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Umstrittener Cannabis-Kult - Kanada und das Geschäft mit dem Gras

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Unternehmer jubeln über neue Einnahmequellen, Mediziner warnen vor der Bagatellisierung einer Droge: Die Legalisierung von Cannabis spaltet Kanada.

Vermutlich ab Oktober soll der Cannabis-Konsum in Kanada legalisiert werden. Das Parlament hat das Gesetz dazu beschlossen. Über vier Millionen Kanadier nehmen regelmäßig Cannabis zu sich. Der Verkauf soll allerdings staatlich kontrolliert werden.

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"Wenn ich ganz ehrlich bin, bräuchte ich wahrscheinlich einen Therapeuten, aber die sind hier viel zu teuer." Zum ersten Mal während unseres Gesprächs wirkt der 26-jährige Alec Brewster [Name von der Redaktion geändert] nachdenklich. Er nimmt einen tiefen Zug aus seinem Elektrojoint. Nicht sein erster heute. "Aber was soll‘s. Ich habe ja Gras!", Alec grinst. Wir sitzen in seinem Lieblingscafé mit dem vielsagenden Namen "Tokyo Smoke" in der Nähe des Trinity Bellwoods Park, einem hippen Viertel im Herzen Torontos.

Überall süßlicher Duft

Toronto sei Kanadas "Cannabis Capital", die Hauptstadt des Cannabis, erklärt mir Alec. "Alle nehmen es hier!" Und tatsächlich: Beinahe an jeder Ecke, tagsüber wie nachts, hängt dieser ganz bestimmte süßliche Geruch in der Luft - erst recht rund um den Trinity Bellwoods Park. Alec selbst raucht Cannabis, seitdem er 16 ist. Damals trennten sich seine Eltern. Er zog mit seiner Mutter von einem Freund zum nächsten, bis er mit 18 nach Toronto ging.

Heute arbeitet Alec als Kellner. Sein Traum von der Fotografie zerplatzte an den Mietpreisen der Millionenmetropole. "Gras hilft mir, mit meiner Depression fertig zu werden, nach einem anstrengenden Arbeitstag runterzukommen." Und: Cannabis helfe ihm, die Stimmen in seinem Kopf zu betäuben. Es ist nicht die einzige Droge, die ihm dabei hilft.

Das "Cannabiz" boomt

4,2 Millionen Kanadier im Alter von 15 Jahren und älter gaben in einer aktuellen Umfrage an, in den ersten drei Monaten des Jahres Cannabis konsumiert zu haben. Die meisten von ihnen täglich oder wöchentlich. 5,7 Milliarden Dollar gaben Kanadier im vergangenen Jahr insgesamt für Cannabis aus - im Schnitt 1.200 Dollar pro Kopf. Zahlen, die eines verdeutlichen: Cannabis ist ein riesiger Markt, der mit der anstehenden Legalisierung durch die kanadische Regierung nur noch größer werden wird, schätzen Experten.

Und so boomt das "Cannabiz". Ein Start-up nach dem nächsten sprießt allein in Toronto aus dem Boden: Cannabis-Bier, Cannabis-Limonade, Cannabis-Kleidung, Cannabis-Make-up, sogar Cannabis-Medikamente für Hunde drängen auf den Markt. Viele investieren in der Hoffnung auf den ganz großen Deal.

"Green-Rush" erfasst Start-up-Szene

Der "Green-Rush" hatte auch Charles Bern gepackt, als er vor vier Jahren sein Start-up "Patio Interactive" gründete. Sein kleines Unternehmen entstand in der berühmten Tech-Szene Torontos. Seinen Klienten bietet er Virtual-Reality-Erlebnisse rund um Cannabis an. "Wer wissen will, wie es ist, über eine Cannabis-Plantage zu gehen, kommt zu uns", erklärt Bern.

Eine vollkommen andere Idee hatte seine Start-up-Kollegin Brandi Leifso. In ihrer Firma, der "Evio Beauty Group", wollte sie Make-up herstellen, das vegan ist. Und da kam Cannabis ins Spiel. "Viele Leute wissen gar nicht, dass Cannabis feuchtigkeitsspendende Inhaltsstoffe hat", erklärt Leifso. So könne sie auf tierische Fette ganz und gar verzichten. Ob man high wird, wenn man ihren Lipgloss aufträgt? "Absolut nicht!", sagt sie und lacht.

