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Naher Osten - Kuwait und Türkei wollen im Katar-Konflikt vermitteln

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In einer gemeinsamen Aktion haben mehrere Staaten das Emirat Katar isloliert. Es "wird massiv unter Druck gesetzt", sagt Nahost-Experte Michael Lüders. Wenn nicht vermittelt werde, könne die Krise außer Kontrolle geraten. Eben dies wollen Kuwait und die Türkei verhindern. Sie bieten sich als Schlichter an.

Die diplomatische Eskalation auf der arabischen Halbinsel hänge mit dem Besuch des US-Präsident Trump zusammen. Bei dem Abbruch der Beziehungen zu Katar gehe es Hintergründig um den Erzfeind Iran, zu dem Katar gute Beziehungen pflege, sagt Michael …

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In der arabischen Welt ist es zu einem folgenschweren Zerwürfnis gekommen: Saudi-Arabien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain isolierten am Montag das Emirat Katar weitgehend. Zudem kündigten sie an, alle Verkehrsverbindungen nach Katar einzustellen - und den Luftraum für Flugzeuge des Landes zu schließen. Bürger aus dem Land hätten nun zwei Wochen Zeit, die drei anderen Golfstaaten zu verlassen. Später am Montag verlautete auch von der international anerkannten Regierung im Jemen, dass sie ihre Verbindungen zu Katar gekappt habe. Auch die Malediven und eine der rivalisierenden zwei Regierungen in Libyen entschieden, die diplomatischen Beziehungen auf Eis zu legen.

Schlichter bieten sich im Streit an

Nun haben sich offenbar mindestens zwei Schlichter im Streit angeboten. Der kuwaitische Emir Scheich Sabah al-Ahmad al-Sabah forderte den katarischen Emir auf, Bemühungen zur Entspannung der Lage eine Chance zu geben. Das meldete die staatliche Nachrichtenagentur in Kuwait. Zudem hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in der diplomatischen Krise zur Zurückhaltung aufgerufen. Die Spannungen müssten rasch verringert werden. Stattdessen forderte Erdogan Diplomatie und Dialog. Aus der Türkei heißt es, Erdogan sei "aktiv" in die Lösung der diplomatischen Krise eingebunden. Auch Russland und Iran riefen die Staaten auf, den Konflikt beizulegen. Das Weiße Haus teilte mit, US-Präsident Donald Trump werde sich bemühen, die Lage zu deeskalieren.

Doch aus Katar kommt Widerstand. Der katarische Außenminister Scheich Mohammed bin Abdulrahman al-Thani sagte dem Nachrichtennetzwerk Al-Dschasira in Doha, dass sein Land all jene ablehne, die Katar ihren Willen aufzwingen oder sich in die inneren Angelegenheiten des Emirats einmischen wollten. Gleichzeitig bestätigte er, der kuwaitische Emir habe den regierenden Emir von Katar, Tamim bin Hamad al-Thani, gebeten, sich mit einer Ansprache zur Krise zurückzuhalten.

Vorwurf der Terrorismusfinanzierung

Der Konflikt ist komplex. "Es gibt eine vordergründige und eine hintergründige Ebene", sagt der Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders im ZDF. Die Allianz gegen Katar begründet ihren Schritt mit dem Vorwurf der Terrorismusunterstützung. Der Wüstenstaat würde, so der Vorwurf aus Saudi-Arabien, extremistische Organisationen wie die Muslimbruderschaft, den sogenannten IS und Al-Kaida unterstützen und deren Botschaften verbreiten. Dabei steht offenkundig insbesondere der staatliche Fernsehsender Al-Dschasira in der Kritik.

Der Vorwurf gegen Katar "ist nicht ganz falsch", sagt Nahost-Experte Lüders. "Das tut aber nicht die katarische Regierung." Es seien vor allem reiche Einzelpersonen und religiöse Stiftungen, die diese Gruppen politisch und finanziell unterstützen. "Es ist allerdings schon ein bisschen bizarr, dass dieser Vorwurf ausgerechnet aus Saudi-Arabien kommt", so Lüders und erklärt: "Der dortige wahabitische Staatsislam ist eigentlich der wesentliche ideologische und finanzielle Unterstützer fast aller radikaler islamistischer Gruppen, die wir heute in der arabisch islamischen Welt haben - bis hin zu den Taliban und Al-Kaida."

Allerdings weist die Regierung Saudi-Arabiens die Vorwürfe einer Terrorunterstützung ebenso zurück wie die katarische. Die US-Regierung stärkte ihr demonstrativ den Rücken. Die USA und die von ihr geführte Koalition gegen die Extremisten-Miliz des sogenannten Islamischen Staats seien dankbar für das Engagement Katars für die regionale Sicherheit und die andauernde Unterstützung für die Truppenpräsenz der Anti-IS-Koalition, sagte ein Sprecher des US-Zentralkommandos der Nachrichtenagentur Reuters.

