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Ai Weiwei in New York - Menschen hinter Zäunen

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Der chinesische Künstler Ai Weiwei baut Zäune - mitten in New York. Auf Hausdächern und hinter Haltestellen stehen derzeit überall Metallzäune, an Straßenlaternen hängen Fotos von Flüchtlingen. "Gute Zäune sorgen für gute Nachbarn“, heißt das Kunstprojekt.

"Gute Zäune sorgen für gute Nachbarn“: So heißt das neue Kunstprojekt von Ai Wei Wei. Mit Zäunen und Käfigen will er in New York die weltweiten Flüchtlingskrisen illustrieren.

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"Zäune gibt es in dieser Stadt eigentlich genug", findet Halila aus Côte d’Ivoire. "Da drüben stehen Bauzäune, da hinten hat die Polizei irgendwas abgesperrt. Ich mag keine Zäune." Der kleine Mann zeigt auf einen riesigen Käfig, der am südöstlichen Eingang des Central Park aufgebaut ist.

"Und das Ding da ist zwar gold, aber auch nicht schön. Und außerdem schlecht fürs Geschäft". Halilas Job ist es, Touristen Kutschfahrten durch den Central Park schmackhaft zu machen. An diesem sonnigen Herbstmorgen hat er kein Glück.

Im goldenen Käfig

Zwei elegante ältere Damen im Pelzmantel winken ab. "Nein, danke." Sie fotografieren sich lieber gegenseitig im Inneren des goldenen Käfigs und zeigen durch die Gitterstäbe auf das Luxushotel auf der anderen Straßenseite, in dem sie übernachten. "Wir können vom Fenster aus die Fifth Avenue, den Central Park und das Kunstwerk hier sehen."

Ein paar Häuserblocks entfernt ragt ein anderes vergoldetes Bauwerk in den New Yorker Himmel: der Trump Tower. Absperrungen und Barrikaden gibt es hier auch. Polizei und Secret Service überwachen, wer ein- und ausgeht in 725 Fifth Avenue. Der US-Präsident, der gelegentlich hier wohnt, will eine Mauer an der mexikanischen Grenze bauen.

Gute Zäune für gute Nachbarschaft

"Good Fences make good neighbors" nennt Ai WeiWei sein neuestes Kunstprojekt. Der Titel stammt aus einem Gedicht von Robert Frost. "Bevor ich eine Mauer baue, sollte ich fragen, was ich ein- oder aussperre", heißt es darin. Ais großes Thema: die weltweite Flüchtlingskrise - und der Versuch, überall neue Zäune, Grenzen und Mauern hochzuziehen.

"Gilded Cage", der vergoldete Käfig am Central Park ist nur eines von 300 Kunstwerken, die überall in der Stadt verteilt sind. Längst nicht alle sind so auffällig wie der Käfig. In der Bronx und in Brooklyn sind Bushaltestellen von Metallbarrikaden umgeben. Wo sonst Werbung für Broadwayshows oder Designerhandtaschen klebt, sind Fotos aus Flüchtlingslagern zu sehen. "Bewegungsfreiheit ist ein Menschenrecht", steht auf einer kleinen Infotafel.

Wer sind diese Leute?

An einem meterhohen Laternenmast vor der First Corinthian Baptist Church in Harlem hängt das Porträtfoto eines bärtigen Mannes. Auf der anderen Straßenseite ist das Bild einer jungen Frau mit Schleier zu sehen. "Ist mir noch gar nicht aufgefallen", murmelt Jamal. Er steht an der Bushaltestelle und blinzelt in die Sonne. Je nach Einfall des Sonnenlichts sind nur schattenhafte Umrisse der Bilder zu sehen. "Wer sind diese Leute? Muss man die kennen?"

Die Menschen auf den Fotos sind Flüchtlinge, Männer, Frauen und Kinder, die Ai Weiwei und sein Team in den vergangenen Monaten in Lagern im Irak, in Syrien, im Gazastreifen und in Griechenland für eine Dokumentation aufgenommen haben. Der dabei entstandene Film "Human Flow" ist gerade in mehreren New Yorker Kinos zu sehen.

"Der Typ erinnert mich an irgendjemanden", meint Oslyn und schaut zu dem Laternenpfahl hoch. "Andererseits sieht er aus wie viele hier im Viertel. Du kannst im Umkreis von einer Meile 50 verschiedene Nationen treffen." Oslyn arbeitet als Hausmeister in einem der Hochhäuser am Astor Place. Vor 30 Jahren ist er aus der Karibik nach New York gekommen. "Ich bin ein adoptierter New Yorker, wie eigentlich alle hier", sagt er und lacht. An der Fassade des alten Cooper Union Gebäudes hinter ihm hängen fünf von Ai Weiweis Zäunen vor den mächtigen Fenstern. "Sieht ein bisschen aus wie ein Gefängnis", meint Oslyn. In dem historischen Backsteingebäude wurde gegen Rassendiskriminierung, für Arbeiterrechte und das Frauenwahlrecht gekämpft. Abraham Lincoln, Theodore Roosevelt und Barack Obama haben in der großen Halle gesprochen.

Liebeserklärung an New York

"All diese Orte haben für mich eine besondere Bedeutung", sagt Ai. Er selbst kam 1982 als armer Kunststudent in die USA. Er wohnte an der Lower East Side und schlug sich mit dem Verkauf von T-Shirts durch. Mehr als zehn Jahre lebte Ai in New York, in den Vierteln, wo bis heute viele Einwanderer wohnen. Im Wohnhaus Nummer 48 in der East 7th Street, hauste er als Student. Zwischen Feuerleitern hängt dort jetzt in vier Metern Höhe ein vertikaler Zaun, der die beiden schmalen Gebäude verbindet.

Und im nahegelegenen Washington Square Park, wo er sich mit Freunden traf, hat Ai den berühmten marmornen Torbogen mit einer elf Meter hohen Metallzaun Skulptur ausgekleidet. Allerdings ist der Zaun hier durchlässig. Was aussieht wie zwei Figuren, die den Torbogen passieren, ist ein spiegelnder Durchgang. Der perfekte Ort für Touristen-Selfies. Zwei schwarze Jugendliche in knallbunten Plüsch-Kostümen hocken im Schatten vor einigen Sperrbarrikaden und nicken anerkennend. "Gute Location, viel Publikum."

In einem Zeitungsinterview hat Ai Weiwei gesagt, "Good Fences make good Neighbors" sei eine Mahnung an die Welt, die Flüchtlingskrise als Krise der Menschheit zu begreifen. Gleichzeitig sei es aber auch eine "Liebeserklärung" an die Einwanderer, die New York zu ihrer Heimat gemacht, und an die New Yorker, die sie willkommen geheißen haben. New York City, die Stadt, die für Millionen Flüchtlinge und Einwanderer das Tor zur Freiheit bedeutete, ist der perfekte Ort für sein Kunstprojekt, findet Ai Weiwei. "In dieser Stadt fühlst du dich niemals als Ausländer."

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