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"Die Zensur ist in Brasilien heute Fakt"

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Regierung steuert Filmindustrie - "Die Zensur ist in Brasilien heute Fakt"

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Das brasilianische Kino sieht sich Angriffen der Regierung ausgesetzt. Sie kürzt nicht nur Fördergelder, sondern versucht, eine konservative Linie durchzusetzen.

Jair Bolsonaro
Präsident Bolsonaro hätte am liebsten einen Evangelikalen an der Spitze der brasilianischen Filmbehörde.
Quelle: reuters

Passend zum "Tag des schwarzen Bewusstseins" hätte "Marighella" im November in den brasilianischen Kinos anlaufen sollen. Passend, weil der namensgebende Carlos Marighella schwarzer Kommunist und Gründer einer Guerillabewegung gegen die Militärdiktatur war. Und passend, weil sich sein Todestag im November zum 50. Mal jährte, 1969 wurde er vom Militär erschossen. Großer brasilianischer Kinostoff und dazu noch hochkarätig besetzt. Die Filmbiografie ist das Regiedebüt von Wagner Moura, der international in der Rolle des Pablo Escobar in der Netflix-Serie "Narcos" bekannt geworden ist. Musiker und Filmstar Seu Jorge spielt Marighella.

Nur ist es so nicht gekommen, mit dem Kinostart im November. Zwar läuft oder lief der Film weltweit, unter anderem bei der Berlinale 2019, aber die Premiere in Brasilien wurde im September abgesagt. Bis heute gibt es keinen neuen Starttermin.

Der Kultur den Krieg erklärt

Der Grund: die nationale Filmbehörde Brasiliens, Ancine (Agência Nacional do Cinema). Die Produzenten hätten den Film dort nicht rechtzeitig eingereicht, heißt es. Für Regisseur Wagner Moura ist das ein Vorwand. Bei einer Vorführung des Films in Lissabon sagte er: "Die Zensur ist in Brasilien heute Fakt. Sie verbieten Kultur." "Marighella" sei kein Einzelfall. "Bolsonaro hat der Kultur den Krieg erklärt."

Tatsächlich hat Jair Bolsonaro in den ersten Monaten seiner Präsidentschaft das Kulturministerium abgeschafft und allerlei Gelder gekürzt. Er forderte außerdem einen "Filter" für die Filmbehörde. Bislang würden öffentliche Gelder für pornografische Filme verwendet, während brasilianische Helden im Kino nicht vorkämen, behauptet der Präsident. Auf Twitter schrieb er zu dem Thema: "Kulturförderung wird erhalten bleiben, aber für talentierte Künstler."

Förderung nur für "talentierte Künstler"

Wer in den Augen der Regierung als talentiert gilt, ist unklar. Der zweite Film, der kürzlich Missbilligung von oben zu spüren bekam, ist das Drama "A Vida Invisível", in Deutschland "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão". Zwar läuft er in den Kinos Brasiliens, die Ancine ließ im Dezember aber plötzlich Filmplakate von ihrer Webseite und dem Hauptsitz der Behörde in Rio entfernen und sagte außerdem eine kostenlose Ausstrahlung ab. International wurde die deutsch-brasilianische Produktion prämiert und sogar für einen Oscar gehandelt.

Anders als "Marighella", der Film über den Guerilla-Kämpfer, ist "A Vida Invisível" kein vordergründig politischer Film. Er verfolgt das Leben zweier entfremdeter Schwestern im Rio der 1940er und 50er Jahre. Die aus der konservativ-religiösen Sicht der Regierung Bolsonaro wohl kritischsten Inhalte: eine recht explizite und grobe Sexszene und eine Frau, die eine Abtreibung in Erwägung zieht.

Mit der Bibel unter dem Arm

Einer Gruppe Journalisten gegenüber beschrieb Bolsonaro im Sommer die Art der Führung der Ancine, die er gerne sehen würde, folgendermaßen: Der nächste Präsident der Behörde sollte ein Evangelikaler sein, "der mit einer Bibel unter dem Arm kommt" und "200 Verse rezitieren kann".

In der brasilianischen Kulturszene regt sich derweil der Protest. "Cinema resiste", Kino leiste Widerstand, sprayten Unbekannte auf eine Wand nahe der Filmbehörde und klebten die verschwundenen Kinoplakate wieder auf. "A Vida Invisível" wurde unterdessen kostenlos und unter freiem Himmel im Zentrum Rios ausgestrahlt. Gregorio Duvivier, einer der Darsteller des Films, sagte dort: "Die traditionelle christliche Familie, die diese Regierung verkörpern will, hat nie existiert, und der Film zeigt das."

Jair Bolsonaro ist seit einem Jahr Präsident in Brasilien - wie sich das Land in seiner Amtszeit verändert hat, zeigt die folgende Dokumentation:

Beitragslänge:
29 min
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