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Lkw-Notbremsassistenten - Voll in die Eisen statt hinten drauf

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Acht Tote auf deutschen Autobahnen innerhalb weniger Tage - und jedes Mal waren es Lkw, die auf ein Stauende prallten. Notbremsassistenten hätten vielleicht Leben retten können.

Verschiedene Fahrzeuge stehen im Stau
Quelle: dpa

Wer heute ins Autohaus geht, um sich einen neuen Pkw zu kaufen, steht vor deutlich mehr Fragen als noch vor einigen Jahren: Klar, die Farbe von Karosserie und Innenausstattung sind immer noch wichtig, und die Motorisierung natürlich auch. Aber mittlerweile geht es halt auch darum, die gewünschten Assistenzsysteme auszuwählen – eine Einparkhilfe zum Beispiel oder einen Spur- und Bremsassistent. Mehr Komfort bringt der eine, mehr Sicherheit die anderen. Bei Personenwagen ist das halt normal. Aber bei Lkw?

Sicherheitsassistenten für Lkw sind am Markt

Ja, auch für Brummis gibt es mittlerweile jede Menge technische Helferlein. Und hier steht eindeutig die Verkehrssicherheit im Vordergrund. Assistenten können zum Beispiel dabei helfen, auf Fußgänger oder Radfahrer, die sich im toten Winkel befinden, aufmerksam zu machen. Warnen ist die eine Sache – handeln wiederum eine andere. Aber auch das kann Technik im Lkw – zum Beispiel mit einem Notbremsassistenten.

Helfer, die einen Laster selbsttätig zum Stehen bringen, haben je nach Hersteller unterschiedliche Namen. Bei Mercedes Nutzfahrzeuge beispielsweise heißt er ABA (Active Brake Assist), bei MAN EBA (Emergency Brake Assist) oder bei Scania AEB (Advanced Emergency Braking). Allen gemeinsam ist: Sie erkennen, wenn das Fahrzeug sich rasch einem stehenden Hindernis nähert, also einem Stauende zum Beispiel, und der Fahrer nicht reagiert. Zunächst wird der Fahrer gewarnt, folgt aber keine Reaktion, steigt das System selbsttätig in die Eisen und bringt den Lkw mit einer Vollbremsung zum Stehen.

Sekundenschlaf und Entertainment am Steuer

Dass Lkw-Fahrer in so typischen Situationen wie der Näherung an ein Stauende nicht oder viel zu spät reagieren, ist übrigens gar nicht so unwahrscheinlich. Oft ist der berüchtigte Sekundenschlaf daran Schuld, so Wolfram Hell, Unfallforscher am Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Jüngere Menschen haben diesen hohen Schlafdruck oft nachts, bei Älteren kommt der Sekundenschlaf auch schon mal nach dem Mittagessen." Im Bürostuhl mittags um halb drei könne man sich das schon mal leisten – auf der Autobahn hingegen könne dies fatale Folgen haben. Verstärkt werde dies durch zu wenig Nachtschlaf.

Sekundenschlaf ist die eine Top-Gefahrenquelle, zahlreiche Entertainment-Möglichkeiten am Steuer eine weitere – vom Texten am Smartphone bis zum laufenden Film am Bildschirm im Fahrerhaus. "In den USA ist es mittlerweile ein Kapitalverbrechen, wenn man als Truck Driver nebenher Kurznachrichten verschickt, hier in Europa eher ein Kavaliersdelikt", so Unfallforscher Wolfram Hell. Übrigens mitnichten nur ein Problem von Lkw-Fahrern: "Ich bin mittlerweile nicht mehr überrascht, wenn ein 5er-BMW offensichtlich ohne Grund mit Tempo 140 rechts von der Brücke stürzt und wir hinterher herausfinden, dass der Fahrer eine Sekunde vorher eine Antwort auf Whatsapp abgesendet hat."

Noch viele Lkw ohne Notbremsassistent unterwegs

Dass Lkw-Bremsassistenten in solchen Fällen effektiv eingreifen können, ist unzweifelhaft gut. Allerdings sind bislang verhältnismäßig wenig Lastwagen mit solchen Systemen ausgestattet. Erst seit 2015 besteht eine solche Ausstattungs-Pflicht für neue Lkw ab acht Tonnen in Europa. Bemerkenswertes Detail: Laut EU-Vorschrift müssen solche Systeme bislang das Fahrzeug auch gar nicht zum Stehen bringen. Aktuell ist eine Geschwindigkeitsverringerung um zehn Kilometer pro Stunde Pflicht. Ab November 2018 wird diese Anforderung für Neufahrzeuge auf 20 erhöht. Der 40-Tonner prallt dann, wenn der Assistent nur die Mindestanforderung erfüllt, mit Tempo 60 statt mit 80 aufs Stauende.

Nicht nur Wolfram Hell hält das für viel zu lasch – auch die Unfallexperten vom ADAC plädieren für schärfere gesetzliche Regelungen bei Lkw-Notbremsassistenten: "Ziel muss es sein, eine flächendeckende Ausstattung der Lkw mit effektiven Notbremsassistenten zur gesetzlichen Pflicht in Europa zu machen", heißt es beim ADAC, der ebenfalls fordert, "dass sich Notbremsassistenten grundsätzlich nicht abschalten lassen beziehungsweise nach manueller Deaktivierung selbstständig wieder zuschalten". Eine Forderung, hinter der auch Branchenakteure stehen. "Was technisch ausgereift ist, sollte auch verpflichtend eingebaut werden", sagt Frank Huster, Hauptgeschäftsführer vom Deutschen Speditions- und Logistikverband. "Dann kommt auch niemand auf die Idee, wegen ein paar Euro an der Sicherheit zu sparen."

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