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Zerstörte Stadt im Irak - Nach Mossul kehrt das Leben zurück

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Nach der Schlacht gegen den IS ist das irakische Mossul nur noch ein Gerippe. Doch zwischen Schutt und Minen regt sich Leben: Hunderttausende sind in ihre Heimat zurückgekehrt.

Archiv: Zerstörte Gebäude am 10.01.2018 in Mossul
Mossul ist zu großen Teilen zerstört, doch die Bevölkerung baut die Stadt auch mit deutscher Hilfe wieder auf.
Quelle: reuters

Als Entwicklungsminister sieht Gerd Müller immer wieder Elend, Armut und Chaos auf der ganzen Welt. Das gehört zu seinem Job. Das heißt nicht, dass ihn nichts mehr schocken kann. "Das ist ja unvorstellbar", sagt der CSU-Politiker, als er in seiner schwarzen Schutzweste aus dem Wagen steigt. "Die Zerstörung ist grenzenlos, unermesslich." Es ist kurz nach neun am Dienstagmorgen, Müller steht mitten in der Altstadt von Mossul, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. So ein Ausmaß an Verwüstung habe er noch nie gesehen, sagt Müller. Der Minister blickt fassungslos auf die Folgen eines der schwersten Häuserkämpfe der Geschichte. Auch neun Monate nach der Befreiung aus der Gewaltherrschaft des sogenannten Islamischen Staates ist die irakische Stadt ein einziger Trümmerhaufen.

Zuerst kam der Islamische Staat. Dann kamen die Bomben. Über Monate leisteten die IS-Kämpfer in Mossul Widerstand. Tausende Menschen kamen ums Leben. In der Altstadt westlich des Flusses Tigris steht kaum ein Haus mehr. Was an Betonresten übrig ist, ist von Einschusslöchern durchsiebt. Karosserien türmen sich am Straßenrand. Von der Stadt ist nur ein staubiges, graues Gerippe geblieben. Zumindest der Leichengeruch hat sich verzogen.

"Fuck ISIS" steht an der Moschee

Mehr als eine Million Menschen wurden aus Mossul vertrieben. Aber es gibt Hoffnung. Fast 800.000 Menschen sind bis März zurückgekehrt, in das, was von ihrer Heimat übrig ist. Immer wieder tauchen Farbtupfer zwischen den grauen Trümmern auf. Obstverkäufer, die ihre Handkarren ziehen. Alte Männer, die zwischen Ruinenresten Kaffee trinken. Kleine Kinder, die am Straßenrand spielen. Vor zwei Monaten hätten die ersten Teehäuser in der Altstadt wieder aufgemacht, nun gebe es bereits wieder Geschäfte für Wandfarben, sagt ein Mitarbeiter des Generalkonsulats in Erbil. Es sind zarte Zeichen des Neuanfangs. Mossul ist eine Stadt, die wieder zurück ins Leben will.

Drei Jahre lang herrschte die Terrormiliz über die Millionenstadt im Norden des Iraks. Hier bauten die Extremisten Autobomben, von hier aus überrannten sie große Teile des Landes. Hier zeigte sich IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi in der Großen Moschee das einzige Mal öffentlich, um ein "Islamisches Kalifat" auszurufen. Die prächtige Moschee ist heute ein Trümmerfeld. Die grüne Kuppel wurde mit Schmierereien verunstaltet, "Fuck ISIS" steht dort in großen schwarzen Lettern. Durch die Ruinen dringt Baulärm aus der Ferne. Bagger, die Schutt wegräumen. "Es geht vorwärts", sagt Müller.

Gerd Müller am 24.04.2018 in Mossul
Entwicklungsminister Gerd Müller in Mossul
Quelle: dpa

Deutschland hilft mit 80 Millionen Euro

Der Entwicklungsminister ist nach Angaben der Deutschen Botschaft in Bagdad der erste Regierungsvertreter eines westlichen Landes überhaupt, der sich nach der großen Schlacht nach Mossul traut. Die Bundesregierung will beim Wiederaufbau helfen. Rund eine Milliarde Euro sind schätzungsweise nötig, nur um die lebenswichtigste Infrastruktur wieder instand zu setzen. Deutschland unterstützt den Wiederaufbau 2018 mit 80 Millionen Euro. Die Menschen brauchen Wasser, Strom, medizinische Versorgung, um zurückzukehren. "Der Krieg ist nicht beendet mit dem letzten Schuss", sagt Müller. Ohne den erfolgreichen Wiederaufbau drohe eine neue Radikalisierung.

Das Al-Shifaa-Krankenhaus war vor der IS-Herrschaft eine der modernsten Kliniken des Landes mit 1.200 Betten. Hier verschanzten sich die Islamisten bis zum bitteren Ende. Nun ist das Haus wie viele andere Gebäude in Mossul eine Falle. Allein hier wurden bislang 2.500 Minen und Granaten aus dem Schutt geholt, in ganz Mossul bereits 20.000, berichtet ein Minenräumer der UN. Die Stadt bleibt ein Minenfeld. Die Islamisten haben Sprengfallen an jeder Ecke versteckt. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass elf Millionen Tonnen Schutt entmint werden müssen - und dass die Entminung zehn Jahre dauern wird. Erst wenn keine Minen mehr im Boden liegen, können die Häuser wieder aufgebaut werden.

"Ich habe fünf Märtyer"

Von Normalität kann noch lange keine Rede sein. Aber es bewegt sich was in Mossul. Während der IS-Herrschaft ging im Irak nur jedes zehnte Kind zur Schule. Mit deutscher Hilfe werden derzeit 180 Schulen in Mossul für rund 120.000 Kinder wieder aufgebaut. Die Al-Huda-Schule ist eine davon. 180 Jungen und Mädchen lernen hier seit Herbst 2017 wieder. Die Wände sind fröhlich-bunt gestrichen, die Kinder sitzen artig in ihren rosafarbenen und blauen Uniformen hinter den Pulten.

Nada Kasim steht an der Tafel, sie unterrichtet hier Englisch. Die Kinder könnten die Schrecken der vergangenen Jahre nicht vergessen, berichtet sie. Ihr selbst fällt es sichtlich schwer, über die Herrschaft des Islamischen Staats zu sprechen. "Ich habe fünf Märtyer", erzählt die 35-Jährige leise. Märtyer, so nennen die Menschen hier ihre Angehörigen, die dem IS und den Bomben zum Opfer fielen. Auch ihr Haus wurde zerstört, berichtet die Lehrerin, sie wohne jetzt mit ihrem Mann und vier Kindern zur Miete im Ostteil der Stadt. Aber das sei nicht so schlimm. "Der IS ist für immer weg", sagt sie. "Mossul können wir wieder aufbauen, da bin ich sicher."

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