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Überblick über die Akteure - Libyen: Aus der Krise wird immer mehr Krieg

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Der UN-Sicherheitsrat kann sich noch immer nicht auf eine Forderung nach Waffenruhe in Libyen einigen. Währenddessen steuert das Land auf einen offenen Krieg zu.

Bewaffnete Kämpfer in Libyen. Archivbild
Bewaffnete Kämpfer in Libyen. Archivbild
Quelle: -/dpa

Die Lage in Libyen ist unübersichtlich, die Zahl der Toten steigt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verloren diesen Monat bei Gefechten mehr als 200 Menschen ihr Leben. Wegen der Gewalteskalation befasste sich der UN-Sicherheitsrat hinter verschlossenen Türen mit der Lage in dem nordafrikanischen Krisenland - doch am Ende stand kein konkretes Ergebnis.

UN können sich nicht einigen

Deutschland, das zurzeit den Vorsitz im mächtigsten UN-Gremium innehat, hatte die Dringlichkeitssitzung in New York einberufen, nachdem sich der Rat nicht auf ein Papier zu einer Waffenruhe hatte einigen können. Es sei "frustrierend", dass der Text nicht vorankomme, sagte der deutsche UN-Botschafter Christoph Heusgen nach der Sitzung am Nachmittag (Ortszeit). Es sei wichtig, eine entschiedene Resolution zu verabschieden, "von einem geeinten Rat, hinter der jeder stehen kann und in der wir klar sagen, wer Verantwortung trägt und was getan werden muss".

Libyens international weitgehend anerkannte Regierung erließ unterdessen am Donnerstag einen Haftbefehl gegen General Chalifa Haftar, dessen Truppen die Hauptstadt Tripolis attackieren.

Karte: Libyen
Quelle: ZDF

In Libyen konkurrieren zwei Regierungen und zahlreiche Milizen um die Macht. Ein Überblick über die Akteure:

Die Armee von Chalifa Haftar

Gegen General Chalifa Haftar wurde Haftbefehl erlassen.
Gegen General Chalifa Haftar wurde Haftbefehl erlassen.
Quelle: Mohammed Elshaiky/EPA/dpa

Die selbsternannte Libysche Nationalarmee wird von Feldmarschall Chalifa Haftar geführt. Haftar war unter dem langjährigen Herrscher Muammar al-Gaddafi General, ehe er sich in den 80er Jahren von ihm distanzierte. Seine Gegner sehen ihn als kommenden Diktator, er selbst präsentiert sich als der starke Anführer, der das Land einen kann. In den vergangenen Jahren kämpfte Haftar im Osten des Landes gegen Extremisten und andere Gegner. Dabei wurde er von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten, Russland und Frankreich unterstützt.

Mittlerweile hat er die Kontrolle über den größten Teil des Ostens, darunter auch die wichtigsten Ölanlagen des Landes. Seine Soldaten rekrutieren sich aus ehemaligen Mitgliedern von Gaddafis Armee, dazu kommen Kämpfer verschiedener Stämme und Salafisten. Im Gegensatz zu ihren Gegnern tragen sie Uniformen und haben eine klare Kommandokette. Sie verfügen über Kampfflugzeuge, Drohnen, Kampfhubschrauber und Panzerfahrzeuge. Das verschafft ihnen bei Gefechten im freien Gelände Vorteile. In Bengasi und anderen Städten hinterließen Haftars Kämpfer eine Spur der Verwüstung. Tripolis könnte ein ähnliches Schicksal drohen. 

Die Milizen von Tripolis

Fayez Al-Sarradsch
Fajis al-Sarradsch führt die Übergangsregierung in Tripolis.
Quelle: imago

Die Vereinten Nationen und westliche Nationen unterstützen die 2016 aufgestellte Übergangsregierung in Tripolis. Sie wird von Fajis al-Sarradsch geführt, einem Technokraten ohne militärische Erfahrung. Zum eigenen Schutz musste sich die Regierung mit den mächtigen Milizen verbünden. Nach Auffassung von Wolfram Lacher, Libyen-Experte beim Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit in Berlin, dominieren die Milizen Al-Sarradschs Regierung und infiltrieren deren Institutionen, um die Ressourcen des Staates zu plündern. Sie seien kriminelle Netzwerke, die sich durch Geschäftswelt, Politik und Verwaltung zögen, schrieb Lacher in einem Bericht von 2018.

