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Literatur ohne Preis - Schweden ringt um würdige Literaturexperten

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Eigentlich hätte der Gewinner des Literaturnobelpreises bereits feststehen sollen. Doch die Jury zerfleischte sich wegen eines Skandals - und hinter den Kulissen rumort es weiter.

Archiv: Die Schwedische Akademie (Svenska Akademien) in Stockholm, fotografiert am Samstag (12.12.2009).
In der Schwedischen Akademie in Stockholm wird normalerweise der Nobelpreis vergeben.
Quelle: imago

Wenn sich in der kommenden Woche in Frankfurt die deutsche Literaturwelt zur Buchmesse trifft, muss die Branche ohne den sonst üblichen frischen Wind aus Schweden auskommen: Kein Literaturnobelpreis wird Messeaussteller und -publikum zum Diskutieren bringen über Sinn oder Unsinn der Entscheidung der Schwedischen Akademie, die für die Vergabe des Preises verantwortlich ist.

Nobelpreis-Jury zerbrochen

Heute hätte die Jury eigentlich mit bedeutsamer Miene durch die goldverzierte Tür in Stockholms Altstadt schreiten sollen, um der Welt zu eröffnen, wen die Schwedische Akademie diesmal für würdig erachtet hat, den weltweit bekanntesten Literaturpreis zu erhalten. Da es aber um die Würde der Akademie nicht zum Besten steht, bleibt die berühmte Tür heute geschlossen - der Nobelpreis für die textende Zunft fällt dieses Jahr aus.

Nicht erst seit der Verleihung des Preises an Bob Dylan 2016 hat es ernsthafte Debatten um den Zustand der Akademie gegeben - als aber das Gremium auch im Umgang mit Vorwürfen aus der #MeToo-Kampagne äußerst ungeschickt agiert hat, war der Sturm der Entrüstung in Schweden groß. So groß, dass sich die 18-köpfige Jury zerlegt hat - Kandidaten für den Preis gab es viele - aber zu wenige, die unter ihnen hätten auswählen können.

Skandal entspann sich um Mann von Jury-Mitglied

Die zugrunde liegende Geschichte scheint so trivial, dass sie gerade eben das Niveau eines Groschenromans hält. Es geht um Sex, um Macht, Geld und um Solidarität zu einer schillernden Figur, die erst am Montag wegen Vergewaltigung zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt wurde: Es geht um den heute 72-jährigen Franzosen Jean Claude Arnault, der mit der schwedischen Dichterin Katarina Frostenson verheiratet ist. Sie gehört zur 18-köpfigen Literatur-Nobelpreis-Jury - Ehemann Arnault bezeichnet sich in Schweden gerne selbst als "19. Mitglied der Akademie".

Unter mangelndem Selbstbewusstsein scheint er ebenso wenig zu leiden, wie an einem Übermaß an Moral: Schwedische Medien berichten, dass ihm 18 Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen. Darüber hinaus soll er angeblich sogar in Gegenwart des Königs Kronprinzessin Victoria einmal so bedrängt haben, dass ihre Adjutantin einschreiten musste.

Seit zwölf Jahren schweigt der Hof zu diesem Vorgang. Das geißelt Martin Åagrad, Kulturredakteur der schwedischen Zeitung "Aftonbladet", im ZDF-Interview als typisches Zeichen alter patriarchaler Strukturen: "Warum hat man die Dinge nicht untersucht? Und warum haben besonders die Männer geschwiegen? Meiner Meinung nach ist das beschämend und peinlich", sagt er.

König ermahnte Akademie mit deutlichen Worten

Das ist wohl der eigentliche Skandal hinter dem jetzt abgeurteilten Sexskandal, der selbst nur die Spitze eines Eisbergs an würdelosen Machenschaften im Umfeld der Schwedischen Akademie zu sein scheint: Neben dem Gerichtsprozess, der jetzt mit der Haftstrafe für Jean-Claude Arnault ein vorläufiges Ende genommen hat - sein Anwalt hat heute Berufung eingelegt - ging es auch um Vorwürfe, Arnault und seine Frau hätten geheimes Wissen um Literaturnobelpreisträger ausgeplaudert.

Weil sich die restlichen 17 Akademie-Mitglieder schwer getan haben, mit dem Willen, solche Vorwürfe aufzuklären, weitete sich der Skandal in Stockholm aus: Es gab Ehrenerklärungen, die im Licht des Vergewaltigungsurteils der Akademie nun ein schummriges Antlitz verleihen.

Rücktritte und Arbeitsniederlegungen folgten. Das Gremium geriet in teilweise Auflösung, was Schwedens König veranlasste, sein sonst striktes Schweigen zu Fragen der Tagespolitik  zu brechen und die "unglaublich wichtige Institution" zu ermahnen, ihrer Verantwortung gerecht werden. Das ist sie bislang nur insoweit, als dass sie eine Entscheidung über den diesjährigen Literaturnobelpreis abgesagt hat. Im kommenden Jahr sollen dafür zwei Preise vergeben werden. Doch sind die Zweifel in Schweden groß, dass sich die Akademie bis dahin reformiert und neu aufstellt.

Sollte der Schwedischen Akademie die Vergabe entzogen werden?

Schon kommen Drohungen aus der Nobelstiftung, der Schwedischen Akademie die Mittel - und damit die Zuständigkeit für die Vergabe des Literaturnobelpreises zu entziehen. Der Geschäftsführer der Nobelstiftung betonte am Wochenende, dass für die künftige Vergabe der Auszeichnung für Literatur auch die Königliche Akademie der Wissenschaften infrage käme, sollten nicht weitere Angehörige der alten Jury zurücktreten und den Weg freimachen für einen Neuanfang in personeller wie inhaltlicher Hinsicht.

Heute Abend schon könnten in Stockholm erste personelle Entscheidungen fallen. Ob das alles ausreicht, damit die Deutsche Buchmesse bereits im kommenden Jahr wieder über Literaturnobelpreisträger diskutieren kann, bleibt eine spannende Frage.

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