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Leben im Gazastreifen - "Es ist kaum mehr auszuhalten"

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Seit sieben Jahren fährt unsere Reporterin regelmäßig in den Gazastreifen. Sie kennt die Menschen, das ständige Auf und Ab, die Hoffnung, die Resignation. Doch ihr letzter Besuch schockiert sie: Der Strom ist knapp, das Meer verseucht und Patienten können kaum versorgt werden.

Strom ist Mangelware in Gaza. Nur drei Stunden am Tag werden die Haushalte versorgt. Wer es sich leisten kann, zapft ein paar extra Ampere vom stinkenden, von Diesel-Generatoren betriebenen Privatkraftwerk ab.

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Der Gazastreifen. 360 Quadratkilometer groß. Zwei Millionen Menschen leben hier. Regiert von der radikalislamischen Hamas und unter der Blockade Israels. Für die meisten ist eine Ausreise nicht möglich. Und auch für die meisten Menschen "von draußen" ist eine Einreise nicht möglich, denn dazu braucht man eine Genehmigung von Israel, und die wird nur Journalisten, Mitarbeitern von bestimmten Nichtregierungsorganisationen und manchen politischen Delegationen erteilt. Israelische Staatsbürger oder "Touristen" bekommen keinen Zutritt. Kein Wunder also, dass sich um Gaza viele Legenden ranken. Oft kommentieren Menschen die Situation in Gaza und den Konflikt zwischen Hamas und Israel, ohne je dort gewesen zu sein.

Ständiges Auf und Ab

Seit 2010 reise ich als Reporterin regelmäßig in den Gazastreifen, kenne dort viele Menschen und bin eigentlich schon an das ständige Auf und Ab der Umstände dort gewöhnt. Je nachdem, ob es einen Krieg mit Israel gegeben hat, oder innerpolitische Machtkämpfe der Palästinenser den Menschen das Leben zur Hölle machen - die Stimmung ist immer wechselhaft, oft widersprüchlich zwischen Resignation, Hoffnungsschimmern, Kriegsangst und Kampfeswille.

Doch als ich nun in der vergangenen Woche nach sechsmonatiger Pause mal wieder in den Gazastreifen gereist bin, war ich schockiert: So desolat hatte ich die Lage nicht erwartet. Es stinkt nach Abwasser, verrottenden Lebensmitteln, die Straßen sind dreckiger als zuvor, und dank der Schulferien sieht man überall noch mehr Kinder als sonst, die zur Arbeit gezwungen werden. "Es ist kaum mehr auszuhalten", erklärt mir mein palästinensischer Mitarbeiter auf dem Weg in die Stadt und fügt als Vergleich hinzu: "Schlimmer als nach dem Krieg 2014."

Die Kläranlage ist außer Betrieb, Dreck und Fäkalien landen ungefiltert im Meer. Warnschilder weisen auf die Verseuchung hin, doch sie halten die Familien nicht ab bei Temperaturen von 33 Grad ihre Kinder zur "Erfrischung" dort schwimmen zu lassen. Strom gibt es drei Stunden am Tag. Das eigene Kraftwerk ist abgeschaltet. Wer es sich leisten kann, zapft ein paar extra Ampere vom stinkenden, von Diesel-Generatoren betriebenen Privatkraftwerk ab, aber eben nur, wer es sich leisten kann - und das kann kaum einer.

Prekäre Situation in Krankenhäusern

Die Krankenhäuser funktionieren ebenfalls mehr schlecht als recht, erste Kinder sterben wegen der mangelnden Versorgung. Es war Palästinenserpräsident Abbas, der die Gelder für den Strom in Gaza gekürzt hat und zusätzlich auch die Beamten-Gehälter der Mitarbeiter seiner Autonomiebehörde in Gaza. Er will Druck auf die Hamas ausüben und trifft dabei die Bevölkerung. Die Hamas sei selbst Schuld, erklärt mir Fatah-Sprecher Zakaria Al Agha in Gaza, "schließlich sind es die Radikalen, die nicht mit Abbas kooperieren wollen".

Die Hamas ihrerseits stiehlt sich aus der Verantwortung und spielt den Ball zurück: "Abbas will uns in die Knie zwingen, doch wir werden den Gazastreifen nicht aufgeben", erklärt uns einer ihrer Sprecher, Ibrahim Al Madhun. Statt allerdings den Menschen Mittel zur Verfügung zu stellen, übt Hamas zusätzlich Druck aus: Kassiert Schmiergelder von denen, die privat Strom generieren und verteilen; kontrolliert strenger als gewöhnlich und mit Hilfe ihrer Sharia-Polizei, dass sich jeder an die gelten Gesetze hält; übt Druck auf uns Journalisten aus: Befragungen, Verfolgungen, Bespitzelungen.

All das hat eine neue Qualität und ist ein Zeichen dafür, wie angespannt die Lage tatsächlich ist. Und ich spüre den wachsenden Unmut darüber. In der Vergangenheit war es immer schwierig, Menschen zu finden, die bereit waren, ihre Kritik an der Hamas auch vor der Kamera zu formulieren. Sie hatten zu viel Angst - berechtigte Angst - vor Repressionen durch die Hamas. Diesmal höre ich an vielen Ecken: Die Hamas seien Verbrecher, sie sollten zurücktreten - auch vor der Kamera. Gleichermaßen wird allerdings auch auf Abbas konkurrierende Fatah-Partei geschimpft, erstaunlich wenig dagegen auf Israel - der sonst übliche Reflex.

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