Sie sind hier:

Kurdische Gemeinde dankbar - "Die deutsche Solidarität ist unser Trost"

Datum:

Der Konflikt in Nordsyrien hat auch in Deutschland nationalistische Gruppen mobilisiert. Doch die Mehrheit der hier lebenden Türken und Kurden distanziert sich von Gewalt.

Ali Ertan Toprak
Ali Ertan Toprak
Quelle: imago

Auch in Deutschland hat der Konflikt in Nordsyrien nationalistische Gruppen auf beiden Seiten mobilisiert. Es kam wiederholt zu Auseinandersetzungen. Die meisten der Türken und Kurden in Deutschland distanziert sich jedoch von Gewalt.

"Wütend und enttäuscht"

Ali Toprak hat viel zu tun in diesen Tagen und er ist aufgewühlt: 300.000 bis 400.000 Landsleute in Nordsyrien, so sagt der Vorsitzende der kurdischen Gemeinde in Deutschland, seien auf der Flucht. Alle ausländischen Hilfsorganisationen hätten sich aus dem Kampfgebiet zurückgezogen, kurzum: Es sei eine humanitäre Katastrophe. Wütend sei er und enttäuscht vom US-Präsidenten Donald Trump, der seine Truppen aus dem Gebiet abgezogen hat. Und das "überraschend schnell", sagt Toprak.

Damit beschreibt er das Grundgefühl der hier lebenden Kurden, die in großer Mehrheit mit ihren Landsleuten in Nordsyrien bangen. An diesem Samstag sind mehrere Großdemonstrationen von kurdischen Organisationen geplant. Allein in Köln sind 15.000 Teilnehmer angemeldet. "Riseup4Rojava" ist das Schlagwort der Organisatoren. Solidarität also mit "Rojava", das ist die kurdische Bezeichnung für deren Gebiete in Nord- und Ostsyrien.

Toprak ist sehr zuversichtlich, dass alles friedlich bleiben wird. Die kurdische Gemeinde habe kein Interesse an Krawallen und möchte vor allem auch nicht die Solidarität der Deutschen verlieren. Man fühle sich von den Deutschen unterstützt und dafür sei man sehr dankbar, sagt Toprak.

Gefahr droht von nationalistischen Kräften

Dennoch ist es bereits in mehreren deutschen Städten zu Gewalt gekommen. Türken und Kurden hierzulande sind durch den Konflikt sehr emotionalisiert. Gewaltbereite, nationalistische Kräfte könnten die Situation durchaus für ihre eigene Agenda nutzen, sagt auch Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien in Essen. Weitere Gewalt ist also nicht auszuschließen.

So flogen in Bottrop bereits Steine als kurdische Demonstranten und Passanten türkischer Herkunft aufeinandertrafen. In Lüdenscheid wurde ein türkischstämmiger Mann schwer verletzt. Die Hintergründe der Tat sind bisher unklar. Auch in Herne sind ein Kiosk und ein türkisches Café von kurdischen Demonstranten angegriffen worden. Laut der Polizei in Herne war die Stimmung vor Ort "aufgebracht."

Auch innenpolitische Gründe für Militäroffensive

Die Kurden bezeichnen den Einmarsch der Türken in Nordsyrien als "völkerrechtswidrigen Angriffskrieg". Die Türkei dagegen argumentiert, dass ihre Sicherheit durch die Kurdenmilizen in Nordsyrien bedroht sei. Caner Aver erklärt, dass der türkische Präsident den Abzug der Amerikaner als "grünes Licht" verstanden habe. Der Zeitpunkt der Militäroffensive habe aber sicherlich auch innenpolitische Gründe. Bei den Kommunalwahlen in der Türkei im März hat Recep Tayyip Erdogan die größte Niederlage seiner Amtszeit eingefahren. Zudem schwächelt die türkische Wirtschaft und die Arbeitslosenzahlen steigen.

Und so ist die Solidarität der türkischen Bevölkerung mit ihrem Präsidenten, jetzt - im Moment eines militärischen Konflikts - groß. Das zeigte nicht zuletzt die türkische Fußball-Nationalmannschaft, die nach ihren Länderspielen symbolisch salutierte. Aver erklärt, dass dies aber nicht allein der Verbundenheit der Türken mit dem Präsidenten geschuldet sei. Tief verwurzelt sei vielmehr seit dem Ende des Osmanischen Reiches das Gefühl, dass die territoriale Integrität und die Sicherheit des Landes gefährdet sein könnte.

Aver ist sich sicher, dass nach dem Ende der Militäroffensive die Kritik der Opposition an Erdogan wieder aufflammen wird. Die Opposition unterstützt zum großen Teil die Militäroffensive. Er rechnet mit relativ kurzen Kampfhandlungen von einigen Wochen. Die Türkei könne kein Interesse an einer langen Militäroffensive haben und sich vor allem internationale politische Isolation nicht leisten. Außer den hunderttausenden Flüchtlingen gebe es noch einen großen Verlierer dieses Konfliktes. Das sei der Westen, der seinen politischen Einfluss in der Region komplett verloren habe.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.