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Projekt in Norwegen - Unter Tage wird die Datenflut ökologisch

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Die Datenflut ist ein Klimakiller. Denn alle Daten liegen auf Servern, und die brauchen jede Menge Strom. Wie das Ganze ökologisch sinnvoll geht, zeigt ein Projekt in Norwegen.

Lefdal Mine Eingang Ebene 3
Eingang zur Lefdal-Mine in der Ebene 3
Quelle: ZDF

Im Bergmassiv klafft ein großes schwarzes Loch. Mats Andersson steuert seinen Wagen direkt darauf zu. Im Inneren führt eine 600 Meter lange Straße nach unten in den Berg hinein. 50 Meter unter dem Meeresspiegel liegt wohl die grüne Zukunft unserer Daten.

Rechenzentren haben gewaltigen Strom-Hunger

Es ist kalt unter Tage. In der Lefdal-Mine an der Westküste Norwegens herrschen exakt neun Grad Celsius. In jeder Sekunde, jeden Tag. Der Marketing-Chef der Mine, Mats Andersson, spricht davon, dass hier ein großes Problem gelöst wird: Die Digitalisierung ist ein Umweltkiller.

Täglich sind mehr als zwei Milliarden Menschen im Netz und wir hinterlassen einen hässlichen ökologischen Fußabdruck. Wäre das Internet ein Land, hätte es nach einer Studie von Greenpeace den weltweit sechstgrößten Stromverbrauch. Das Rückgrat des Internets sind die Rechenzentren. Denn dort liegen die Daten, auf die wir zugreifen, auf tausenden von Servern - vom Katzen-Video bis zum Online-Banking. Rechenzentren sind rund um die Uhr online und entwickeln dabei einen mächtigen Appetit auf Strom.

Rechenzentrum im Postkarten-Idyll

Die Gegend um die Lefdal-Mine ist eine Postkartenlandschaft, so schön wie Norwegen nur sein kann. Holzhäuser schmücken kleine Dörfer, die Kühe grasen im Hang und die Lachse springen im 50 Kilometer langen Nordfjord um die Wette. Die nächste größere Stadt ist nur über den Luftweg zu erreichen. Die Einheimischen der Region wissen nicht, dass seit einem Jahr eines der modernsten Rechenzentren der Welt in ihrer Nachbarschaft entsteht.

In den späten 70er Jahren kratzten die Norweger das Mineral Olivin aus der Lefdal-Mine und verschifften es rund um den Globus. Das grüne Mineral wird zur Stahlherstellung genutzt. Nachdem die Bergarbeiter den Olivin-Abbau im Jahr 2009 stoppten, hinterließen sie ein 29 Kilometer langes Tunnelsystem auf insgesamt fünf Ebenen. Ein Jackpot für Mats Andersson und die Investoren des Rechenzentrums - darunter der deutsche IT-Riese Rittal.

100 Prozent grüne Energie

Denn der Bau eines Rechenzentrums ist aufwendig und teuer. Die Lefdal-Mine muss nicht mehr gebaut werden, sie ist einfach da: 120.000 Quadratmeter Fläche stehen für die Daten zur Verfügung. Ein weiterer Vorteil des Bergwerks: Das Gestein schützt vor elektromagnetischer Strahlung und damit vor dem Verlust der Daten. 

Der größte Standortvorteil der Lefdal-Mine sind jedoch die extrem niedrigen Energiepreise. Sie bezieht ihren Strom von den umliegenden Wasserkraftwerken. Deren Speicherseen speisen sich das ganze Jahr über aus dem Schmelzwasser der Gletscher. Die Norweger produzieren jedes Jahr mehr Strom, als sie benötigen. Rund 6,7 TWh sind alleine in der Region um die Lefdal-Mine überschüssig und daher günstig zu haben, sagt Andersson. Das ist mehr als der jährliche Stromverbrauch Luxemburgs.

Große Digitalkonzerne als Kunden

Exportiert Norwegen seine Strom-Überproduktion heute noch über dicke Kabel nach Großbritannien, Dänemark und Deutschland, sollen in Zukunft nur noch die Daten über Glasfaser fließen. Denn auf dem Weg ins Empfängerland verlieren die Norweger jede Menge Energie - zu ineffizient, meint der Marketing-Chef. "Wir verwandeln Energie einfach in Bits und Bytes", fasst er den norwegischen Plan zusammen. Dabei wird die Lefdal-Mine von der norwegischen Regierung und den Stromproduzenten unterstützt.

Die ersten Kunden der Lefdal-Mine sind globale Player, darunter IBM. Mehr Vertrauensvorschuss geht nicht. Eine junge Industrie zeigt besonderes Interesse an dem günstigen grünen Rechenzentrum: Bitcoin-Unternehmen. "Wenn wir wollten, könnten wir heute schon die gesamte Mine mit Bitcoin-Rechnern zustellen. Die Nachfrage ist riesig", berichtet Andersson.

Allein 15 Bitcoin-Container unter Tage

Datencontainer in der Lefdal-Mine
Datencontainer in der Lefdal-Mine
Quelle: ZDF

In der Lefdal-Mine befinden sich die Server und Rechner der Kunden in Containern. Das hat Platzgründe: Die Container können unter der 16 Meter hohen Decke gestapelt werden. Northern Bitcoin aus Frankfurt gehört mit seinen 15 Containern zu den Pionieren in der Mine.

"Ein Container verbraucht ungefähr die Energie von 300 Staubsaugern", sagt Moritz Jäger, Technik-Chef des börsennotierten Bitcoin-Unternehmens. Die 210 hochspezialisierten Rechner in dem Container arbeiten auf Hochtouren und müssen mit Lüftern gekühlt werden. Generell hat die Kryptowährung Bitcoin einen extrem hohen Energiebedarf. Und die größten Bitcoin-Miner betreiben ihre Rechner noch in Ländern mit fossilen Brennstoffen wie China. Laut Schätzungen produziert eine einzige Bitcoin-Transaktion mehr als 400 Kilogramm CO2. Das ist etwa der CO2-Ausstoß einer 3.000 Kilometer langen Autofahrt. Die Lefdal-Mine ist deshalb für die Frankfurter der perfekte Standort. Im Mining mit erneuerbaren Energien sieht der Informatiker die Zukunft der größten Kryptowährung der Welt.

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Datum:
von Corinna Zander

Norwegen soll Nation der Rechenzentren werden

Auch das ausgeklügelte Kühlsystem ist ein großer Vorteil: "Das Wasserkraftwerk ist unsere Batterie und der Fjord ist unser Kühlschrank", sagt Mats Andersson. Das Rechenzentrum der Lefdal-Mine nutzt das kalte Meerwasser aus 16 Metern Tiefe des Nordfjords. Das Wasser wird in die Mine gepumpt und kühlt den geschlossenen Wasserkreislauf, an dem die Container angeschlossen sind. Durch spezielle Verfahren wird das Wasser in neun Grad Celsius kalte Luft verwandelt, die die Rechner und Server vor der Überhitzung bewahrt. Die Luft wird anschließend wieder zu Wasser und fließt zurück in den Fjord.

Mats Andersson hat keinen Zweifel: Die Lefdal-Mine in der norwegischen Provinz ist bereits heute das grünste Rechenzentrum Europas und wird zu einem der größten Rechenzentren der Welt. Die nächsten Kunden stehen schon Schlange: Die Polizei, das Militär sowie regionale Behörden und Regierungen werden in Kürze ihre Container in Betrieb nehmen. "Norwegen wird zur Nation der Rechenzentren", sagt Andersson und lächelt.

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