Sie sind hier:

Polens Lehrer im Ausstand - Streik für mehr Geld und Würde

Datum:

An Hunderten Schulen in Polen streiken die Lehrer. Doch der Zeitpunkt ist nicht günstig gewählt. Die polnische Regierung verteilt Wohltaten lieber an andere Zielgruppen.

Lehrerstreik an Grundschule in Warschau, Polen
Mehr als 700 Schulen beteiligen sich an dem Streik, auch diese Grundschule in Warschau.
Quelle: AP

Im Lehrerzimmer ist der Geräuschpegel dieser Tage wohl höher als normalerweise im Unterricht. Die Lehrer an der Warschauer Schule 103 hängen am Handy, verfolgen jeden Verhandlungsschritt der größten Lehrergewerkschaft ZNP mit der polnischen Regierung. Das Kollegium ist da, aber die Klassenzimmer und Flure sind leer. Laut Gewerkschaft ZNP haben sich mehr als 700 polnische Schulen dem Streik angeschlossen.

Judyta Rudnicka ist Englischlehrerin in der Schule 103 und zurzeit die Chefin des Streikkomitees. "Ich habe zunächst wegen des Geldes mit dem Streik begonnen", sagt sie. "Ich bin der Meinung, wir verdienen viel zu wenig. Aber jetzt sehe ich das nicht mehr nur als Kampf um mehr Geld, sondern auch um mehr Würde."

Lehrergehalt in Polen unter dem Durchschnitt

Polens Lehrer verdienen tatsächlich schlecht. Das Grundgehalt liegt zwischen etwa 600 und 1.000 Euro brutto - und damit sogar unter dem Durchschnittslohn in Polen allgemein. Rudnicka verdient etwa 715 Euro. "Die Mehrheit meiner Kolleginnen und Kollegen würde sagen: 'Wow, wie viel die verdient!'", sagt Rudnicka. "Für unseren Beruf ist das wirklich viel. Und was sagt uns das? Meine Freunde, die nicht als Lehrer arbeiten, aber eine ähnliche Ausbildung haben, verdienen mehr. Und ich arbeite mehr als sie. Mein Gehalt ist peinlich."

Seit Wochen hatten die Lehrergewerkschaften mit der Regierung verhandelt. Die ZNP fordert eine Gehaltsanhebung von insgesamt 30 Prozent (etwa 180 bis 240 Euro), die polnische Regierung bot 15 Prozent mehr an. Das sei zu wenig, sagen die Lehrer.

Ihr Zorn ist umso größer, weil Polens nationalkonservative Regierung ansonsten großzügig soziale Wohltaten verteilt - so soll es mehr Kindergeld und Zuschüsse für Rentner geben. Und just am vergangenen Wochenende machte die Regierungspartei PiS auch den Bauern vollmundige Versprechen: Demnach will sie ihnen für jede Kuh einen Zuschuss von etwa 120 Euro zahlen und für jedes Schwein etwa 24 Euro. Das hat sie zwar noch nicht mit Brüssel abgestimmt, im Vorfeld der Europawahlen ist es aber natürlich Musik in den Ohren der Landwirte.

PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczynski ließ es sich nicht nehmen, seine Pläne höchstpersönlich zu verkünden: "Hier geht es besonders um die Unterstützung der Betriebe, die Tiere züchten werden, die hier geboren sind und im eigenen landwirtschaftlichen Betrieb gehalten werden. Dafür werden sie mindestens - und ich betone dieses Wort mindestens - 100 Zlotys für jedes Schwein und 500 Zlotys für jede Kuh erhalten. Aber das kann auch mehr sein."

Streik zur Prüfungszeit

Lehrerin Judyta Rudnicka hat für das Gebahren der Regierung bestenfalls noch Sarkasmus übrig: "Im März habe ich eine Erhöhung von 144 Zloty (etwa 34 Euro) brutto bekommen. Das bedeutet, ich bin so viel Wert wie ein Schwein in Polen."

Doch obwohl die Lehrer wenig verdienen, sind die Polen nicht komplett auf ihrer Seite. Nur die Hälfte steht hinter den Forderungen der Pädagogen, auch deshalb, weil die Lehrer genau in der wichtigen Zwischenprüfungsphase streiken und sich viele Schüler fragen, wie sie ihre Prüfungen ablegen sollen. Und solange der Streik dem Image der Regierung nicht schadet, dürften ihre Angebote an die Lehrer auch nicht besser werden. Die Lehrer wiederum wollen weiterhin durchhalten.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.