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Favara auf Sizilien - Wie moderne Kunst eine Stadt retten soll

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Es ist vermutlich das ungewöhnlichste künstlerische Projekt Europas: In den Ruinen der sizilianischen Kleinstadt Favara hat ein Visionär eine Oase der modernen Kunst geschaffen.

Plötzlich steht man vor einem Elefanten: Ein Kunstsammler macht das sizilianische Favara wieder bunt und attraktiv.

Beitragslänge:
1 min
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Zuerst meint man, einer Sinnestäuschung erlegen zu sein. Wer abbiegt aus den dunklen und durchaus pflegebedürftigen Gassen der Altstadt in den engen Eingang zur "Farm Cultural Park", der sieht sich zuerst einem lebensgroßen Graffiti-Elefanten gegenüber, ein Werk des belgischen Street-Art-Künstlers Roa. Staunend geht man vorbei an einer knallbunt gekachelten Fassade (vom italienischen Geometriemuralisten Alberonero) und hinein in eine unwirkliche Parallelwelt.

Strichmännchen, Giraffe, Putin

Vielfarbig betupfte Wände. Slogans, Karikaturen oder Strukturen. Gemalt oder gesprayt, abstrakt oder sehr konkret. Grinsende Strichmännchen. Eine Giraffe. Ein finster dreinblickender Putin, zwei mal drei Meter groß und dazu der Hinweis: "Put in Trash" (mit Empfehlungen vom Kubaner Flavio Campagna Kampah). Dutzende Häuser, ein kleines Stadtviertel sieht aus als hätte man einer Gruppe gestaltungsbegabter Menschen Pinsel, Farbeimer und den Befehl gegeben: "Tobt Euch aus!"

Favara: "Farm Cultural Park“
Bunte Wände und Strichmännchen - die Kulturfarm in Favara.
Quelle: ZDF

Und im Grunde ist genau das hier geschehen.

Mittvierziger will seine Heimatstadt wieder attraktiv machen

Favara: Andrea Bartoli
Wollte seine Töchter in Favara aufwachsen sehen: Andrea Bartoli.
Quelle: ZDF

"Meine Frau und ich wollten unsere beiden Töchter in ihrer Heimat aufwachsen sehen", sagt der Erfinder dieses bunten Biotops. "Aber dazu musste sich die Stadt erheblich verschönern. Und das haben wir in Angriff genommen."

Andrea Bartoli, ein gemütlich wirkender Mittvierziger mit rundem Gesicht und ansteckendem Lachen, ist eigentlich Notar und Kunstsammler. Wie viele hatte er seiner Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben in freundlicherer Umgebung den Rücken gekehrt. Aber vor acht Jahren kehrte er zurück, mit einem verwegenen Plan: Favara durch Kunst zu verändern und in eine lebenswerte, attraktive Stadt zu verwandeln.  

Gerade ist in der Galerie der Farm eine Fotoausstellung des Amerikaners Geoff George zu bewundern. "Das Detroit-Syndrom". Die Bilder erzählen die Geschichte einer zum Untergang verdammten Stadt, die sich aber nicht aufgeben will. Favara ist es anscheinend gelungen, auf dem Weg in den Abgrund das Steuer noch einmal herumzureißen.

Verfallene Häuser, kaum Jobs

Favara: Fassade
Das alte Favara bietet stellenweise ein Bild des Jammers.
Quelle: ZDF

Nach Jahrzehnten der Vernachlässigung und der Misswirtschaft bietet die 32.000-Seelen-Gemeinde an der Südküste Siziliens zwar immer noch stellenweise ein Bild des Jammers. Schlaglöcher, abbröckelnde Fassaden, Grünzeug wuchert aus verlassenen Häusern. Vor Jahren starben zwei Kinder, als ihr baufälliges Elternhaus über ihnen zusammenbrach. Industrie gibt es so gut wie keine, eine Arbeitsstelle zu finden ist wie ein Sechser im Lotto.

Favara: Bürgermeisterin Anna Alba
Anna Alba übernahm als Bürgermeisterin eine Stadt mit 44 Millionen Euro Schulden.
Quelle: ZDF

"Als ich mein Amt übernahm, musste ich den Bürgern erst mal mitteilen, dass wir 44 Millionen Euro Schulden haben", seufzt die Bürgermeisterin, Anna Alba, 38, eine Politikerin der Fünf-Sterne-Bewegung. Die Misere zwingt ganze Familien zum Auswandern. Aber immerhin gibt es nun den Hoffnungsschimmer, dass sich was ändern könnte. "Die Farm Kulturpark hat der Stadt tatsächlich neues Leben eingehaucht. Immer mehr Touristen finden jetzt den Weg nach Favara und seit neuestem gibt es sogar AirBnB bei uns".

120.000 Besucher kommen nun jedes Jahr in die graue Stadt an Siziliens Südküste, die zuvor keinen interessierte und allenfalls für die Mafia und ihren galoppierenden Verfall berühmt war. Neue Hotels eröffneten und erfreuen sich steigender Besucherzahlen und Restaurants müssen anbauen. Und was die Bürgermeisterin besonders freut: Firmen erkundigen sich nach Investitionsmöglichkeiten. Alles Dank der Kulturfarm und ihres weitblickenden Betreibers.

Karte: Favara auf Sizilien in Italien

Quelle: ZDF/ Vu Minh

Die Bevölkerung denkt um

Denn auch bei den Bewohnern habe mittlerweile ein Umdenken eingesetzt, sagt Andrea Bartoli:  "Immer mehr fragen sich jetzt: Was kann ich tun und beitragen, das nicht nur gut für mich ist, sondern auch für die Allgemeinheit?"

Das beste Beispiel: Als der alte Dorfbrunnen in ihrer Nachbarschaft nicht mehr sprudelte, legten die Anwohner Geld zusammen und investierten Mühen und Arbeit, um den Blickfang und die Ruhezone in ihrer Straße endlich zu reparieren.  Ein geradezu revolutionäres Verhalten in Italien.

Festung der Fantasie

"Ich wünschte, das könnten wir überall in der Stadt so wiederholen", sagt Guiseppe Bacchi, der junge Elektrohändler von nebenan. "So kann man nämlich zusammen Unmögliches möglich machen."

Einmal in der Woche gibt es eine Kinderstunde in der Kulturfarm. Dann kommen Favaras Jüngste zusammen und beschäftigen sich spielend mit Architektur und Kunst - mit denen sie sonst vielleicht nie oder erst sehr spät in Berührung gekommen wären in dieser armen und erzkonservativen Gegend Siziliens. Aber so lernen schon die Kleinsten in dieser Festung der Fantasie die unbegrenzten Möglichkeiten ihrer Vorstellungskraft und der Kunst kennen. Und dass man die Dinge nicht nur so sehen soll, wie sie sind. Sondern auch wie sie sein könnten ...

Das auslandsjournal sendet in der Nacht zum Donnerstag die Doku "Im Land der Populisten - das neue Italien" - um 0:45 Uhr im ZDF und vorab schon in der Mediathek:

Politik | auslandsjournal - Im Land der Populisten

Was ist los in Italien? Mit seiner Regierung der Populisten aus rechter Lega und der systemkritischen Fünf-Sterne-Bewegung scheint das Land plötzlich zum Problemfall für Europa zu werden.

Videolänge:
43 min
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