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Bauern verzweifelt - "Die Nerven liegen blank"

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Landwirte befürchten wegen der derzeitigen Dürre Milliardenverluste. Sie fordern Hilfen vom Bund und einen Gipfel. Doch dort wartet man ab. Dabei könnte es noch schlimmer kommen.

Dürre in Sachsen
In Sachsen hat es seit Monaten nicht geregnet. Quelle: dpa

Diese roten Punkte können Existenzen zerstören. Die normalroten, die tiefroten fast sicher. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt täglich, wie die roten Punkte auf der Deutschlandkarte mehr werden, von rot: "extreme Dürre" bis tiefrot: "außergewöhnliche Dürre". Auf der Karte, die die Trockenheit des Oberbodens bis 25 Zentimeter Tiefe anzeigt, fällt die Mitte auf, also Osthessen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, sowie der Norden, also Niedersachen und Schleswig-Holstein. Die zweite Karte bis 1,80 Meter Bodentiefe zeigt: Auch Bayern und Baden-Württemberg haben ein Problem.

Wenn der Boden sandig und leicht ist, Wasser durch zu wenig Regen nicht mehr gespeichert wird, dann wächst dort bei der derzeitigen Dürreperiode nicht mehr viel. Oder die Qualität ist zu schlecht. Dann könnte es so schlimm werden wie 2003 bei der letzten großen Dürreperiode. "Ich befürchte, es geht stark in diese Richtung", sagt Anton Huber vom Bayerischen Bauernverband.

"Katastrophal" bis "geht schon noch"

Noch läuft die Ernte, und noch läuft Hubers Umfrage unter seinen Mitgliedern in Bayern, wie sie den Ertrag einschätzen. So viel ist aber jetzt schon klar. 20 bis 50 Prozent und mehr Einbußen wird es beim Futtergetreide geben. Den Raps, der im Frühjahr zu schnell gewachsen und dessen Knospen nun vertrockneten, ernten die Landwirte erst gar nicht mehr, sondern mulchen ihn. Sorge machen Mais, Rüben, Kartoffeln. Der Regen in den vergangenen Wochen war einfach zu wenig, sagt Huber, der im Bauerverband Referent für Getreide und Ölsaate ist. Von "katastrophal" bis "geht schon noch" sei die Einschätzung der Bauern beim Getreide. "Wir haben in Bayern einen wahnsinnigen Flickenteppich", sagt Huber. Je nach Boden und Niederschlägen sei der Westen etwas besser, der Osten dagegen schlechter dran.

Ähnlich sieht es in den anderen Bundesländern aus. Niedersachsen etwa rechnet nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums mit bis zu 50 Prozent Einbußen bei Getreide und Raps. Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied schätzt die Schäden auf "Milliardenhöhe". Allein beim Getreide könnten es geschätzt sieben bis acht Millionen Tonnen weniger werden als im Durchschnitt. "Allein das wäre ein Schaden von rund 1,4 Milliarden Euro", sagt Rukwied. Und: Der Mais stehe in manchen Regionen nur kniehoch. Das bedeutet: Das Futter für die Tiere wird spätestens im Winter knapp. Schon jetzt fangen Bauern an, ihre Tiere zu schlachten, weil sie sie nicht mehr versorgen können. Die Sorge des Bauernpräsidenten ist auch: In den kommenden zwei Wochen ist kaum Niederschlag vorausgesagt, höchsten ab und an ein Gewitter. "Die Trockenheit wird sich weiter verschärfen", sagt Rukwied. Da, wo es bislang noch geht, werde es schlimmer. "Bund und Länder müssen etwas tun."

Bund-Länder-Treffen am Dienstag

Schon mehrfach hat der Bund nach Naturkatastrophen den Betroffenen finanziell unter die Arme gegriffen. Bei der bislang schlimmsten Dürre 2003 zum Beispiel. Oder nach den Hochwasserkatastrophen 2002 und 2013. Voraussetzung ist, dass es ein "Schadereignis von nationalem Ausmaß" gibt, wie es im Amtsdeutsch heißt. Nationaler Notstand ist damit unjuristisch gemeint, was die Voraussetzung wäre, damit die Betriebe finanzielle Hilfe vom Bund bekommen können. Bislang verwies Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) darauf, dass die Auswirkungen der Dürre regional unterschiedlich seien.

