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Buchpreis für Asne Seierstadt - Breiviks Massenmord: Echokammer des Grauens

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Im Roman "Einer von uns" hat Åsne Seierstad den Massenmord von Anders Breivik dokumentiert. Dafür bekam sie nun in Leipzig den Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Asne Seierstad am 02.03.2018 in Oslo
Åsne Seierstad Quelle: dpa

"Es sollte nur ein Artikel für die Newsweek werden, " schreibt Åsne Seierstad im Nachwort ihres dokumentarischen Romans "Einer von uns". Doch der grauenvollen Terroranschlag vom 22. Juli 2011, der Tag, an dem der Massenmörder Anders Breivik erst im Osloer Regierungsviertel eine Bombe zündete und dann auf der Ferieninsel in einem unfassbaren Massaker 69 junge Menschen aus nächster Nähe erschoss - diese grauenvollen Ereignisse ließen sie nicht mehr los. 77 Menschen starben. 

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich Åsne Seierstad vor allem als Kriegsreporterin einen Namen gemacht. Ihre Berichtsorte waren Tschetschenien, Afghanistan, der Irak oder Syrien. Über ihr eigenes Land hatte die Mutter von zwei Kindern zuvor noch nie geschrieben. Norwegen hatte sie immer als Rückzugsort empfunden, für die Reporterin Seierstad ein "unbekanntes Territorium".  In den Monaten nach dem Attentat entstand mit "Einer von uns" das - nach ihrer Aussage - schwierigste Buch, das sie je geschrieben hatte. Heute erhielt Sie dafür in einem feierlichen Festakt im Gewandhaus zu Leipzig den Preis für europäische Völkerverständigung. 

Die Tragödie des Einzelnen vor Augen geführt

Es sei der Autorin gelungen, heißt es in der Begründung der Jury, "uns mit dem ganzen katastrophalen Ausmaß des Geschehens zu konfrontieren, in dem sie uns die Tragödie des Einzelnen vor Augen führt. Ihr Buch lässt uns Fragen stellen, über Zugehörigkeit und Gemeinschaft und über die notwendigen Voraussetzungen für ein zugewandtes, würdiges Zusammenleben."

Åsne Seierstad verfolgte nicht nur den Prozess gegen Breivik über Wochen. Sie las alle Polizeiprotokolle, sammelte Fakten und rekonstruierte mit forensischer Genauigkeit die Details über das Leben des Täters und seiner Opfer. Sie stellt dar, aber sie wertet nicht: daraus bezieht das Buch seine Sogwirkung, seine bedrückende Schlagkraft. Denn der als Diplomatensohn geborene Breivik war kein Monster - er wurde als "Einer von uns" zum Massenmörder.

Genese einer Radikalisierung

Seine Geschichte ist auch eine Geschichte der Zurückweisungen und des erfolglosen Bemühens um Zugehörigkeit. Am Ende, so Seierstad, "entscheidet sich der Täter, aus der Gemeinschaft auszubrechen und sie so brutal wie möglich zu verletzen". Sie zeichnet die Genese einer Radikalisierung, die viele Fragen aufwirft und bestimmt ist vom Bestreben, das Unbegreifliche zu verstehen.

Urteilen, so Åsne Seiertsad in ihrer Dankesrede heute Abend, solle nicht der Autor, sondern seine Leser: "Als Schriftstellerin bemühe ich mich, meine Wut zu beherrschen. Mein Ideal ist es, nach Fakten, Zusammenhängen, Antworten zu suchen, nicht zu richten. Denn ein Buch kann nur einen Richter haben: den Leser. Wenn der Schriftsteller wütend ist, braucht der Leser nicht zornig zu werden. Wenn der Schriftsteller Verachtung zeigt, hat der Leser keine Chance, empört zu sein. Wenn der Schriftsteller alles erklärt, braucht der Leser nicht selbst zu denken."

