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Literatur-Betrieb - Wenn Bücher wie am Fließband entstehen

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Einsamer Schriftsteller im stillen Kämmerlein? Von wegen! Star-Autoren beschäftigen viele Mitarbeiter, teilweise sogar als Ghostwriter. So gelingt Kommerz - aber nicht immer Kunst.

Bücherstapel
Bücherstapel
Quelle: dpa

Früher hatten erfolgreiche Autoren eine Sekretärin, einen Agenten, manchmal noch einen Privat-Lektor. Heute sind Star-Autoren wie Chefs eines mittelständischen Unternehmens. Die Angestellten arbeiten als Rechercheure und Schreiberlinge.

Bis zu sechs Bücher pro Jahr

Die irische Star-Autorin Lucinda Riley dankt in ihrem Buch "Die Perlenschwester" etwa ihrer "fantastischen persönlichen Assistentin" - und fünf anderen Menschen, die für sie recherchiert hätten. Von Ken Follett ist bekannt, dass er mehr als zwanzig Mitarbeiter beschäftigt: von der Buchhaltung übers Eventmanagement bis hin zu Rechercheuren, die Fehler in bereits gedruckten Romanen auf Follets Homepage korrigieren.

Kaum einer produziert aber Bücher so effizient wie James Patterson. Zuletzt sorgte der amerikanische Autor mit einem Krimi für Aufsehen, den er mit einem prominenten Co-Autor schrieb: dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton. Doch schon davor lieferte Patterson regelmäßig Klassenschlager - bis zu sechs Bücher pro Jahr.

Vielschreiber - die schwarzen Schafe der Literatur?

Die Feuilletons goutieren den Vielschreiber James Patterson nicht. Allein das Wort Vielschreiber gilt in der Literaturszene ja als Schimpfwort. Das kümmert Patterson aber wenig - ihm geht es nicht um Kunst, sondern um Kommerz. Immer wieder erklärt er den irritierten Feuilletons, wie er mehrere Mitarbeiter beschäftigt, die aus seinen Ideen ein Buch machen.

Zumindest fast. Ab einem gewissen Punkt wird das Buch Chefsache. Dann redigiert er, schreibt um, kürzt und glättet, sodass die Textfragmente nach einer Handschrift aussehen. Wobei er keine Thomas-Mann-Sätze umformulieren muss: Er halte sein Team an, kurze und klare Sätze zu schreiben, ist in Patterson-Interviews zu lesen. So läuft das literarische Fließband schneller.

"Druck der Digitalisierung"

Der Trend zum Teamwork nimmt zu - sei es als Autoren-Duo oder als Chef mit Hilfskräften. Simon Roloff führt das auf den "Druck der Digitalisierung" zurück. Roloff leitet an der Uni Hildesheim den Studiengang "Kreatives Schreiben". Wer hier studiert, träumt davon, als Autor zu reüssieren.

Teilweise machten Autoren verschiedene Textteile sogar zu einem Stilmittel, berichtet Roloff. "Bei mancher experimenteller Literatur wird ganz offen mit 'Copy and Paste' gearbeitet und damit die klassische Vorstellung von Originalität und dem Einzelnen als einsamem Schöpfer von Texten in Frage gestellt." Allerdings hadere der Literaturbetrieb mit solchen Ansätzen: Die Kritiker hätten nach wie vor eine Vorliebe für den "Geniekult der Goethezeit", sagt Roloff.

Austausch über "Social Reading-Plattformen"

In Hildesheim würden die Studenten "immer wieder mit kooperativen Schreibaufgaben" auf ihr Autoren-Dasein vorbereitet, berichtet Roloff. Austausch funktioniere auch über "Social Reading-Plattformen". Statt eines einsamen Schreibtischs warten also muntere Kommentarspalten auf die Schriftsteller von morgen. Gerade bei jungen Autoren werde viel gefeilt: "Ein Text, der durch unsere Prosawerkstatt durchgegangen ist, hat ehrlicherweise viele Urheberinnen und Urheber, auch wenn am Schluss nur ein Name darüber steht."

Trotz der Erfolgsgeschichten aus dem englischsprachigen Raum: Dem Teamwork trotzen die meisten deutschsprachigen Autoren. "Ich muss meine Bücher alleine schreiben", sagt etwa die deutsche Bestseller-Autorin Andrea Maria Schenkel. Ihr letzter Roman "Als die Liebe endlich war" handelt von Juden, die vor Hitler nach Shanghai flohen und später in Amerika landeten. Schenkel las dafür historische Bücher, alte Zeitungen, recherchierte im Archiv. Und sie interviewte Holocaust-Überlebende in Los Angeles.

Recherche "keine lästige Pflicht"

"Dieser Recherche-Prozess ist für mich als Autorin enorm wichtig. Ich suche so lange, bis ich zu dem Punkt komme: Die Idee greift, ich kann mich hinsetzen und schreiben", sagt Schenkel. Recherche empfinde sie nicht als lästige Pflicht, sondern als Teil ihres kreativen Arbeitens. "Recherchen sind spannend, sie führen mich in andere Richtungen." Auch deswegen wolle sie Teile ihrer Arbeit nicht auslagern.

Andrea Maria Schenkel lebt zur Hälfte in Regensburg und in New York. In Amerika sei der Buchmarkt "big business", sagt die Autorin. Zwar müssten auch in Europa Bücher Geld abwerfen. Aber in Amerika seien die Verhältnisse extremer: "Ein Buch von Dan Brown ist wie ein Investment. Da ist von vorneherein klar: Die Maschinerie läuft und wirft richtig Gewinn ab." Damit die Rendite am Ende stimme, scharten amerikanische Star-Autoren auch Angestellte um sich.

"Knochenhartes Arbeiten gehört dazu"

Andrea Maria Schenkel will Literatur nicht abwerten, die wie am Fließband entstehe. "Rembrandt und Dürer hatten auch eine Werkstatt mit vielen Helfern", sagt Schenkel. Für sich selbst hat sie aber einen anderen Weg gewählt: "Knochenhartes Arbeiten gehört zum Schreiben dazu. Manchmal sitze ich vor dem Laptop und bringe einen halben Tag keinen vernünftigen Satz aufs Papier."

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