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Letzter Langstreckenflug von Air Berlin - Eine Zusatzrunde mit Folgen

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Mit einer Umrundung des Towers am Düsseldorfer Flughafen hat die Crew den letzten Langstreckenflug von Air Berlin beendet. Jetzt sind neue Details zum umstrittenen Landemanöver herausgekommen. Der verantwortliche Kapitän entschuldigte sich bei Fluggästen und Anwohnern.

Nachdem die letzte Air-Berlin-Maschine aus den USA gestern beim Landeanflug durchstartete und eine Ehrenrunde drehte, hat sich nun der Pilot gegenüber dem ZDF geäußert: "Es war für uns ein würdiger, emotionaler Abschluss."

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Der Plan reift schon in Miami. Als der Airbus 330 mit der Flugnummer AB7001 gegen 17 Uhr Ortszeit auf dem International Airport mit Wasserfontänen aus den Löschfahrzeugen der Flughafenfeuerwehr verabschiedet wird und zum Start rollt, da weiß die Besatzung längst, was etwa neun Stunden später in Düsseldorf passieren wird.

"Außerplanmäßiger Go-Around"

An Bord sind 223 Passagiere und elf Besatzungsmitglieder. Normalerweise fliegt man von der US-Ostküste mit nur zwei Personen im Cockpit. Diesmal sind sie zu dritt - aus einem besonderen Grund. Doch dazu später mehr. In der Belegschaft auch in Düsseldorf macht am Sonntagabend deutscher Zeit das Gerücht von einem "außerplanmäßigen Go-Around" die Runde.

Es ist kurz vor acht am Montagmorgen im deutschen Luftraum, als der verantwortliche Kapitän nach rund achteinhalb Stunden Flug das Wort ergreift. Seit Sommer 1989 sitzt er im Cockpit. Er ist 59 Jahre alt, hat fast 30 Dienstjahre auf dem Buckel. In der sogenannten "Senioritätsliste" der Air Berlin steht er damit auf Rang 53 von fast 1.300.

"Gebührende" Verabschiedung

Er wendet sich an die Passagiere, kündigt das Durchstart-Manöver, einen sogenannten "Low Level Approach", an. Da es der letzte Langstreckenflug der Air Berlin sei, wolle man sich gebührend verabschieden, sagt er nach Angaben von Fluggästen. Das Manöver sei vom Tower genehmigt worden. Es gibt Applaus. Einige Passagiere reagieren mit Unverständnis, beschweren sich bei den Stewardessen.

Die Maschine steuert von Nordosten über Wuppertal-Barmen auf die Landebahn zu. Alle wissen jetzt Bescheid: die Passagiere, die Crew, die Flugsicherung und die Fluglotsen. Auch die Techniker unten auf dem Rollfeld blicken gespannt auf den Airbus, die Smartphone-Kameras schon in den Händen. Die Maschine sinkt auf unter 100 Fuß, also etwa 30 Meter. Dann startet der Airbus durch und steigt in einer fast 180-Grad-Linkskurve am Tower vorbei über Düsseldorf-Unterrath wieder an.

"Ich dachte sofort an Terror"

Die Videos wurden in sozialen Netzwerken tausendfach geteilt. Auf der Straße vor der Stadtbibliothek in Düsseldorf-Unterrath stehen an diesem Morgen Passanten und schrecken auf. Christiane Nettelmann sitzt gerade im Auto, als der Schatten des Airbus die Straße verdunkelt. "Es wirkte auf mich sehr bedrohlich. Bei mir gingen sofort die Alarmglocken an, ich dachte sofort an Terror", sagt sie im Gespräch mit dem ZDF.

In diesem Moment sitzt aber nicht der verantwortliche Kapitän, sondern eine "First Officerin" als sogenannter "Flying Pilot" am Steuer. Das geht aus Unterlagen verschiedener Aufsichts-Behörden hervor, die dem ZDF vorliegen. Seit November 2009 ist sie im Dienst der Air Berlin. Sie fliegt das umstrittene Manöver. Das Pikante daran: Es ist ihr jährlicher Überprüfungsflug, der sogenannte "line check". Dabei müssen Piloten auf normalen Flügen zeigen, dass sie die Standardprozeduren beherrschen. Hinter ihr sitzt als dritte Person im Cockpit ein interner Prüfer, der sogenannte "Checker", auch er ein Air-Berlin-Kapitän mit 18 Jahren Flugerfahrung.

