurde er in Bonn geboren. Die Stadt feiert seinen 250. Geburtstag ein ganzen Jahr lang schon ab dem Mitte Dezember diesen Jahres. Im April dann soll die Unvollendete endgültig vollendet sein und uraufgeführt werden. Angst vor einem Verriss oder kritischen Diskussionen haben sie in Bonn nicht: "Das wird dann wieder zu fruchtbaren neuen Ideen, vielleicht zu neuen Modifikationen und neuen Anregungen führen. Jedenfalls würde ich mir das wünschen", sagt Professor Siegert.

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