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Vor Wahlen in Großbritannien - Alte Labour-Hochburgen: Ende der Gewissheiten

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Die einst stolze Arbeiterstadt Grimsby zählt zu den Labour-Hochburgen - auf sie war bei Wahlen Verlass. Das ist lange her - am 12. Dezember muss Jeremy Corbyn um Stimmen bangen.

In der Labour-Hochburg Grimsby stimmten damals mehr als 70 Prozent der Bevölkerung für den EU-Austritt. Es sind Wahlkreise wie dieser, die die Tories unter Boris Johnson gewinnen wollen und auf die auch Farages Brexit-Partei ein Auge hat.

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Carl Powells Messer schneidet durch den Fisch. Schnell, rhythmisch, präzise. Mit etwa zwanzig anderen Männern steht er in einem kalten weißen Raum, vor sich ein Bassin voll toter Fische, die er im Akkord bearbeitet. Carl ist ein Meister-Filettierer, aufgewachsen in Grimsby an der englischen Ostküste, einst dem größten Fischereihafen der Welt. Ein Mann kurz hinter seinen besten Jahren, die meisten hat er damit verbracht, Fisch in Stücke zu schneiden.

Labour war mal die Partei der Arbeiter. Nicht mehr.
Carl Powell, Arbeiter

Arbeiter wie Carl sind schwer zu finden. Es ist ein harter, monotoner Job, mit 200 Euro am Tag bezahlt - vorausgesetzt man ist schnell, denn es geht nach Gewicht, also Leistung. Und so, denkt Carl, müssten auch Politiker bewertet werden. "Anstatt das zu tun, wofür wir gestimmt haben, meinen die, sie wüssten alles besser. Labour war mal die Partei der Arbeiter. Nicht mehr."

Leid, das aus verlorener Bedeutung herrührt

Die meisten Arbeiter in der britischen Fischindustrie, so wie auch die in der französischen und der holländischen, sind vorsichtig gesagt euroskeptisch. Wir sprechen an diesem Morgen mit etwa zehn Fischhändlern, Hafenarbeitern und -managern - nur einer hat im Brexit-Referendum für die EU gestimmt, und er wird bei den kommenden Wahlen für die Konservativen stimmen, weil "es" jetzt einfach passieren müsse. Grimsby ist ein besonders eindrückliches Beispiel von einstiger Größe und Leid, das aus verlorener Bedeutung herrührt.

Grimsby war einmal eine stolze Arbeiterstadt, noch immer thront der rote Backsteinturm über dem Hafen, ist der Weg vom Wasser in die Innenstadt gesäumt von riesigen Industriegebäuden, doch sie sind alle zerfallen. Die Fischereiflotte ist dahin, im Hafen dümpeln nur ein paar kleine Segelschiffe. Die Menschen in Grimsby sind ihrer Partei, Labour, lange treu geblieben - die Kabeljaukriege mit Island, die den Bedeutungsverlust des Hafens zur Folge hatten, und die Deindustrialisierung der 1980er Jahre änderten daran nichts.

"Es wird wohl die Brexit-Partei werden"

Ich hab immer Labour gewählt, aber für Corbyn kann ich wirklich nicht stimmen.
Keith Helstern

Nun aber kommen zu dem schwer erträglichen Anblick der öden Hauptstraße, auf der sich Billigläden, Secondhand-Shops und Fastfood-Restaurants aneinanderreihen, zwei weitere Dinge hinzu: der Brexit und Jeremy Corbyn. "Für den kann ich nicht stimmen", sagt Hafenarbeiter Keith Helstern. "Ich hab immer Labour gewählt, aber für Corbyn kann ich wirklich nicht stimmen. Ich bin kein Tory, für die stimme ich auch nicht. Es wird wohl die Brexit-Partei werden." Dabei ist Keith sich nicht mal sicher, ob das mit dem Brexit so eine gute Idee ist.

Grimsby ist Teil der sogenannten roten Mauer. Diese zieht sich durch Mittelengland, ein Gebiet voller traditioneller Labour-Wahlkreise, in denen die Konservativen bisher nie einen Fuß auf den Boden bekamen. Nun aber wollen sie angreifen, müssen sie gewinnen, denn nur die Wahlkreise von 2017 zu halten, wird für eine absolute Mehrheit nicht reichen.

Brexit-Partei gibt sich siegesgewiss

Neben den alten Verbundenheiten - viele zitieren hier ihre Väter, die sich um Grab umdrehen würden, sollten sie konservativ wählen - steht ihnen dabei die Brexit-Partei im Weg. Nigel Farage hat sich zwar aus 317 sicher konservativen Wahlkreisen im ganzen Land zurückgezogen. In allen anderen aber wird er antreten.

Und Christopher Barker freut sich schon darauf. Der Mann hat einen Händedruck, wie man sich den von Trump vorstellt, und ein siegesgewisses Lächeln. Er will für die Brexit-Partei ins Parlament. "Ja, es gibt ein unglaubliches Ressentiment gegen den radikalen Linkskurs von Jeremy Corbyn, aber es gibt auch Ressentiments gegen Boris Johnsons Partei, die sich auf Kosten jedes Prinzips einfach nur versucht, an der Macht zu halten."

