Sie sind hier:

Eskalation an zwei Fronten - Syrien: Helfern fehlen die Worte

Datum:

Die Lage in der Rebellenhochburg bei Damaskus wird für die Zivilisten immer dramatischer. Viele werden bei Luftangriffen getötet. Auch im Norden Syriens eskaliert die Situation.

Das syrische Rebellengebiet Ost-Ghuta erlebt eine der blutigsten Angriffswellen seit Beginn des Bürgerkriegs. Bei Bombardierungen aus der Luft und durch Artilleriebeschuss seien in der Region innerhalb von 48 Stunden mindestens 230 Zivilisten getötet worden, darunter Dutzende Frauen und Kinder, meldet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Mehr als 1.100 Menschen seien verletzt worden, viele davon schwer.

In der letzten große Rebellenhochburg vor den Toren Damaskus' leben neben mehreren tausend Kämpfern nach wie vor rund 400.000 Zivilisten. Sie sind fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Über Wochen durften keine Hilfslieferungen in das Gebiet. UN-Nothilfekoordinator Panos Moumtzis sprach von einem schlimmen Mangel an Nahrungsmitteln.

"Es war die Hölle"

Helfer berichten von einer dramatischen Lage. Fünf Krankenhäuser in Ost-Ghuta seien gezielt bombardiert worden und außer Betrieb, teilte die Hilfsorganisation UOSSM mit und sprach von einer "humanitären Katastrophe". Moumtzis äußerte sich "entsetzt und erschüttert" über die Berichte.

"Es war die Hölle", sagte ein Arzt aus einem Krankenhaus. "Wir mussten mit ansehen, wie Kinder in unseren Händen an ihren schweren Wunden gestorben sind, weil sie zu spät ins Krankenhaus kamen." Die Kliniken seien völlig überfüllt. Narkosemittel und wichtige Medikamente gingen zu Ende. Das Kinderhilfswerk Unicef versah seine Pressemitteilung mit zehn Leerzeilen: "Wir haben keine Worte mehr, um das Leid der Kinder und unsere Empörung zu beschreiben", erläuterte die Organisation.

Nach Angaben von Aktivisten flogen Jets und Hubschrauber der syrischen Luftwaffe allein am Montag Dutzend Angriffe auf verschiedene Orte in Ost-Ghuta. Grausame Bilder aus dem Rebellengebiet zeigten verstaubte Opfer unter den Trümmern zerstörter Häuser. Aktivsten verbreiteten Aufnahmen von getöteten Kindern. Nach Darstellung der Opposition bereiten die syrischen Streitkräfte eine Bodenoffensive vor. Sie werfen der Regierung vor, sie wolle Ost-Ghuta wie schon zuvor andere belagerte Gebiete so lange massiv bombardieren, bis die Rebellen zur Aufgabe gezwungen seien.

Türkei bombardiert Kurden-Region

Im Norden des Bürgerkriegslandes droht unterdessen der Kampf um die Kurden-Region Afrin zum offenen Konflikt zwischen der Türkei und der syrischen Regierung zu werden. Das türkische Militär beschoss am Dienstag regierungsnahe syrische Kämpfer. Die waren in Afrin eingerückt, um die Kurden-Miliz YPG zu unterstützen und die Grenzen zu sichern, wie das syrische Staatsfernsehen berichtete. Zu sehen waren Bilder von etwa 20 mit Maschinengewehren beladenen Fahrzeugen, die einen Kontrollposten mit dem Zeichen der kurdischen Sicherheitskräfte passierten. Etliche Bewaffnete schwenkten syrische Flaggen, skandierten "Ein Syrien, ein Syrien" und priesen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad.

Ankara dagegen erklärte, die syrischen Kräfte hätten sich nach türkischem Artillerie-Beschuss wieder zurückgezogen. Syrische Militärkreise wiesen diese Angaben zurück und verkündeten, die Truppen hätten in Afrin wie geplant Position bezogen. Von kurdischer Seite hieß es, fünf Bomben seien in der Nähe des Gebiets eingeschlagen, das die Regierungskräfte passiert hätten.

Erdogan kündigte Belagerung an

Türkische Truppen und verbündete syrische Kämpfer hatten vor einem Monat eine Offensive auf Afrin begonnen. Das Gebiet wird von der YPG kontrolliert. Die Türkei sieht in der Miliz den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und bekämpft sie. Die Armee war dabei ohne die Zustimmung der syrischen Regierung im Nachbarland einmarschiert. Staatschef Recep Tayyip Erdogan warnte Damaskus am Dienstag, nun bloß keine Fehler zu machen. Man werde das Stadtzentrum "in den nächsten Tagen" einschließen, sagte er. Auf diese Weise werde Hilfe von außen blockiert. Zuvor hatte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu Syrien gewarnt: "Wenn das Regime eindringt, um die YPG zu schützen oder ihren Schutz zu gewährleisten, dann kann niemand uns, die Türkei und die türkischen Soldaten stoppen."

Bei den syrischen Kräften handelt es sich nach Angaben der Regierung um "Volkskräfte". Die Kurden hatten seit einer Woche mit Damaskus über eine Entsendung der Truppen verhandelt. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete, bei den einrückenden Regierungskräften habe es sich zunächst um eine Vorhut gehandelt. Schwere Waffen seien zunächst nicht dabei gewesen. Eigentlich verfolgen Damaskus und die Kurden langfristig unterschiedliche Ziele: Die Kurden streben nach Autonomie in ihrem Gebiet, Präsident Baschar al-Assad indes erhebt Anspruch auf das ganze Land.

Lawrow warnt vor Spaltung Syriens

Die Regierung in Ankara will Assad zwar entmachten, hat sich aber bisher darauf konzentriert, in Syrien gegen die YPG und die IS-Terrormiliz vorzugehen. Doch durch die Vereinbarung zur Zusammenarbeit zwischen YPG und regierungstreuen Kräften beim Kampf um Afrin wurden die Karten wieder neu gemischt. Die YPG wurde im Kampf gegen den IS zudem von den USA unterstützt, was die Beziehung zum NATO-Partner Türkei belastet.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow warnte am Dienstag vor einer Spaltung des Bürgerkriegslandes und forderte die Türkei dazu auf, mit der syrischen Regierung in Dialog zu treten. Es sei nicht hinnehmbar, wenn "das Kurden-Problem" dazu genutzt werde, Chaos in der Region zu säen und Staaten zu spalten. Lawrow betonte, Moskau habe Verständnis sowohl für den Standpunkt der Türkei als auch für den der Kurden.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.