Seierstad: Rechtsextremismus ist nicht mit Schweigen zu besiegen

Immer wieder wurde ihr die Frage gestellt, ob sie mit ihrem Buch nicht zum Instrument von Anders Breivik geworden sei, ihm ein Denkmal gesetzt habe. Aber, so Seierstad in ihrer Dankesrede im Leipziger Gewandhaus, Rechtsextremismus sei nicht mit Schweigen zu besiegen: 

"Wenn wir heute auf Europa schauen, kann ein erschreckender Aspekt nicht geleugnet werden: die Zunahme des Rechtsextremismus. Er ist heute stärker als zur Zeit des Terrorakts von Breivik vor sieben Jahren. Um ihn zu bekämpfen, müssen wir ihn entblößen. Um ihm entgegenzutreten, müssen wir ihn verstehen. In den norwegischen Märchen verwandeln sich Trolle in Steine, wenn sie von den Strahlen der Sonne getroffen werden. Das müssen wir auch mit den Extremisten tun - sie herauslocken ans helle Tageslicht, sie unter die Lupe nehmen, sie entlarven. Denn ihre Ideen gedeihen im Dunkeln, in den geschlossenen Kreisen, in den Echokammern des Internets."

Manchmal schwer zu ertragen

"Einer von uns" ist auch die Geschichte der Opfer. Ihre Geschichten hat Åsne Seierstad  genauestens rekonstruiert. Sie sprach mit Eltern, Geschwistern, Lehrern und Freunden - das Vertrauen all dieser Menschen, schreibt sie im Nachwort, habe das Buch möglich gemacht. Über Seiten beschreibt sie den Tod der Kinder, die der Massenörder Breivik kaltblütig erschoss, bis in kleinste Detail und manchmal schwer zu ertragen. "Keine der Eltern hatte Einwände, dass ich den Tod ihres Kindes beschrieb. Dafür bin ich dankbar"

"Einer von uns" ist ein Buch, das dem Leser viel zumutet, Fragen aufwirft, die unser Zusammenleben als Gesellschaft betreffen. Vor allem aber ist es ein Buch für die Opfer. Das betonte auch die Journalistin und Schriftstellerin Verena Lueken in ihrer Laudatio: 

"Åsne Seierstads Buch ist Zeugnis einer Trauer immensen Ausmaßes. Trauer um alle, die an jenem Tag ermordet wurden, weil ein Mann ein Zeichen setzen wollte. Trauer auch um ein Land, in dem die Frage offen bleibt: Was haben wir falsch gemacht?

Toleranz, Solidarität, Verständnis und Integration

Das Attentat von Oslo und Utoya, so Seierstad, habe das Land Norwegen erschüttert, aber nicht in seinen demokratischen Werten beschädigt. Die Opfer des Massenmörders Breivik standen für diese  Werte. Toleranz, Solidarität, Verständnis und Integration - "genau diese Ideen sind es, die Anders Behring Breivik hasst. Er wollte nicht nur sie töten, sondern ihre gesamte Art zu denken." 

Åsne Seierstad erinnerte deshalb am Ende ihrer Rede an eines der Opfer von Utoya: "Ich möchte mit einem Bild eines Mädchens von der Insel schließen. Als sie sah, wie Breivik auf ihre Freunde zielte und sie tötete, sagte sie: 'Jemand muss ihn aufhalten. Jemand muss zu ihm gehen und mit ihm reden'. Sie tat es. Sie ging zu ihm und sagte: 'Das dürfen Sie nicht, sie müssen aufhören zu schießen!' Er hob seine Waffe an ihren Kopf und schoss eine Kugel durch ihr Gehirn. Um das Andenken dieses Mädchens zu bewahren, dieses ungeheuer mutigen Mädchens, dürfen wir die Ideen, für die sie stand, nie aufgeben. Und unsere einzigen Werkzeuge sind dieselben, die sie wählte: Worte. Auf lange Sicht sind sie stärker."

Im Juli 2011 tötete Anders Breivik 77 Menschen. Die norwegische Journalistin Åsne Seierstad hat nun ein Buch geschrieben, das die norwegische Gesellschaft aufwühlt: "Einer von uns".

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5 min
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