Sie sind hier:

Leipziger Buchmesse im Wandel - Mehr als Frankfurts kleine Schwester

Datum:

Die Leipziger Buchmesse ist - im Gegensatz zu Frankfurt - eine Messe für Leser, was ihr ein eigenes Gesicht verleiht. Seit der Wiedervereinigung hat sie sich ständig erneuert.

Besucher auf der Leipziger Buchmesse am 22.03.2019
Leipziger Buchmesse 2019
Quelle: dpa

Woran sollte man vor allem denken, wenn die Leipziger Buchmesse eröffnet wird? An die Vitalität einer Messe, die sich ganz direkt an Leserinnen und Leser jeden Alters wendet, wo seit Jahren rund zweieinhalbtausend Verlage ausstellen und rund 200.000 Besucher gezählt werden? An die weit zurückreichende Geschichte dieser Messe, die schon im 17. Jahrhundert begründet worden ist und bald schon mehr Bücher präsentierte als ihr Gegenstück in Frankfurt am Main? Diese Messe war immer schon mehr als die kleine Schwester der großen Frankfurter Buchmesse, die sich vor allem dem internationalen Geschäft und weniger dem einzelnen Buch und seinen Leserinnen und Lesern widmet.

Die Leipziger Buchmesse hat sich nach 1989/90 zunächst neu erfunden als ein Ort, an dem sich der Blick bewusst auf Geschichte und die Literatur Osteuropas richten sollte. Seit 1994 setzt sie Jahr für Jahr durch den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung kulturpolitische Zeichen. Durch den Preis der Leipziger Buchmesse hebt sie seit dem Jahr 2005 auch literarische Neuerscheinungen aus der Fülle der Bücher heraus. Und sie präsentiert die Literatur im Programm "Leipzig liest" - für die Messetage von Donnerstag bis Sonntag gibt es an rund 550 Veranstaltungsorten etwa 3.600 Lesungen und Gespräche.

Zwischen Zerstörung und Dynamik

Leipzig im Frühjahr bietet immer wieder ein Bild des Wandels. So wechselvoll wie die Geschichte der Stadt, wo in der Nikolaikirche mit den Montagsgebeten das Ende der DDR eingeläutet worden ist, verläuft auch die Geschichte dieser Messe. Was für westliche Besucher als jährliches Stimmungsbarometer zur Zeit des Kalten Krieges und der deutschen Teilung diente, musste nach 1989/90 ein anderes Gesicht gewinnen. Etwa durch eine Alternative Buchmesse im Jahr 1990, die den Anfang des "Leipzig liest"-Programms darstellt, oder durch Rahmenprogramme, die in den frühen neunziger Jahren hochrangige Politiker und Meinungsführer aus Ost und West zu Debatten über Civil Society und ein neues Europa zusammenführten.

Bis heute haben Politiker und Publizisten aus den neuen Bundesländern ein Heimspiel, wenn sie ihre aktuellen Bücher vorstellen. Auf der Leipziger Buchmesse erkennt man nach 1990 aber auch, wie zügig die Wiedervereinigung die deutschsprachjge Literatur und den gemeinsamen Buchmarkt verändert. Die wuchtigen Auftritte der Verlage aus dem Westen verdrängen die Verlage aus dem Osten Deutschlands. Und die lang gefeierte kritische Literatur der Schriftsteller aus der DDR verliert in kürzester Zeit ihre Leserschaft - es ist im Ganzen ein zwiespältiger Prozess, in dem Dynamik und Zerstörung eng zusammen gehören. 

Ein Ort der Begegnung

Wer Anfang und Mitte der Neunziger die Leipziger Messe besuchte, fand im alten Messehaus am Markt auf mehreren Etagen etwa 8.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche vor, die eng besetzt und schlecht klimatisiert waren, die deshalb aber auch viel von jener Familiarität suggerierten, die bis heute als ein Markenzeichen der Messe gilt. In der obersten Etage des Messehauses hatten auch noch jene Künstlerbuchverlage einen Platz, die in den Jahrzehnten zuvor nicht nur ambitionierte Buchgestaltungskunst, sondern in kleinen Auflagen auch oppositionelle Texte an der Zensur vorbei transportiert hatten. Hochrangige Besucher sprachen damals zuweilen an arg barackenartigen Veranstaltungsorten. Und wenn der Messe-Betrieb endete, konnte man gleich um die Ecke in der Thomas-Kirche Orgelmusik von Johann Sebastian Bach hören.

Der Umzug der Messe auf das neugebaute Messegelände außerhalb der Stadt änderte dieses enge Miteinander ab 1998. Die Wege wurden länger, die Messe musste ihrem Erfolg Tribut zollen, denn die Besucher- und Ausstellerzahlen stiegen weiter an, und das Programm "Leipzig liest" weitete sich auf Veranstaltungsorte in der ganzen Stadt aus. Damit gelang der Leipziger Buchmesse etwas, was von der Frankfurter Buchmesse erst deutlich später verstanden wurde: Eine vernetzte, digital kommunzierende Welt braucht solche Messen möglicherweise nicht mehr in der alten Form einer Handelsmesse, sondern als einen Ort der Begegnung zwischen Büchern und Menschen, zwischen Schriftstellern und ihrem Publikum aus aller Herren Länder.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.