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Evangelikale gegen Karneval - "Fest des Teufels" in Rio

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Rio de Janeiro streitet um das Herzstück seiner Identität: Der evangelikale Bürgermeister hat die Subventionen für den Karneval drastisch gekürzt. Sambaschulen proben den Aufstand.

Rios Karneval steckt in einer Krise: Der evangelikale Bürgermeister, ein Erzkonservativer und Karnevalshasser, hat die Gelder gekürzt und die Probe-Möglichkeiten der Sambaschulen beschnitten.

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Ein Kulturkampf um den Karneval ist entbrannt. Im Mittelpunkt: Rios Bürgermeister Marcello Crivella, Bischof einer evangelikalen Sekte, die Rios große Sambaparty für Teufelszeug hält. Überall in Brasilien sind Evangelikale mit ihren erzkonservativen Moralvorstellungen auf dem Vormarsch. Crivella provozierte bereits im letzten Jahr einen Eklat, als er sich als erster Bürgermeister Rios überhaupt weigerte, den Karneval zu eröffnen, indem er die traditionelle Schlüsselübergabe an König Momo boykottierte.

Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet das für seinen Karneval weltberühmte Rio seit gut einem Jahr von einem Karnevalshasser regiert wird. Crivella wurde als Außenseiter ins Amt gewählt - auf dem Höhepunkt eines gigantischen Korruptionsskandals, der das Vertrauen in Brasiliens politische Elite nachhaltig erschüttert hat.

Weniger Subventionen für Samba-Schulen

Der Bürgermeister hat die Gelder für die Sambaschulen halbiert, auf umgerechnet nur noch 3,2 Millionen Euro. Zugleich schränkte er ihre Probemöglichkeiten in Rios großer Sambaarena stark ein. Sie mussten in den letzten Wochen auf den Straßen und Parkplätzen trainieren. Offiziell begründet Crivella die Kürzungen mit Brasiliens tiefer Wirtschaftskrise: "Jede Hausfrau, jeder Unternehmer weiß, dass man in der Krise priorisieren muss."

Rios Kulturschaffende und Karnevalisten nehmen ihm das nicht ab. Leandro Vieira, der künstlerische Leiter der renommierten Sambaschule "Mangueira", unterstellt gegenüber dem ZDF ganz klar religiöse Motive: "Dieses konservative Denken widerspricht jeder wirtschaftlichen Logik, auf fast schon kriminelle Weise." Er verweist darauf, dass der Karneval jedes Jahr rund eine Million Touristen in die Stadt lockt und somit ein Vielfaches der Subventionen zurück in die Rathauskasse spült. Die Karnevalskönigin der "Mangueira", Evelyn Bastos, will dagegen halten. "Die Geschichte des Karnevals ist eine Geschichte des Widerstands", so Bastos, "wir müssen nun Stärke zeigen."

Kampfansage an Rios Bürgermeister

Rios Sambaschulen und Kulturschaffende treibt die Sorge, dass ihr Karneval zugrunde geht. "Mangueira" will den Protest sogar bei der großen Parade im Sambodrom zum Thema machen. Das hat es noch nie gegeben. Das Mega-Spektakel galt bisher als eher unpolitisch. Es wird in die ganze Welt übertragen. Tänzerinnen und Tänzer proben seit Wochen den Widerstand auf offener Bühne. "Es geht um die Unterdrückung des Samba, den Karneval der einfachen Leute", sagt Choreograph Steven Harper. Seine Inszenierung erzählt vom Versuch, den Samba einzusperren - und von der Rebellion gegen religiösen Fundamentalismus. Von Freiheitswille und Lebenslust, die am Ende alle Hindernisse überwinden.

Der Auftritt von "Mangueira" ist eine entschiedene Kampfansage an Rios religiösen Bürgermeister und seine rückwärtsgewandte Kirche, so Aydano Motta, Autor zahlreicher Bücher über Rios Karneval: "Crivellas Universalkirche sagt ganz ausdrücklich, dass es darum geht eine neue Gesellschaft zu formen, in der der Körperkult unterdrückt wird. Der Karneval aber ist Körperlichkeit und Grenzüberschreitung. Dieser Angriff gilt jeder Art von Volkskultur."

Kritik am Karneval: zu viel Alkohol, zu lockere Moralvorstellungen

Marcelo Crivella (mi) mit dem Karneval-Königspaar
Bürgermeister Marcelo Crivella (Mi.) mit dem Karnevals-Königspaar im Februar in Rio de Janeiro Quelle: ap

Es ist ein mächtiger Gegner, der diesen Angriff führt. Fast ein Drittel der 207 Millionen Brasilianer bekennt sich mittlerweile zu evangelikalen Bewegungen. Sie sind die am schnellsten wachsende religiöse Gruppe des Landes. Die meisten von ihnen stehen ebenso auf Kriegsfuß mit Karneval wie Rios Bürgermeister. Ihre Kritik: zu viel nackte Haut, zu viel Alkohol, zu lockere Moralvorstellungen. Ihren Gläubigen lassen sie wenig Spielraum: "Der Pastor hat uns gewarnt, der Karneval sei sehr gefährlich", sagt Adao Gonçalves. Der gläubige Evangelist schaut sich das närrische Treiben gerne im Fernsehen an, er selbst macht aber nicht mehr mit: "Wenn Gott es nicht erlaubt, dann können wir da nicht hin."

Noch ist Brasilien das größte katholische Land der Welt. Doch schon in gut zehn Jahren könnte es Schätzungen zufolge im Land des Samba mehr Evangelikale geben als Katholiken. Keine guten Aussichten für den Karneval, findet Marcos Lôdi. Als Reporter eines Sambaradios in Rio und bekennender Evangelikaler kennt er beide Seiten und ihre Vorbehalte: "Die Auftritte der meisten Sambaschulen zeigen die Vermischung der christlichen Religionen mit den afrobrasilianischen. Das ist den Evangelikalen unheimlich, weil sie fast nichts darüber wissen." Lôdi plädiert für mehr Tolerenz - und dafür, Karneval und Religion strikt voneinander zu trennen.

Beim großen Wettstreit von Rios besten Sambaschulen wollen sie trotz aller Probleme wieder Vollgas geben. "Wir werden zeigen, dass der Karneval mehr ist als nur Geld auf dem Konto. Karneval ist Energie, Glück, er ist das große Fest des Volkes", sagt Karnevalskönigin Evelyn Bastos. Sie wollen sich nicht unterkriegen lassen und wieder ausgelassen feiern, in einem Farbenrausch der Fantasie und guter Laune.

Bürgermeister Marcelo Crivella hat die Subventionen für den Karneval in Rio de Janeiro drastisch gekürzt. Sambaschulen proben den Aufstand.

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