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Spektakel im Sperrgebiet

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Touristenmagnet Tschernobyl - Spektakel im Sperrgebiet

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Die Sicherheitszone rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl ist zum Touristenmagnet geworden. Die Ukraine will, dass von dem Ort ein neues Bild entsteht - mit Hilfe der Kunst.

Tschernobyl - Wandgemälde soll Hoffnung symbolisieren
Ein Wandgemälde in Tschernobyl soll Hoffnung symbolisieren.
Quelle: ZDF

Tschernobyl ist nur zwei Autostunden entfernt von der Hauptstadt Kiew. Der Herbst zeigt sich hier gerade von seiner schönsten, farbenprächtigen Seite. Eine Fahrt durch gelb-orange gefärbte Wälder an einem milden Herbsttag. Wohin man hier fährt, verraten immer wieder Schilder am Straßenrand mit Atom-Logo, die für Touren nach Tschernobyl werben.

Checkpoint vor der Sicherheitszone

Am Checkpoint der 30-Kilometer großen Sicherheitszone ist dann erst mal Schluss. Hier kommt niemand rein, der nicht registriert ist, Touristen müssen außerdem unterschreiben, dass sie sich an die Regeln halten. Nicht rauchen, nichts mitnehmen und immer auf den Guide hören. Wer sich nicht daran hält, dem drohen empfindliche Strafen. Die Strahlenbelastung in dem Gebiet ist sehr unterschiedlich. Es gibt Hotspots, an denen die Strahlung sehr hoch und gefährlich ist, deshalb darf man hier auch nicht einfach frei rumlaufen. Die Guides checken außerdem immer die Werte mit einem Dosimeter.

Man fährt vorbei an verlassenen Häusern und trotzdem ist die Gegend nicht tot. Vereinzelt leben hier sogar noch Menschen und jeden Tag kommen Touristen und Arbeiter. Alleine im Kernkraftwerk arbeiten noch immer rund 2.500 Menschen. Einige Minuten später: Noch ein Checkpoint, zehn Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt. Kurz danach kann man ihn schon erkennen, den riesigen Sarkophag, der über den Unglücksreaktor 4 gestülpt ist. Unterwegs in einer gespenstischen Gegend.

Wandgemälde soll Hoffnung symbolisieren

Tschernobyl - Riesenrad in Prypjat
Das Riesenrad in Prypjat gehört zum mittlerweile berühmten Freizeitpark in Tschernobyl.
Quelle: ZDF

Heute ist hier etwas Besonderes geplant, der Künstler Valeriy Korschunow präsentiert sein Kunstwerk. Ein 18 mal 85 Meter großes Wandgemälde im Sowjet-Stil, direkt am Atomkraftwerk. Es soll Hoffnung symbolisieren an einem Ort, der so sehr mit Leid, Zerstörung, Lügen und Tod verbunden ist. "Wenn man mit einem für die Ukrainer so tragischen und emotionalen Thema arbeitet, muss man sehr sensibel sein", erzählt uns der Künstler. "Viele Leute haben eine Verbindung zu der Tragödie. Manche sagen, es ist ein tolles Projekt, andere finden, dass man hier in der Sperrzone nichts machen sollte."

Gewidmet hat Korschunow das Wandbild den Arbeitern, die hier noch jeden Tag ins Kraftwerk kommen. Dort ist gerade Schichtwechsel und den Angestellten gefällt das Bild. Unterstützt wird das Projekt von verschiedenen ukrainischen Ministerien und wenn es nach Präsident Selenskyi geht, sollen noch mehr Touristen nach Tschernobyl kommen, um zu sehen, was hier am 26. April 1986 passiert ist. Das Interesse an diesem Ort ist derzeit so groß wie noch nie. Das liegt auch an der düsteren TV-Serie "Chernobyl", die schonungslos die Fehler und Lügen der Sowjetregierung in Szene gesetzt hat.