Barker zielt auf verlorenen Stolz der Arbeiter

Mehrfach haben die Konservativen die Brexit-Partei gebeten, sich auch aus Labour-Wahlkreisen rauszuhalten, die Brexit-Hochburgen sind. Vergeblich. Und vermutlich trifft Christopher Barker die Labour-Partei sogar deutlich stärker als die Konservativen.

Punktgenau zielt er auf den verlorenen Stolz der Arbeiter: den Hafen, die Fischgründe. "Nur der harte Schnitt mit Brüssel wird es möglich machen, unsere eigene Handelspolitik durchzusetzen, die Kontrolle der Fischgründe wieder zu übernehmen und unsere Stadt zurück zum Wohlstand zu führen", sagt Barker. Weder der konservative Kandidat noch die Labour-Abgeordnete Melanie Onn hatten Zeit für ein Gespräch mit uns.

Johnsons Rechnung könnte aufgehen

Jede Menge Zeit haben die vor allem älteren Damen im Social Club von Grimsby. Jeden Dienstag treffen sie sich hier zum Bingo-Spielen. Kommen schön frisiert mit Gehhilfe oder Stöcken, bestellen sich eine quietschgelbe Limonade oder auch ein, zwei Bier, zahlen ein Pfund Einsatz und zücken ihre Bingo-Stifte.

Wenigstens haben Theresa May und Boris Johnson wirklich versucht, uns aus der EU zu führen.
Valerie Cox, Social Club Grimsby

Die zweite Runde gewinnt Valerie Cox, die sich immer wieder bei uns entschuldigt: "Bitte nehmt es nicht persönlich, ich liebe Deutschland, meine beste Freundin ist aus Leipzig, aber ich finde, jedes Land sollte seine eigenen Angelegenheiten regeln. Was immer man von der konservativen Partei hält, wenigstens haben Theresa May und Boris Johnson wirklich versucht, uns aus der EU zu führen." David Connell stimmt zu: Ja, "Boris" haue manchmal daneben, aber er habe das Herz am rechten Fleck und er werde das Land voranbringen.

Seniorentreff in der Labour-Hochburg Grimsby
Seniorinnen beim Bingo-Spiel im Social Club in Grimsby.
Quelle: ZDF

Boris Johnsons Strategie, sich als wahrer Rächer der Brexit-Wähler und einziger Garant des Volkswillens darzustellen, der sich gegen das aufmüpfige Parlament stemmt, geht hier voll auf. Warum also die Brexit-Partei wählen, wenn die Tories selbst wie eine klingen? Ein Trend, der sich nicht auf Grimsby beschränkt. In Umfragen liegen Johnsons Konservative im Schnitt um zehn Prozent vor Labour. Immer wieder wird daran erinnert, dass Labour bei den Wahlen 2017 sogar 24 Prozent hinter Theresa May gelegen und dann auf 2,5 Prozent aufgeholt hatte, doch Johnson ist nicht May.

Corbyn - so unbeliebt wie keiner sonst

Nur Corbyn ist immer noch Corbyn: Jemand, der seine Dossiers kennt, informiert ist, sich interessiert. Aber auch humorlos daherkommt, von seiner Partei nicht getragen wird, sich immer wieder gegen Vorwürfe von Antisemitismus wehren muss und in Umfragen der unbeliebteste Oppositionspolitiker aller Zeiten ist. Und immer noch ist die Labour-Brexitpolitik komplex, um nicht verwirrend zu sagen. In einem Land, das müde ist von Streitereien und vor allem Ruhe will, scheint nicht mal die Vier-Tage-Woche, die Labour verspricht, verlockend.

Und so vernünftig die Labour-Forderung nach einem zweiten Referendum klingen mag, so verspricht sie doch weiteren Streit. Weil Corbyn sich vermutlich von den schottischen Nationalisten dulden lassen müsste, hetzen die Konservativen, werde es dann womöglich schon nächstes Jahr noch ein Referendum über Schottlands Unabhängigkeit geben. Das klingt nach mehr Unruhe, als die meisten gerade ertragen können.

Dass es die Konservativen waren, denen das Land neun Jahre Sparpolitik zu verdanken hat, einen unterfinanzierten Gesundheitsdienst mit immer längeren Wartezeiten bei den Notaufnahmen, weniger Polizei und mehr Messerstechereien und natürlich den Brexit mit all dem Wirtschafts- und Bedeutungsverlust, den dieser schon jetzt bedeutet  - all das scheint verzeihlich, denn Johnson verspricht, er werde alles wieder gut machen. Und sie glauben ihm.

"Alles steht auf dem Kopf"

Auf dem Fischmarkt haben wir dann doch noch einen Freund der EU gefunden. Chris Sparkes hat gegen den Brexit gestimmt. Er hält ihn nach wie vor für wirtschaftlichen Wahnsinn, aber über seine Parteiloyalität siegt diese Ansicht nicht. Er wird, wie immer, konservativ wählen, erzählt er vergnügt und fügt hinzu: "Ich bin der einzige in meiner Familie, alle anderen sind Labour. Auch mein Bruder wird wieder Labour wählen, obwohl er ganz und gar für den Brexit ist." Ganz schön durcheinander? "Ja, ich weiß", antwortet der Hafenmanager, ""das ist es doch, was der Brexit in diesem Land angerichtet hat. Keiner weiß mehr irgendwas, alles steht auf dem Kopf."

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