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Leitfaden vorgestellt - Koloniale Raubkunst ist Realität

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Deutschland hat im Umgang mit Kunstgütern, die auf kolonialen Raubzügen erbeutet wurden, einiges nachzuholen. Ein neuer Leitfaden soll nun die kritische Auseinandersetzung fördern.

Eingang zum Grassi-Museum Leipzig
Eingang zum Grassi-Museum in Leipzig.
Quelle: ZDF

Wenn es um Raubkunst geht, dann meistens um die Frage nach dem Umgang mit Objekten, die während der Zeit des Nationalsozialismus angeeignet wurden. Dabei ist der Begriff maßgeblich für eine Debatte, deren historischer Kontext noch sehr viel weiter zurückgeht: Es geht um Sammlungen, deren Exponate während der Kolonialzeit zwischen dem 17. und dem frühen 20. Jahrhundert aus den europäischen Kolonien gestohlen wurden.

Ein erster Versuch

Nun hat der Deutsche Museumsbund erstmals einen Leitfaden für Museen veröffentlicht, wie mit dem Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten umgegangen werden kann. "Der Leitfaden ist ein erster Versuch, Kategorien kolonialer Kontexte und zentrale Begrifflichkeiten zu definieren", sagt die Provenienzforscherin Dr. Meike Hoffmann von der Freien Universität Berlin. "Die Ergebnisse sind zur Diskussion gestellt – er erhebt also nicht den Anspruch, endgültige Resultate vorzustellen."

Es ist ein vorsichtiger erster Versuch, eine Art Wiedergutmachung der kolonialen Schuld zu forcieren. Gesetzgebungen - wie die Regelungen zur Wiedergutmachung und Entschädigung der NS-Verbrechen - gab es für die Raubzüge im kolonialen Kontext nicht, erklärt die Forscherin. "Erst in den vergangenen Jahren ist Raubkunst aus kolonialen Kontexten im Zuge der Restitutionsdebatten um NS-Raubkunst in das Bewusstsein der Öffentlichkeit geraten."

Raum für nicht-westliche Perspektiven schaffen

Die deutschen Museen sind nun mehr zum Handeln gezwungen denn je. Auch angesichts der Tatsache, dass immer mehr ehemalige Kolonialgebiete die damals gestohlenen Kunstobjekte zurückfordern. Letztlich obliegt die Entscheidung darüber den Ministerien. Der französische Präsident Emmanuel Macron kündigte im vergangenen Jahr an, Raubkunst aus ehemaligen Kolonien innerhalb von fünf Jahren zurückzugeben. An diesem Punkt ist man in Deutschland bislang nicht. Stattdessen wird an Konzepten gefeilt, wie mit der Kunst im musealen Kontext umgegangen werden kann.

Im Leipziger Grassi-Museum für Völkerkunde beispielsweise ist seit Freitag ein Schaudepot zugänglich, das sich in den geleerten Räumen des ehemaligen Afrika Bereiches der Dauerausstellung befindet. Dort wird ein Teil der Sammlung von Bronzen aus dem ehemaligen Königreich Benin, die sich im heutigen Nigeria befindet und deutsches Kolonialgebiet war, ausgestellt. Diese wurden 1897 bei der Plünderung des Königpalastes und der umliegenden Häuser von Benin City bei einer Strafexpedition von britischen Soldaten entwendet.

"Wir wollen transparent mit diesem kolonialen Erbe umgehen", sagt die Museumsdirektorin Nanette Snoep. Aus diesem Grund werde die Sammlung eingebettet in Dokumentation, Fotografien und Interviews mit nigerianischen Experten gezeigt, ohne sie zu inszenieren. "Die Hauptidee ist es, insbesondere viel Raum für nicht-westliche Perspektiven zu schaffen", so Snoep. Demnach wolle man die Sammlung von einem Nigerianischen Kuratorium realisieren lassen.

Mehr Transparenz und Zugänglichkeit

Ein Problem der Debatte sieht sie insbesondere in der fehlenden Transparenz. "Raubkunst ist eine Realität mit der wir umgehen müssen. Sie ist Teil unserer Geschichte." Man müsse daran arbeiten, die Sammlungen in Deutschland beispielsweise durch Digitalisierung besser zugänglich zu machen - auch für afrikanische Forscher. Den Leitfaden bewertet Snoep als wichtiges Zeichen dafür, dass sich nun auch Deutschland offiziell mit den Fragen zum Umgang mit Sammlungen aus kolonialen Kontexten auseinandersetzen möchte. Rückgaben der Raubkunst sind in kolonialen Kontext bislang zwar eher die Ausnahme, könnten aber auch im Kontext zunehmender Restitutionsforderungen afrikanischer Länder verstärkt zum Thema werden.

"Viele Kulturgüter wurden in einem unrechtmäßigen Kontext gesammelt und es ist endlich an der Zeit, unser Verhältnis zu den Sammlungen die in der Kolonialzeit zusammengetragen wurden zu ändern", so Snoep. Das in der Debatte häufig angebrachte Argument, dass die europäischen Völkerkundemuseen aufgrund der Restitutionsbegehren ehemaliger Kolonialgebiete nun entleert werden könnten, sieht sie als unbegründet an. "Ich glaube, wir sollten nicht so viel Angst haben und weniger emotional, arrogant und eurozentrisch mit den Fragen rund um dieses Thema umgehen."

Die Forscherin Hoffmann sieht in dem neuen Leitfaden auch die Möglichkeit für eine Veränderung in der deutschen Erinnerungskultur an die Kolonialzeit. "Die Bewusstwerdung dieser Kontexte wird zu einem Wandel unserer Geschichtsauffassung führen", sagt sie.
Die neu entfachte Debatte ist eine bedeutende Wendung in der Auseinandersetzung mit kolonialen Kontinuitäten in der Museumswissenschaft und ein wichtiger Schritt in Richtung Aufarbeitung der Kolonialverbrechen. Deutschland hat in dieser Debatte viel nachzuholen.

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