Die Revolutionäre Brigade von Tripolis wird von Haitham al-Tadschuri angeführt. Er war bis zum Aufstand 2011 Busfahrer. Jetzt fährt er in einem weißen Mercedes-SUV durch die Stadt, zeigt sich in Luxuskleidung von Versace und Dolce & Gabbana und kontrolliert große Teile der Stadt. Laut einem UN-Bericht soll er mit Komplizen im Jahr 2016 Angestellte der Zentralbank zur Gewährung von Bankbürgschaften über 20 Millionen Dollar gezwungen haben. Seine Gruppe soll außerdem hinter der Entführung eines ehemaligen Ministerpräsidenten im Jahr 2017 stecken. 

vehicles damaged by an overnight shelling are seen in abu salim district in tripoli
Ausgebrannte Wagen in Tripolis.
Quelle: reuters

Die Milizen von Misrata und Al-Sawija

In den Städten Misrata und Al-Sawija im Westen des Landes haben mächtige Milizen das Sagen, die mit der von den Vereinten Nationen unterstützten Regierung verbündet sind. Von Misrata aus wurde der Nachschub für die US-Militäraktion gegen die IS-Terrormiliz im Jahr 2016 gesichert, die zur Befreiung der Stadt Sirte führte. Eine Miliz aus Al-Sawija kämpft ebenfalls gegen Haftars Truppen. Ihr Anführer Mahmud Kachlaf steht unter Sanktionen der Vereinten Nationen, gilt als Kopf eines großen Schlepperrings. Dabei soll er auch mit dem Chef der örtlichen Küstenwache zusammengearbeitet haben, um Schiffe konkurrierender Schlepperorganisationen abzufangen, die Migranten festzusetzen, auszubeuten und zu missbrauchen.

Die Libysche Morgendämmerung

Ein loses Bündnis von Milizen, darunter einige mit Verbindungen zur Muslimbruderschaft, besetzte im Jahr 2014 Tripolis, nachdem ihre Gegner die umstrittene Parlamentswahl gewonnen hatten. Das neue Parlament ging später nach Ostlibyen, verbündete sich mit Haftar und ist heute eine Gegenregierung zur Regierung in Tripolis. Die Milizen, die als Libysche Morgendämmerung bezeichnet werden, sollen Hilfe von der Türkei und Katar erhalten haben. Beide Länder sollen schon beim Aufstand 2011 islamistische Gruppen unterstützt haben.

Nachdem mithilfe der Vereinten Nationen eine Regierung eingesetzt worden war, zerfiel die Libysche Morgendämmerung. Als ihre Nachfolgeorganisation gilt die Standfestigkeitsfront unter Milizenführer Saleh Badi. Er ist mit Sanktionen der Vereinten Nationen und der USA belegt, weil er wiederholt Truppen Al-Sarradschs angegriffen haben soll. Doch derzeit kämpft auch er gegen Haftar. 

Archiv: Flüchtlinge in Tripolis, Libyen, aufgenommen am 04.11.2017
Flüchtlinge in Libyen.
Quelle: reuters

Patrouillen gegen Flüchtlinge

Wegen des Chaos im Land wurde Libyen zu einem der bevorzugten Ausgangspunkte für Migranten aus Afrika, um von dort den Weg über das Mittelmeer nach Europa zu suchen. Die Europäische Union unterstützt Al-Sarradschs Regierung, um den Strom der Migranten zu stoppen. Dabei soll etwa in der Hafenstadt Sabratha Geld an Milizen geflossen sein, damit diese Migranten an der Reise über das Meer hindern. Inwieweit dieses Geld von den Milizen auch zum Kauf von Waffen und zur Rekrutierung neuer Kämpfer verwendet wurde, ist unklar.

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