Am kommenden Dienstag kommen nun erstmals Abteilungsleiter aus Bund und Ländern in Berlin zusammen. Bei diesem Treffen geht es aber erst einmal um "eine Bestandsaufnahme", wie eine Ministeriumssprecherin diese Woche sagte. Dann will man auf den Erntebericht Ende August warten, der einen Überblick über die Situation im ganzen Land gibt. "Erst dann kann es eine Entscheidung geben, ob Hilfen geleistet werden können", so die Sprecherin.

Die Landwirte bezweifeln nicht, dass diese Hilfe kommen muss. Der Bauernverband fordert deswegen, dass schon am nächsten Dienstag die rechtlichen Grundlagen für den Notstand geschaffen werden, damit Landwirte, deren Ernte im Vergleich zu den vergangenen drei Jahren um 30 Prozent eingebrochen ist, finanzielle Zuschüsse bekommen. Zum zweiten will der Verband, dass Vermögensrücklagen von der Steuer befreit werden. Damit die Betriebe in guten Jahren Rücklagen für die schlechten Zeiten bilden können. Sind diese beiden Forderungen das Ergebnis des Treffens am Dienstag, "dann wäre das ausreichend", sagt Bauernpräsident Rukwied.

Verband fordert Gipfel mit allen

Der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die rund 5000 ökologische und konventionelle Betriebe vertritt, reicht das aber noch nicht. "Nur Notstand und Geld rausschmeißen, das reicht nicht. Das kommt bei der Bevölkerung auch nicht gut an", sagt AbL-Bundesgeschäftsführer Georg Janßen. Sein Verband fordert "zeitnah" einen Gipfel, bei dem sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen. Also auch Schlachthöfe, Molkereien, der Lebensmittelhandel, die Genossenschaften. Denn Janßen zufolge gehe es nicht nur um schnelle finanzielle Hilfen. Die Ernteausfälle müssten Anlass sein, über den Milchpreis zum Beispiel noch einmal nachzudenken. Oder die Zulagen für den klimaschonenden Ackerbau zu erhöhen. "Der Bund muss die Anträge in Brüssel nur stellen", findet Janßen.

Finanzielle Zuschüsse seien jetzt "nur ein Tropfen auf dem heißen Stein" Die Situation, sagt Janßen, "ist wirklich bedrohlich". Die Erträge gehen zurück, Rechnungen häufen sich, "die Nerven liegen blank". Schon bei der Milchkrise habe das Ministerium viel zu spät gehandelt. Bis August zu warten, sei "viel zu spät", sagt Janßen.

Vielleicht ein Grund, warum manche Bundesländer nicht auf den Bund warten. Das Landwirtschaftsministerium Niedersachen, wie das Berliner Haus CDU-geführt, plant die Auszahlung von Direktzahlungen. Es geht davon aus, "dass dies Anfang Dezember sein wird“, teilt das Ministerium mit. Wegen des drohenden Futtermangels können Brachen freigegeben werden, Nutzungsverbote wurden vom Umweltministerium aufgehoben. Und die Finanzbehörden wurden angewiesen, Vorauszahlungen an die Landwirte anzupassen und deren schwierige Situation "im Rahmen der gegeben Ermessensspielräume" zu berücksichtigen.

Federweißer schon Anfang August

Und andere Lichtblicke gibt es: bei den Obstbauern und Winzern. Ihnen hilft das warme Wetter. Der Fruchtansatz beim Obst sei gut, sagt Bauernpräsident Rukwied. Entscheidend sei nun Wasserversorgung. "Dort, wo beregnet werden kann, bin ich sehr optimistisch." Und beim Wein? Die Reben wurzeln in zehn bis zwölf Metern Tiefe, finden also noch genügend Wasser. "Die Winzer sind im Großen und Ganzen zufrieden", sagt Ernst Büscher, Sprecher des Deutschen Weininstituts. Die Trauben hätten durch die viele Sonne einen hohen Zuckergehalt, die Hitze minimiere den Pilzbefall. Büscher sagt, es stehe die früheste Weinlese seit je bevor, schon am 6. August gebe es den ersten Federweißer.

Allerdings: In Weinbauangebieten mit leichten Böden, die Wasser schlecht speichern, werde es langsam kritisch. Bis zur Hauptlese Ende August könne noch viel passieren. "Wir bräuchten mal einen schönen, flächendeckenden Landregen", sagt Büscher. Dann könne der 2018er ein herausragender Jahrgang werden. Wenn es regnet.

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