Zu Besuch in einer illegalen "dispensary"

Neben den vielen neuen Start-ups gibt es einen Geschäftstyp, der schon seit Jahren auf Torontos Straßen existiert. Es sind kleine, schmale Läden, oft vollkommen unscheinbar im lebendigen Stadtbild. Nur wer sie kennt, dem fallen sie auf. Sie tragen unschuldige Namen wie "Lit, Paper & Glass", "Best Buds Forever" oder "The Healing Tree". Und doch sind sie nach kanadischem Recht immer noch illegal, werden in regelmäßigen Abständen bei Polizeirazzien geschlossen. Es sind "dispensaries", selbst ernannte "Apotheken", in denen sich der Torontonian privat oder auf Rezept - je nach "dispensary"-Konzept - mit Gras versorgen kann. Ein Gramm kostet hier sieben bis zwölf Dollar - je nach gewünschter Intensität und Wirkung.

Das Geschäft mit dem Gras: Kiffender Yaqoob Jamal
Das Geschäft mit dem Gras: Kiffender Yaqoob Jamal Quelle: ZDF/Anna-Maria Schuck

Ich treffe einen, der stolz ist auf sein Mikrobusiness und deshalb auch kein Problem hat, sich vor unserer Kamera zu äußern: Yaqoob Jamal ist 28, arbeitet für eine dieser "dispensaries", berät Cannabis-Kunden - und kifft selbst, "klar". Warum? "Ich hab’ Schulterprobleme und nehme Cannabis gegen meine Schmerzen." Es sei auch gut bei Motivations- oder Kreativitätsproblemen. "Im Studium hat mir Cannabis sehr geholfen. Wann immer ich eine Abgabe hatte, habe ich Gras geraucht. Das hat mich beruhigt, und so konnte ich mich auf die eigentliche Arbeit konzentrieren." Ob er keine Angst habe, abhängig zu werden? "Nicht wirklich. Ich sehe Cannabis einfach nicht als Droge. Ich könnte in den Urlaub fahren, ohne zu kiffen." Ob er das auch macht? "Nicht wirklich." Yaqoob grinst.

Cannabis als Wundermittel

Cannabis - das Wundermittel? Für viele Kanadier, mit denen ich im Laufe meiner Recherchen spreche, trifft das sicher zu. Rückenschmerzen? Stress im Job? Depressionen? Eine einfache Antwort auf all diese, doch sehr unterschiedlichen Probleme: Cannabis. Nach einer Studie aus dem Jahr 2016 befürworteten mehr als zwei von drei Kanadiern (68 Prozent) die Legalisierung von Marihuana. Fast genauso viele (64 Prozent) waren der Überzeugung, dass die Legalisierung langfristig mehr positive als negative Folgen haben werde. Die meisten Kanadier wollen Cannabis. Legal. Aber wofür?

"Zu glauben, dass Cannabis gegen alles hilft, ist nicht nur falsch, sondern gefährlich", sagt Hance Clarke, Schmerzforscher am Toronto General Hospital. Im Gegenteil. Häufiger Cannabis-Konsum habe Nebenwirkungen, die nicht unterschätzt werden dürfen. "Wir wissen, dass vor allem das Kurzzeitgedächtnis bei Jugendlichen beeinträchtigt wird. Zu glauben, man könne nach einem Joint besser lernen, ist schlicht falsch." Natürlich habe Marihuana bei bestimmten Patienten auch eine schmerzlindernde Wirkung, "aber machen wir uns nichts vor: Natürlich kannst du davon auch abhängig werden. Wie von jeder anderen Droge, von jedem anderen Medikament auch."

"Wir sind das größte soziale Experiment der Welt"

Clarke ist gegen die Bagatellisierung von Marihuana und für eine nachhaltige Aufklärung im Umgang damit. "Wir sind das größte soziale Experiment der Welt. In fünf bis zehn Jahren lernt Deutschland entweder von uns oder weiss, wie ihr es besser nicht macht." Momentan aber hinke die kanadische Cannabis-Forschung der Cannabis-Industrie noch meilenweit hinterher. "Wir stehen noch ganz am Anfang. Wir wissen nichts über die Produkte, die gerade auf dem Markt sind - und ob sie den Menschen wirklich helfen oder nicht." Klar sei aber: "Es gibt garantiert kein Cannabis-Wundermittel."

Was er Alec Brewster raten würde, der seine Depressionen mit Cannabis selbst therapiert statt zum Arzt zu gehen? "Ich glaube, Alec ist einer von vielen jungen Kanadiern, die das tun. Aber ob Cannabis wirklich die bessere Wahl ist als zum Beispiel eine Verhaltenstherapie? Ich weiss es nicht." Und genau das sei das größte Problem.

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