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Aktionstag gegen Urbanisierung - Landflucht lässt Peking wachsen

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Viele Chinesen träumen davon, ihr Geld in einer der Megacities zu verdienen. Doch die Städte platzen aus allen Nähten, einfache Leute sind unerwünscht. Beobachtungen aus Peking.

'Archiv: Stau auf einer Autobahn in Peking
Stau auf einer Autobahn in Peking Quelle: reuters

2.000 Yuan pro Monat, umgerechnet 260 Euro, verdiente Herr Gu als Kleinstadtbeamter in der chinesischen Provinz Hebei. Zu wenig, um für die Familie zu sorgen und Geld zurückzulegen für eine gute Ausbildung für sein Kind. Vor drei Jahren machte er sich deshalb auf nach Peking, um dort sein Glück zu versuchen. Nach kurzer Suche fand er einen Job als Fahrer bei einem Lieferservice. In guten Monaten verdient er damit dreimal so viel wie zu Hause.

Sechs Millionen Menschen mehr binnen einer Dekade

Herr Gu ist damit in guter Gesellschaft: Allein im letzten Jahr zog es rund 428.000 Arbeiter aus ganz China in die Hauptstadt. Sie alle eint die Hoffnung, der Armut auf dem Land zu entkommen. Denn weitab der großen Wirtschaftszentren sind gute Jobs dünn gesät und Aufstiegschancen rar.

Chinesische Lieferfahrer
Chinesische Lieferfahrer Quelle: ZDF

Die Metropolen haben mit diesem enormen Zuzug massiv zu kämpfen. Peking hat aktuell gut 21 Millionen Einwohner, mehr als sechs Millionen davon sind erst im vergangenen Jahrzehnt in die Stadt gezogen. Die Infrastruktur ächzt unter dieser Entwicklung. Wohnraum ist knapp und teuer, Krankenhäuser sind ebenso überfüllt wie U-Bahnen und Busse.

Offizielle Gegenmaßnahme: Xiong’an - die Stadt aus der Retorte

Peking ist für diese Menschenmassen nicht ausgelegt. Das birgt auf Dauer Zündstoff. Daher hat die chinesische Führung offiziell eine Gegenmaßnahme angekündigt: am Reißbrett wird eine neue Metropole entstehen, etwa 100 km südlich von Peking und unter direkter Aufsicht der Kommunistischen Partei. Ernsthafte Bemühungen, die weiten ländlichen Regionen Chinas zu stärken, gibt es dagegen wenige.

Die Hauptstadt will kontrolliert auslagern und ergießt sich dabei sozusagen planmäßig in ihr direktes Hinterland. So sollen in Xiong'an große Technikfirmen, weite Teile der chinesischen Verwaltung sowie natur- und ingenieurswissenschaftliche Institute der großen Universitäten angesiedelt werden. Zusammen mit Peking und dem östlich gelegenen Tianjin soll diese neue Metropolregion zum Zuhause für 130 Millionen Menschen werden. Eine moderne Stadt, komplett aus der Retorte.

Inoffizielle Gegenmaßnahme: Ausgrenzung der Zugezogenen

Zugezogene wie Herr Gu allerdings erzählen von weniger glamourösen Versuchen, der Menschenmassen Herr zu werden. "Seit etwa einem Jahr versucht die Regierung massiv, Fremde zu vertreiben", meint er. Aufgrund der hohen Mieten wohnen Leute wie er oft in Kellerräumen – weitab vom Zentrum, ohne Heizung, ohne Fenster. 800 Yuan, etwa 100 Euro, werden für ein Zimmer von knapp 10 Quadratmeter fällig. Doch dieses übliche Wohnmodell für Auswärtige wurde unlängst verboten. "Es ist wirklich viel strenger geworden. Einen Keller nach dem anderen machen sie zu", sagt Gu. "In den letzten 12 Monaten musste ich dreimal umziehen."

Dazu kommen Zwangsschließungen vieler günstiger kleiner Läden, die vor allem von Zugezogenen betrieben und frequentiert werden. Nudelküchen, Kiosks, Friseure – im Dunkeln rückten die Bagger an, ganze Straßenzüge verloren so über Nacht ihr Gesicht und die Menschen ihre Lebensgrundlage. Die Pekinger Behörden geben an, es handele sich dabei um die Beseitigung illegal errichteter Schwarzbauten, die ein Sicherheitsrisiko seien. Herr Gu aber glaubt das nicht. "Es gibt Gerüchte, dass sie auf diese Weise bis zu 100.000 Menschen loswerden wollen", erzählt er. "Mein Gefühl ist, dass sie das von langer Hand so geplant haben."

Geplatzter Traum – Zurück auf Los

Herr Gu hat aufgegeben. Er wollte nicht länger unerwünscht sein. Nicht länger getrennt von seiner Familie leben für die paar Yuan mehr, die ihm bei den hohen Kosten in Peking jeden Monat übrigblieben. Vor drei Monaten hat er seine Sachen gepackt und ist in den Zug gestiegen. Zurück nach Hebei, zurück in die Heimat. Eine Heimat, in der er nun noch einmal ganz von vorne anfangen muss.  

Hintergrund zu Urbanisierung und Landflucht

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