Konflikt mit Iran steht im Hintergrund

Saudi-Arabien schloss Katar dagegen aus der Militärkoalition aus, die im Jemen gegen schiitische Rebellen kämpft. Die Huthi-Rebellen werden von Iran unterstützt. Die Beziehung zwischen Katar und Iran sei laut Nahost-Experte Lüders der Hintergrund des Konfliktes: "Katar ist eines der wenigen Golfländer - neben Oman -, das immer gute Beziehungen zum Nachbarn Iran beibehalten hat. Vor allem deswegen, weil Katar und Iran das weltweit größte Erdgasfeld gemeinsam ausbeuten." Schon deswegen verbiete sich jede Konfrontation mit Iran für Katar. "Aber die anderen Golfstaaten, allen voran Saudi-Arabien, sehen in Iran den Erzfeind", sagt Lüders.

Zur Ursache der Konfrontation, die "wie aus heiterem Himmel kam", sagt Lüders: "Die meisten Beobachter sind sich einig: Das hängt zusammen mit dem Besuch des US-Präsidenten Donald Trump vor zwei Wochen in Saudi-Arabien." Trump habe dort Saudi-Arabien den Rücken gestärkt gegen Iran. Auch der Waffendeal mit den USA richte sich ganz wesentlich gegen Iran. "Saudi-Arabien fühlt sich gestärkt und man glaubt nun, gegen Katar vorgehen zu können", erläutert er. Doch: "Das Ganze ist ein bisschen pikant, denn in Katar selbst befindet sich die größte amerikanische Militärstation in der Region mit über 10.000 US-Soldaten." Die Strategie der Allianz gegen Katar spiele mit dem Feuer. "Heute weiß niemand, in welche Richtung sich diese ganze Sache entwickeln wird, weil so viele Konflikte in der Region ineinandergreifen", sagt Lüders.

Iran teilt diese Einschätzung und kritisiert, der Abbruch der diplomatischen Beziehungen werde die Krise im Nahen Osten nicht lösen. "Was nun geschieht, ist ein vorläufiges Ergebnis des Schwertertanzes", erklärte ein ranghoher Mitarbeiter von Präsident Hassan Rohani. Er spielte damit auf den traditionellen Schwertertanz an, an dem Trump im Rahmen seines Besuchs in Riad teilnahm. Auch deutsche Außenpolitiker sehen die Eskalation als Folge des Trump-Besuchs.

Hohe wirtschaftliche Schäden möglich

Katar habe nun laut Lüders ein riesiges Problem: "Es kann wirtschaftlich diesem Druck sicherlich standhalten, aber wenn nicht vermittelt wird, kann die Krise sehr schnell außer Kontrolle geraten." Erste ökonomische Konsequenzen drohen dem Wüstenstaat bereits. Wichtige Fluggesellschaften wie Etihad und Emirates kündigten an, ab Dienstag alle Flüge von und nach Doha auf unbestimmte Zeit auszusetzen. Ägypten schloss den Luftraum für Flugzeuge aus Katar, was das Luftdrehkreuz Doha gefährden könnte, über das auch europäische Passagiere nach Asien fliegen. Es wird mit erheblichen Störungen im Flugplan gerechnet, vor allem bei Qatar Airways.

Am Hamad-Flughafen in Katar wurden allein im ersten Quartal 2017 knapp zehn Millionen Passagiere abgefertigt, viele davon kommen aus den Nachbarländern zum Umsteigen. Qatar Airways ist an der Iberia- und British-Airways-Mutter IAG beteiligt. Der internationale Verband der Airlines, IATA, rief dazu auf, Grenzen nicht zu schließen. "Unsere Branche hängt von offenen Grenzen ab", sagte IATA-Chef Alexandre de Juniac. In Deutschland bietet die Lufthansa eine tägliche Verbindung via Kuwait nach Doha an. "Der Abbruch diplomatischer Beziehungen einiger Nachbarländer zu Katar hat zum aktuellen Zeitpunkt keine Auswirkungen auf diese Flugverbindung", sagte ein Konzernsprecher.

Engpässe im Lebensmittelhandel drohen

An den Finanzmärkten kam aber schon Unruhe auf. Der Ölpreis gab nach. Die Frage sei nun, ob es zu verstärkten Spannungen zwischen den OPEC-Schwergewichten Saudi-Arabien, Iran und Irak komme, sagte Analyst Virendra Chauhan von der Beratungsfirma Energy Aspects. Katar ist der weltgrößte Exporteur von Flüssigerdgas (LNG). Händler sagten, noch sei es zu früh, um die Auswirkungen des diplomatischen Streits auf die LNG-Lieferungen in der Region abschätzen zu können.

Es könnte auch schon bald zu Engpässen im Lebensmittelhandel kommen. Katar mit seinen 2,5 Millionen Einwohnern ist hier stark abhängig von Importen. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien würden bereits keinen weißen Zucker mehr liefern, sagten Insider der Nachrichtenagentur Reuters.

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