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Kunst aus Guantanamo - Künstlerische Freiheit hinter Gittern

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Häftlinge in Guantanamo haben hunderte Bilder und Skulpturen geschaffen. In New York sind nun einige Werke ausgestellt. Wohl zum letzten Mal, wenn sich das Pentagon durchsetzt.

Kunst aus Guantanamo
Kunst aus Guantanamo Quelle: Maya Dähne

An den Masten flattern grüne Fahnen. Die Takelage ist kunstvoll verziert. Es gibt ein goldfarbenes Steuerrad, einen Anker und eine Leiter, die an der Bordwand hängt. 66 Zentimeter hoch ist das Modell-Segelschiff. Erschaffen hat es Moath Al-Alwi. Der Künstler kann das Meer zwar hören und riechen, aber nicht sehen.

Von den USA genehmigte Kunstwerke

Der 40-Jährige Jemenite ist seit 2002 Gefangener in Guantanamo Bay auf Kuba. Sein Schiff besteht aus Pappe, Schraubdeckeln von Plastikflaschen und Perlen eines Gebetsteppichs. Auf einem der weißen Segel ist ein Stempel zu sehen. "Genehmigt. US-Streitkräfte, Guantanamo Bay, Kuba, 31. Mai 2016." Derzeit steht es in einer Glasvitrine in New York City.

"Ode to the Sea" heißt die Ausstellung am John Jay College of Criminal Justice. Insgesamt 36 Kunstwerke von acht Gefangenen sind zu sehen. Die meisten Bilder zeigen das Meer oder Schiffe: Die Titanic, Haie in blutrotem Wasser und eine Freiheitsstatue, umgeben von blauem Himmel und Ozean.

Meer als bestimmendes Thema

"Das Meer ist das Thema der Ausstellung, weil es für viele Gefangene ein Symbol für Freiheit ist", erklärt Kunstprofessorin und Kuratorin Erin Thompson. "Die Zellen in Guantanamo sind nur einen Steinwurf vom Meer entfernt. Allerdings sind die Zäune mit Planen verhängt, so dass die Gefangenen das Wasser nicht sehen können. Während eines Hurrikans 2014 wurden die Planen abgenommen. Einige Gefangene sahen zum ersten Mal in ihrem Leben den Ozean."

"Wenn ich an meiner Kunst arbeite, vergesse ich, dass ich im Gefängnis bin", hat Al-Alwi, der Häftling, der die Modelschiffe baut, einmal zu seiner Anwältin gesagt. "Ich sitze hinter Gittern, aber ich lasse meine Seele so oft ich kann frei."

Nachdenkliche Besucher in New York

Jennifer Yen ist mit ihrem Freund an die Upper West Side gekommen, um sich die Kunstwerke aus Guantanamo anzusehen. "Man sieht, wie die Gefangenen versuchen, aus ihrem Gefängnis auszubrechen, indem sie sich ihre Freiheit malen. Es erinnert mich an eine Ausstellung von Kunst aus dem Holocaust, die ich mal gesehen habe." "Verrückt, wenn man sich vorstellt, dass diese Bilder vor ein paar Monaten noch in einem Hochsicherheitsgefängnis auf Kuba in einer Zelle gelegen haben", meint ihr Freund.

Beth Jacob, die Anwältin, die den Häftling Moath Al-Alwi vertritt, hat dutzende Bilder aus Guantanamo geschenkt bekommen. Zwei Hände, die durch ein vergittertes Fenster greifen, ein Boot, das am Ufer gestrandet ist. Eine venezianische Mini-Gondel aus Holz und recycelten Plastikverpackungen. Gemeinsam mit anderen Anwälten hat Beth Jacob sich an Erin Thompson gewandt mit der Bitte, die Kunstwerke auszustellen.

Nicht jedes Motiv wird genehmigt

"Ich war völlig überrascht, als ich hörte, dass in Guantanamo Kunst entsteht. Und ich war noch mehr überrascht, als ich die ersten Bilder sah", sagt Thompson. "Sie sahen so normal aus, keine Wut, kein Ärger, keine Verzweiflung." Die Erklärung ist einfach: Bilder, die Gewalt zeigen oder versteckte Nachrichten enthalten, werden zensiert und zerstört. "Deshalb versuchen die Häftlinge, keine allzu negativen Gefühle in ihren Bildern zu zeigen", erklärt Thompson. "Andererseits ist die Kunst für sie eine Art Therapie. Viele von ihnen leiden unter den Folgen der jahrelangen Haft."

Kunst aus Guantanamo
Kunst aus Guantanamo Quelle: Maya Dähne

In den ersten Jahren entstanden viele Kunstwerke in Guantanamo heimlich - Blumenmuster etwa, in Styropor-Becher geritzt. Die Gefangenen benutzten Materialien, die sie in ihren Zellen vorfanden. Erst 2009 wurde den Häftlingen offiziell erlaubt, zu malen. Um Spannungen und Zusammenstöße zwischen Insassen und Wachpersonal zu entschärfen, gibt es seitdem einmal wöchentlich Kunstunterricht für die Gefangenen. Die Häftlinge, die daran teilnehmen, bleiben an den Füßen gefesselt und werden streng überwacht, spitze Gegenstände wie Bleistifte sind verboten. Jedes Blatt Papier muss inspiziert und freigegeben werden. Die fertigen Bilder durften die Anwälte, nach ausführlicher Inspektion und Freigabe durch das Militär, mitnehmen und an die Familien der Gefangenen weiterleiten.

Pentagon will Riegel vorschieben

Das soll sich jetzt ändern: Kurz nach der Ausstellungseröffnung in New York hieß es in einer Stellungnahme des Pentagon, dass ab sofort keine weiteren Kunstwerke Guantanamo verlassen dürften. Sämtliche Kunst der Häftlinge sei Eigentum der US-Regierung. Der Verkauf von Kunstwerken sei verboten. Selbst die Gefangenen, die inzwischen frei sind, können nicht über ihre Bilder verfügen. Die Häftlinge, die nach wie vor in Guantanamo sitzen, dürfen nur eine begrenzte Anzahl ihrer Kunst behalten. Alle übrigen Werke sollen verbrannt werden.

"Das hat alles keinen Sinn", sagt Kuratorin Thompson. Derzeit sitzen noch 41 Gefangene im Lager in Guantanamo. Jeder Häftling kostet den amerikanischen Steuerzahler jährlich elf Millionen Dollar. Die Idee, dass der Verkauf der Häftlingskunst zur Finanzierung beitragen könnte, sei völlig abwegig. Die Ausstellungsmacher haben inzwischen eine Petition gestartet, um die Entscheidung des Pentagon zu stoppen.

Mansoor Adayfi wurde im vergangenen Jahr nach 14 Jahren Haft in Guantanamo freigelassen. "Hört zu, was euch diese Bilder sagen, sie sind nicht still, sie sprechen", schreibt er in einem Vorwort des Ausstellungskatalogs. "Es hat Monate gedauert, diese Bilder zu malen. Sie wurden durchleuchtet, durchsucht und weggeschlossen, so wie wir. Schaut die Bilder an und erinnert euch beim Anblick des Meeeres daran, dass wir Menschen sind."

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