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Nahender Brexit - "Wer jetzt nicht vorbereitet ist, für den ist es zu spät"

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Die Logistik-Branche bereitet sich auf einen harten Brexit vor. Großkonzerne stellen Hunderte Mitarbeiter ein, um gut vorbereitet zu sein. Schon jetzt bricht der Außenhandel ein.

Lastwagen am Hafen von Dover
Lastwagen am Hafen von Dover (Archivbild)
Quelle: dpa

Atomkraftwerke, Flugzeuge, Bundeswehr - überall wird trainiert in der Hoffnung, dass der Ernstfall nie eintreten wird. Auch Unternehmen und Behörden planen seit Monaten: Für den Brexit. Und das Szenario eines harten Brexit wird immer wahrscheinlicher.

Am 24. September testete der französische Zoll im Fährhafen von Calais zuletzt ein neues System, eine "intelligente Grenze", die die Abfertigung von Warenlieferungen deutlich beschleunigen soll. Ein Großteil aller Lastwagen und Passagiere gelangt über Calais nach Großbritannien, und im Falle eines harten Brexit wird hier das Epizentrum sein.

Testlauf mit 20 Lastern - Realität mit 6.000

Bislang funktioniert in der Lkw-Logistik noch fast alles mit Papier: Frachtpapiere werden physisch ausgehändigt. Fahrer, oftmals aus den osteuropäischen EU-Staaten, versuchen sich mit Beamten über den Inhalt und das Ziel ihrer Fahrzeuge zu verständigen. Selbst an normalen Tagen kann dieser Prozess bis zu mehrere Stunden dauern.

Der Testlauf im September verlief zur Zufriedenheit der Behörden - vorab digital erstellte Frachtlisten mussten nur noch gescannt werden. Allerdings nahmen an diesem Testlauf nur 20 Lastwagen teil. Fraglich ist, ob das System auch die bis zu 6.000 Lkw verkraften kann, die täglich in Calais ankommen.

Logistik betroffen wie kaum eine andere Branche

Lange Schlangen am Ärmelkanal sind aber nur eine Herausforderung für die Logistik-Branche, die sich wie kaum eine andere für einen möglichen Austritt Großbritanniens aus dem europäischen Wirtschaftsraum vorbereiten muss. Ausschreibungen und Lieferverträge sind in vielen Fällen über Jahre hinweg ausgehandelt, die Infrastruktur mit Straßenanbindungen und Lagerhäusern fest an bestimmte Werkstandorte gebunden.

Um Lagerkosten zu sparen, nutzen viele Industriekonzerne das sogenannte just-in-time-Prinzip: Teile sind im Werk nicht vorrätig, sondern werden direkt nach Anlieferung verbaut. Das Lager ist dezentralisiert und rollt in Containern ständig durch Europa. Selbst kurze Unterbrechungen der Lieferkette können so drastische Folgen haben.

Vor allem Juristen verschafft der Brexit viel Arbeit. Wann immer etwas schiefgeht, Waren verschwinden, beschädigt, oder gar nicht geliefert werden, müssen die Verträge herangezogen werden. Selbst die Frage, vor welchen Gerichten dann verhandelt wird, muss in den Unterlagen explizit geklärt sein.

Tritt Großbritannien aus der EU aus, verlieren viele Gerichte und Ansprechpartner ihre Zuständigkeit. "Wenn nicht klar benannt ist, wer welches Risiko zu tragen hat, dann schieben sich die Vertragsparteien schnell gegenseitig den schwarzen Peter zu", so Pav Younis, Brexit-Rechtsberater bei der Unternehmensberatung EY. Die rechtlichen Auswirkungen des Brexit sind so weitreichend, dass Verträge schnell zu einer tickenden Zeitbombe werden können.

120 Mitarbeiter, die nur den Brexit vorbereiten

Wer jetzt noch nicht vorbereitet ist, für den ist es zu spät.
Pav Younis, Jurist

Die Spedition Kühne und Nagel allein beschäftigt 100 Mitarbeiter, die das Unternehmen nur auf den Brexit vorbereiten. Beim Konkurrenten DB Schenker sind es 120. Vor allem kleine und mittelständische Betriebe haben diese Ressourcen nicht und sind entsprechend schlecht vorbereitet. "Viele dieser Unternehmen haben sich dazu entschieden zu warten, weil sie zu wenig Informationen hatten oder sich nicht festlegen wollten. Sie werden den Großteil der Brexit-Auswirkungen abbekommen", berichtet Younis. "Wer jetzt noch nicht vorbereitet ist, für den ist es zu spät."

Manche Unternehmen stehen vor dem Dilemma, dass sie in ihren Verträgen fest von einem Brexit im April 2019 ausgegangen waren. Der kam nicht und jetzt müssen sie sich mit kurzfristig angelegten Verträgen irgendwie über Wasser halten: "Sie haben auf einen Termin gewettet und verloren", so Younis. Die direkt am englischen Kanal gelegenen Länder seien dabei deutlich besser vorbereitet als Unternehmen im Rest Europas.

Exporte bereits um 1,8 Milliarden Euro gesunken

Der Brexit ist nicht einmal vollzogen - und ist in der Handelsbilanz dennoch bereits spürbar. Unsicherheit ist Gift fürs Geschäft. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts wurden im ersten Halbjahr 2019 bereits deutlich weniger Waren zwischen Deutschland und Großbritannien gehandelt als im gleichen Zeitraum des vorherigen Jahres: Die Exporte auf die Insel sind um über 1,8 Milliarden Euro gesunken, ein Minus von gut 4 Prozent.

Großbritannien ist in der Rangfolge unserer Handelspartner hinter Polen abgerutscht.
Außenhandels-Präsident Holger Bingmann

Mit keinem anderen wichtigen Handelspartner entwickelten sich die Geschäfte ähnlich schlecht. Die schlechte Stimmung fasst Holger Bingmann zusammen, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Dienstleistungen, Außenhandel: "Großbritannien ist in der Rangfolge unserer Handelspartner von Platz fünf im Jahr 2016 auf aktuell Platz 13 abgerutscht. Und liegt hinter Polen."

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