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Internet gegen Innenstadt - Das große Ladensterben

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Seit Jahren wehrt sich der Einzelhandel gegen den Untergang. Welche Chancen er noch hat, darüber sprach das 3sat-Wirtschaftsmagazin makro mit Handelsexperte Gerrit Heinemann.

Der Online-Handel wächst fulminant rund um den Globus. Allen voran der Internet-Riese Amazon. Immer mehr lokale Einzelhändler geben auf, so dass sich die Schere zwischen Groß und Klein weiter öffnet.

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30 min
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makro: Viele Innenstädte veröden, weil Einzelhändler ihr Geschäft aufgeben müssen. Den Schwarzen Peter bei dieser Entwicklung hat der Online-Handel. Welche Verantwortung aber trägt der stationäre Einzelhandel selbst? Hätte er nicht früher gegensteuern können?

Gerrit Heinemann: Ja, ganz klar! Wer sich zu spät wandelt, den bestraft der Kunde! Eine digitale Allergie, von denen immer noch etliche lokale Händler betroffen sind, hilft im Zeitalter der Digitalisierung nicht weiter. Viele lokale Händler erfüllen nicht einmal die Basisvoraussetzungen für professionellen Handel wie zum Beispiel das Arbeiten mit elektronischen Warenwirtschafts- und Kassensystemen. Sie betreiben damit immer noch Handel wie im Mittelalter, während die Kunden schon lange in der Neuzeit angekommen sind: Bereits 83 Prozent der Erwachsenen über 14 Jahren nutzen moderne Smartphones und mehr als 70 Prozent von Ihnen kaufen auch regelmäßig online ein - so die letzte ARD/ZDF-Onlinestudie. Aber auch Stadtväter haben einen großen Anteil an der Verödung der Innenstädte, da sie den stationären Händlern das Leben auch noch durch Verordnungen und Verbote zusätzlich erschweren. Zudem wird es den Kunden immer schwieriger gemacht, die Innenstädte einfach und kostengünstig zu erreichen.

makro: Aber der Einzelhandel räumt das Feld nicht kampflos: Heute gibt es Geschäfte mit 3D-Brillen oder man kann Produkte leihen statt kaufen. Kann der Einzelhandel das Ruder noch herumreißen?

Gerrit Heinemann: Digitale Gimmicks und Insellösungen helfen allerdings nicht, sondern verwirren die Kunden eher. Erforderlich ist ein digitales Gesamtkonzept, das sicherlich für jeden Händler anders aussehen kann. Das heißt nicht, dass jeder stationäre Händler gleich Onlinehändler werden muss, aber er sollte in jedem Fall im Netz präsent sein. Ein Beispiel: Wir haben in Mönchengladbach für die lokalen Händler einen 7-Stufenplan entwickelt, der eine Präsenz im Web vorsieht, mit der Kunden den stationären Einkauf wie gewünscht vorbereiten können. Der sowieso gedruckte Flyer mit den aktuellen Tagesangeboten lässt sich zum Beispiel ganz einfach auch auf Werbeplattformen wie kaufDA einstellen. In vierter Stufe geht es dann mit Onlineverkäufen los, und zwar zunächst auf dem regionalen E-Marktplatz "MG bei eBay", um das Thema zu üben. Erst danach geht es um den eigenen Online-Shop, der heute auch kein Hexenwerk mehr ist.

Der Handelsexperte Prof. Gerrit Heinemann sagt, eine "digitale Allergie", von der immer noch etliche lokale Händler betroffen seien, "hilft im Zeitalter der Digitalisierung nicht weiter".

Beitragslänge:
8 min
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makro: Wie reagieren eigentlich Einzelhändler in anderen Ländern auf die Konkurrenz? Der Online-Handel ist ja international.

Gerrit Heinemann: Deutschland liegt hier mehr oder weniger im Mittelfeld, so wie die meisten europäischen Länder auch. Während die Mittelmeerländer hinterherhinken, ist Skandinavien deutlich weiter und UK ist uns hier wahrscheinlich drei bis vier Jahre voraus. Die USA sowieso und China bald auch. Eine Gefahr wird bisher gar nicht diskutiert: Der Abfluss von Einzelhandelsumsätzen ins Ausland, was es früher so nicht gab. Wenn Amazon im deutschen Online-Handel bereits auf über 40 Prozent Marktanteil kommt und über 50 Prozent der Waren dort auf dem Marktplatz bereits Cross-Border nach Deutschland versendet werden, stellt das eine neue Dimension dar. Vor allem, weil jetzt auch Alibaba mit Aliexpress in Deutschland richtig Gas gibt und genau in dieselbe Richtung geht. Ich hoffe, dass die chinesischen Anbieter dort alle die Umsatzsteuer abführen.

makro: Städte ohne Läden - wie können wir uns die Zukunft der City vorstellen?

Gerrit Heinemann: Sowohl als auch: In großen Städte und Metropolen entwickelt sich der stationäre Handel sogar überwiegend noch positiv. Die rund 20.000 Städte und Gemeinden unter 100.000 Einwohner sind eher betroffen. Hier könnten in den nächsten zehn Jahren bis zu 26 Prozent der Flächenumsätze ins Netz abwandern, wenn die Händler dort nicht vom Online-Kuchen mitessen. Je kleiner die Stadt, desto größer das Problem. Es gibt in Klein- und Mittelstädten schon Leerstandsquoten von mehr als 40 Prozent. Sofern jedoch die Versorgungsfunktion mit Gütern des täglichen Bedarfs aufrechterhalten werden kann, müssen Städte auch nicht den Anspruch "Wir sind Shoppingstadt" hinterher träumen. Hier wäre sicherlich der Rückbau leerstehender Geschäfte und der Wandel zu schönen Schlafstädten sinnvoller.

makro: Wie lange wird es noch zwei große deutsche Warenhäuser geben? Gerüchte um ein Zusammengehen von Karstadt und Kaufhof gibt es ja schon seit Jahren.

Gerrit Heinemann: Wahrscheinlich nicht mehr so lange, wie man hört! Sicherlich lassen sich durch das Zusammengehen noch Kosten reduzieren, da Verwaltungsfunktionen und Häuser dann zusammengelegt werden können. Dennoch läuft auch das auf ein dauerhaftes Downsizing - also eine Verkleinerung - raus. Warenhausexperten rechnen damit, dass mittelfristig nur maximal die Hälfte der rund 200 Warenhäuser beider Unternehmen übrigbleiben werden - überwiegend in Metropolen. Für das Warenhaus als den Dinosaurier des Handels dürfte das Aussterben auf Raten auch durch eine Deutsche Warenhaus-AG nicht zu verhindern sein.

Das Interview führte makro-Moderatorin Eva Schmidt.

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