Rührende Ansprache der Chef-Stewardess

Um 8:02 Uhr landet der Airbus nach der Ehrenrunde sicher in Düsseldorf mit 17 Minuten Verspätung. Er hat dabei etwa 1,5 Tonnen Kerosin für rund 600 Dollar mehr verbraucht als vorgesehen. Als die Maschine zum Gate rollt, ergreift die Chef-Stewardess das Wort. In einer rührenden Ansprache verabschiedet sie sich von den Passagieren und ihrer Crew. Seit 19 Jahren ist sie bei Air Berlin. Ende nächster Woche wird sie wie alle anderen die Kündigung erhalten.

Sie sagt: "Wie es weitergeht, kann niemand zum derzeitigen Zeitpunkt von uns sagen. Dennoch möchte ich mich an dieser Stelle für eure Professionalität und euer Engagement, euren Teamgeist und Zuverlässigkeit bedanken. Es sind innerhalb der Air Berlin Freundschaften unter uns entstanden oder geschlossen worden oder einfach nur tolle Flüge durchgeführt worden." An dieser Stelle unterbricht Applaus der Passagiere die Ansprache.

Vom Dienst suspendiert

Es sei ein sehr emotionaler Flug für Besatzung und Passagiere gewesen, berichtet Fluggast Oliver Hankofer aus Meppen im Gespräch mit dem ZDF: "Die Stewardessen hatten Tränen in den Augen." Vorne im Cockpit sitzt die Crew, den Passagieren zeigen sie sich beim Aussteigen nicht, erzählen Fluggäste. Die meisten sind begeistert, "bis auf Einzelfälle", wie Oliver Hankofer sagt: "Jede Kurve zu viel ist natürlich blöd für Leute mit Flugangst." Nur einige wenige hätten sich gegenüber der Besatzung kritisch zu der Aktion geäußert.

Die Cockpit-Crew wurde vom Dienst suspendiert. Ob und welche arbeits- oder ordnungsrechtlichen Schritte folgen werden, ist noch offen. Am Donnerstag musste die Cockpit-Crew zum Rapport bei der Flugbetriebsleitung in Berlin. Mit dabei: die Personalvertretung und Vertreter des Luftfahrtbundsamtes.

Vorgehen von Air Berlin überzogen?

Man habe in einem "kritischen, fairen und konstruktiven Gespräch" den Anflug aus Sicht der Crew erörtern können, heißt es in einer internen Mitteilung an die Belegschaft, die dem ZDF vorliegt. Weiter schreibt die Cockpit-Crew: "Unser Manöver entsprach nicht den veröffentlichten Verfahren." Air Berlin war am Freitag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. In einer "Mitteilung an alle Cockpit-Besatzungen" vom Mittwoch heißt es: "Wir können den tiefen Überflug (…) weder tolerieren noch akzeptieren." Und: "Bei aller Emotionalität der letzten Wochen, bitte befördern Sie unsere Passagiere weiterhin in der gewohnt professionellen Weise."

Der Sprecher der Piloten-Vereinigung Cockpit, Markus Wahl, hält das Vorgehen von Air Berlin für überzogen: "Als Lufthansa-Pilot Jürgen Raps bei seinem Abschiedsflug 2011 mit dem A380 in Frankfurt durchstartete oder sein Kollege Uwe Strohdeicher die deutsche DFB-Elf im Tiefflug über die Berliner Fanmeile steuerte, da haben alle begeistert Beifall geklatscht." Mit Konsequenzen für die Cockpit-Crew rechnet er nicht.

"Es bestand zu keiner Zeit eine Gefahr"

Das Luftfahrtbundesamt (LBA) teilte mit: "Ein Durchstartmanöver ist ein normales Betriebsverfahren, das jederzeit von den Piloten beherrscht und bei Bedarf angewendet wird. Das LBA hat Air Berlin in diesem Fall um Stellungnahme zu dem Durchstartmanöver (…) gebeten, da es von den üblichen Durchstartmanövern abweicht und hierfür der Grund zu klären ist. Das Ergebnis der internen Ermittlungen der Air Berlin bleibt abzuwarten."

Die Deutsche Flugsicherung war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Der Flugkapitän hatte schon am Dienstag gegenüber dem ZDF-Magazin Frontal21 gesagt: "Wir wollten ein Zeichen setzen; einen würdigen und emotionalen Abschluss." Am Freitag versicherte er im Gespräch mit heute.de: "Wir wollten niemanden gefährden und es bestand zu keiner Zeit eine Gefahr. Wir wollten Solidarität mit den Beschäftigten zeigen, keine Ängste schüren. Bei den Fluggästen, die die Aktion kritisch sehen, und bei den Anwohnern im Düsseldorfer Norden möchten wir uns ausdrücklich entschuldigen.“

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