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Leben an der Autobahn - "Verkehrslärm macht krank"

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Schlaganfall, Herzinfarkt, Bluthochdruck, Depressionen: Wer nahe an stark befahrenen Straßen oder Autobahnen wohnt, hat ein höheres Krankheitsrisiko. Warum das so ist und warum Lärm immer noch zu wenig bekämpft wird, erklärt der Mainzer Kardiologe Thomas Münzel im heute.de-Interview.

Schlaganfall, Herzinfarkt, Bluthochdruck, Depressionen: Wer nahe an stark befahrenen Straßen oder Autobahnen wohnt, hat ein höheres Krankheitsrisiko. Lärm machen nicht nur Flugzeuge, sondern auch Autos auf Autobahnen und Straßen.

Beitragslänge:
3 min
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heute.de: Wie definieren Sie Lärm, der uns Menschen auf die Gesundheit schlägt?

Thomas Münzel: Lärm kommt vom italienischen Wort Alarm. Wenn wir es hören, erwacht unser Fluchtreflex. Es sind also Geräusche, die von ihrer Umwelt als störend empfunden werden. Werden bestimmte Schallgrenzen überschritten, müssen wir mit Gefährdungen der Gesundheit rechnen.

heute.de: Nehmen wir hohe Frequenzen anders wahr als tiefe?

Münzel: Bei gleicher Lautstärke empfinden wir hohe Frequenzen lauter und schneller unangenehm als tiefe.

heute.de: Aber hohe Frequenzen machen nicht schneller krank als tiefe?

Münzel: Es kommt unter anderem darauf an, wie der Lärm in unserem Körper verarbeitet wird. Wenn hohe Frequenzen bei uns schneller und intensiver Stress erzeugen, dann muss man auch mit schnelleren und intensiveren Auswirkungen auf die Gesundheit rechnen.

heute.de: Welche Krankheiten kann Straßenlärm auslösen?

Münzel: Der weltweit geschätzte Lärmforscher Wolfgang Babisch hat es an einem Lärmwirkungsmodell deutlich gemacht: Wenn es sehr laut ist, also bei Lautstärken über 90 Dezibel, wird das Gehör direkt geschädigt. Lärm im Bereich zwischen 50 und 60 Dezibel wirkt indirekt auf unsere Gesundheit. Unsere Konzentration, Kommunikation oder unser Schlaf werden gestört. Dann wird die sogenannte Ärgerreaktion (oder Annoyance) ausgelöst und wir geraten in Stress. Der Cortisol-Spiegel und die Katecholamine im Körper steigen. Wenn wir diesem Stress chronisch ausgesetzt sind, bildet der Körper selbst Risikofaktoren aus.

heute.de: Was bedeutet das?

Münzel: Das Blut gerinnt schneller, der Blutzucker und die Blutfette werden erhöht. Wenn diese Situation anhält, muss man langfristig mit Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzschwäche rechnen. Wenn wir rauchen, uns zu wenig bewegen oder schlecht ernähren, verschulden wir selbst die Risiken. Wir können unser Verhalten ändern und das Risiko minimieren. Dem Verkehrslärm aber sind wir schutzlos ausgeliefert und auf die Politik angewiesen, dass sie verbindliche Lärmgrenzen einführt.

heute.de: Welche konkreten Risiken löst Krach aus?

Münzel: Wir wissen, dass pro zehn Dezibel mehr Lärm das Risiko, einen Herzinfarkt oder auch Schlaganfall zu erleiden, um zehn bis 20 Prozent zunimmt. Neuere Studien auch aus Mainz zeigen: Insbesondere die, die sich über den Lärm ärgern, werden eher herzkrank oder bekommen mehr psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen.
heute.de: Wie wirkt Lärm auf Kinder?

Münzel: Auch sie können Bluthochdruck entwickeln und ihre kognitiven Leistungen werden deutlich eingeschränkt. Studien belegen, dass Lärm die Entwicklung der Kinder um vier bis sechs Wochen verzögern kann. Das muss uns beunruhigen, weil wir nicht wissen, was das langfristig für Folgen für diese Kinder hat. Wir dürfen das auf keinen Fall bagatellisieren.

heute.de: Nimmt unsere Lärmempfindlichkeit zu?

Münzel: Ich würde sagen ja. Der Stress nimmt in unserer Gesellschaft zu und fördert in hohem Maße auch die Lärmempfindlichkeit.

heute.de: Werden wir im Alter weniger lärmempfindlich, weil wir schwerhörig werden?

Münzel: Man hört nicht mehr die sehr hohen Frequenzen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat drei Gruppen definiert, die deutlich lärmempfindlicher sind als alle anderen: Kinder, Kranke und Alte. Die Konsequenz müsste sein, Schulen, Kitas und Krankenhäuser besser zu schützen. Nur hält sich niemand daran.

heute.de: Es gibt Menschen, die seit Jahren nahe an einer Autobahn wohnen. Angesprochen auf den Dauerlärm, sagen viele: Das höre ich gar nicht mehr. Kann man sich an Lärm gewöhnen?

Münzel: Nein. Das haben große wissenschaftliche Untersuchungen nachgewiesen. Wenn ich nachts schlafe und Lärm ausgesetzt bin, steigt der Blutdruck immer an, auch wenn ich weiterschlafe und nicht aufwache. Wir können dieser Lärmbelastung nicht entgehen. Die Augen kann der Mensch schließen, die Ohren nicht.

heute.de: Also können sich die Menschen nur die Ohren verstopfen. Welchen Schutz gibt es noch?

Münzel: Das Problem ist, dass der Lärm stetig zunimmt. Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass der Straßenverkehr 60 Prozent des Lärms in Deutschland erzeugt. Und die Verkehrsbelastung nimmt deutlich zu. Aktiver Schallschutz ist, wenn man den Lärm an seiner Quelle reduziert, also den Autos, Bussen und Motorrädern. Passiven Schallschutz erreichen wir, wenn wir beispielsweise Lärmschutzwände bauen.

heute.de: Eigentlich ganz einfach ...

Münzel: Lärmreduktion wird gewünscht, ist aber extrem teuer. Der ehemalige Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer hat vorgerechnet, es koste den Steuerzahler eine Milliarde Euro, wenn der Lärm in Deutschland um nur ein Dezibel reduziert werde. Auf der anderen Seite macht Lärm krank und man könnte hunderte Millionen an Krankheitskosten einsparen, wenn man Lärm reduziert. Die beste Lösung wäre, die Lärmverursacher an den Therapiekosten zu beteiligen.

heute.de: Muss der Gesetzgeber aktiv werden?

Münzel: Wir Mediziner wissen und können belegen, dass Lärm nicht nur nervt, sondern krank macht. Angesichts dessen sind unsere Gesetze noch viel zu lasch. Es gibt Empfehlungen der WHO, deren Grenzwerte niedrig liegen. Aber das sind eben nur Empfehlungen und keine Gesetze. Das heißt, leider muss sich niemand an diese Grenzwerte halten. So kann es vorkommen, dass die empfohlenen Lärmgrenzen im Bereich von Kitas, Seniorenheimen und Krankenhäusern um bis zu 20 Dezibel überschritten werden, aber dafür interessiert sich leider niemand.

Das Interview führte Katharina Sperber.

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