Mittagspause in der Kraftwerkskantine

Tschernobyl - Scanner zum Messen der Radioaktivität
An Messstationen werden Besucher auf Radioaktivität getestet.
Quelle: ZDF

Zeit für eine kurze Mittagspause in der Kantine des Atomkraftwerks. Es gibt ein deftiges, üppiges Menü - Borschtsch, Fleisch, Salat und einen Nachtisch. Aus den Lautsprechern knistern Hits der 80er. Vor dem Betreten der Kantine muss man sich an einer Messstation auf Radioaktivität testen, sicher ist sicher.

Tourguide Vadim hat sich auch in der Kantine gestärkt und nimmt uns mit in seine Heimatstadt Prypjat. Für Vadim ist heute ein besonderer Tag, es ist sein Geburtstag. Ein halbes Jahr vor dem Reaktorunglück 1986 wurde er geboren, dann musste die Familie, so wie 50.000 andere Menschen, Prypjat verlassen. Die Stadt liegt nur einen Steinwurf entfernt vom Atomkraftwerk und wurde erst zwei Tage nach der Atomkatastrophe evakuiert. Wenn Vadim hierherkommt, hat er gemischte Gefühle. Einerseits will er, dass die Menschen das hier sehen können, anderseits machen ihn der leblose Anblick und die bedrückende Atmosphäre hier traurig.

Prypjat, eine Geisterstadt

Tschernobyl - Prypjat, eine Geisterstadt
Prypjat ist eine Geisterstadt.
Quelle: ZDF

Eine verwilderte Geisterstadt, verlassene Hochhäuser, Restaurants und der mittlerweile berühmte Freizeitpark mit Autoscooter und Riesenrad. Vor lauter Bäumen sieht man viele Teile der Stadt nicht mehr, es wirkt eher so, als hätte man sozialistische Plattenbauten in den Wald gebaut und einfach vergessen. Doch Vadim hat einen Traum. "Ich wünsche mir, dass die Stadt eines Tages so sicher ist, dass Menschen hier länger bleiben können, um zu verstehen, was für eine schöne Stadt das früher war." Doch es wird bei einem Traum bleiben, hier wird niemand mehr wohnen. Es ist dunkel geworden, die Lichter der Handys und Taschenlampen zwischen den Bäumen, machen diesen Ort noch gespenstischer.

Zum Schluss wartet noch die zweite Kunstaktion an einem ebenso besonderen Ort. Mitten im Wald, ganz in der Nähe des Unglücksreaktors, steht ein riesiges Stahlgerüst. DUGA heißt das Objekt, eine ehemals streng geheime Radaranlage aus Sowjetzeiten. Nach der Explosion in Tschernobyl 1986 musste die Anlage aufgegeben werden und erst Jahre später wurde bekannt, dass es sie überhaupt gab. Jahrelang ging von ihr ein Störgeräusch aus, dass man in Radios auf der ganzen Welt hören konnte, nur wusste niemand woher es kam.

Die Radaranlage DUGA als Kunstobjekt

Heute wird aus der DUGA der größte Multimedia-Screen der Ukraine. 150 Meter hoch, 600 Meter breit. Laser und Scheinwerfer wirbeln durch den Nachthimmel und sorgen für ein Lichtspektakel, dazu dröhnen aus Boxen die passenden Elektrobeats. Die Künstler wollen zeigen, dass sich Ukraine von der Vergangenheit der Sowjetunion gelöst hat, sagt die Künstlerin Swetlana Korschunowa. "Heute senden wir von hier ein anderes Signal an die Welt, dass wir bereit sind, die Katastrophe unserer Vergangenheit besser zu verstehen. Und dass wir ein neues Land sind mit neuen, interessanten und kreativen Leuten."

Nach 30 Minuten gehen die Lichter wieder aus und auch wir müssen jetzt schnell das Sperrgebiet verlassen. Jetzt herrscht hier auch noch dichter Nebel. Wer hier wieder raus will, muss sich noch an den Checkpoints auf Radioaktivität überprüfen lassen. Es gab schon Fälle, in denen Touristen ihre Schuhe oder Hose hierlassen mussten, weil die Geräte anschlugen. Bei uns ist alles gut. Die ein oder andere schlechte Erinnerung mag durch die Kunstaktionen im Katastrophengebiet verblassen, aber die strahlende Gefahr im Sperrgebiet wird bleiben.

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