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Strafprozess zur Loveparade - Kommt die Katastrophe nach der Katastrophe?

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Über sieben Jahre hat es gedauert, bis der Loveparade-Strafprozess beginnt. Es wird einer der größten deutschen Prozesse - in einem umgebauten Saal im Düsseldorfer Kongresszentrum.

Die Gedenkstätte des Love-Parade-Unglücks von 2010 in Duisburg am 27.10.2017
Die Gedenkstätte des Love-Parade-Unglücks von 2010 in Duisburg am 27.10.2017
Quelle: epa

Loveparade 2010: 21 Tote, hunderte Verletzte und die Frage: War es eine Katastrophe mit Ansage? Das wollen Betroffene und Hinterbliebene wissen. Und sie fürchten: Kommt es vielleicht zur Katastrophe nach der Katastrophe?

Selten ist ein Unglück so ausführlich dokumentiert worden. Im Internet gibt es Hunderte Videos von jenem heißen Samstag im Juli 2010, in denen sich sehr genau verfolgen lässt, wie es zur Massenpanik kam. Viel zu viele Menschen müssen durch einen viel zu engen und dunklen Tunnel zum Veranstaltungsgelände auf dem alten Güterbahnhof in Duisburg. Das konnte nicht gut gehen. Und schon gar nicht, wenn die Besucher, die das ganztägige Event verlassen wollen, ihnen noch entgegen kommen. Warum also braucht es siebeneinhalb Jahre, um den Prozess zu eröffnen?

Gründlichkeit vor Schnelligkeit

Gründlichkeit vor Schnelligkeit - das war die Devise der ersten Jahre. Die Anklage sollte belastbar sein. Viele hundert Zeugen wurden befragt. Es ist die Staatsanwaltschaft vor Ort, die mit den Ermittlungen betraut wird. Sie bestellt ein Gutachten bei dem renommierten britischen Panikforscher Keith Still.

Schon wenige Tage nach dem Unglück zeigt sich NRW-Innenminister Ralf Jäger allerdings erstaunlich überzeugt: Die Polizei trifft keine Schuld. Und dabei ist es formell geblieben. Angeklagt wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung sind zehn Personen: vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent GmbH. Deren Chef, Rainer Schaller, wollte das Technofestival als Werbeplattform für seine Fitnesskette McFit und trat auch selber in Duisburg auf. Aber Schaller ist nicht angeklagt, denn ihm ist keine individuelle Schuld nachzuweisen. Auch der damalige Oberbürgermeister, Adolf Sauerland, der sich nach der tödlichen Massenpanik auffallend teilnahmslos zeigte, bleibt unbehelligt. Sechs Mitarbeiter von Ordnungsamt und Bauamt, die das Genehmigungsverfahren betreuten, sind hingegen angeklagt.

Gutachten - nicht gut genug?

Das Gutachten des britischen Panikforschers beschreibt schließlich sehr genau die zahlreichen Planungsfehler im Vorfeld der Veranstaltung und die ebenso zahlreichen Versäumnisse am Tage selbst, die schließlich eskalierten: von Veranstalter, Stadt und Polizei. Dennoch entscheidet 2016 das Landgericht Duisburg: Auf dieser Grundlage wird der Prozess nicht eröffnet.

Aber die Nebenkläger und die Duisburger Staatsanwaltschaft wollen das nicht hinnehmen, und das Oberlandesgericht Düsseldorf gibt ihnen Recht. Deshalb gibt es nun doch einen Prozess - und ein neues Gutachten. Auf 2.000 Seiten bestätigt die Analyse des Wuppertaler Verkehrsforschers Jürgen Gerlach im Wesentlichen die Erkenntnisse des Briten Still.

Endlich Klarheit - alte Wunden

"Angehörige und Betroffene wollen wissen, warum ihre Kinder gestorben sind, warum sie verletzt wurden. Alles soll auf den Tisch", sagt Julius Reiter, der etliche Nebenkläger vertritt. "Und sie wollen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden."

So erleichtert sie sein mögen, dass der Prozess endlich beginnt, so schwierig wird es für viele werden. Denn es können alte Wunden aufbrechen, besonders dann, wenn Videos und Tonaufnahmen abgespielt werden. Das sagt Richard Bannert von der Notfallseelsorge Duisburg. Er war am Unglückstag selbst vor Ort und betreut bis heute Menschen, die unter den Folgen leiden. Das kann ein Leben lang dauern, sagt er. Manch einer kommt drüber weg, andere finden nie wieder ins Leben, sind dauerhaft arbeitslos.

Geld macht Notfallseelsorge parteiisch

Dennoch kann es wichtig sein, sich dem Geschehen zu stellen und den Angeklagten in die Augen zu sehen. Die Stiftung "Duisburg 24.7.2010" unterstützt Betroffene der Loveparade bei der Bewältigung des Erlebten. In diesem Rahmen bietet die Notfallseelsorge deshalb an allen 111 Prozesstagen Betreuung an, in einem stillen Raum neben dem Verhandlungssaal. Das Land Nordrhein-Westfalen will dies unterstützen und dafür 300.000 Euro zur Verfügung stellen.

Allerdings war und ist es auch das Geld, mit dem sich die übergeordnete Stiftung Notfallseelsorge parteiisch macht. Bis heute lässt sie ihre Arbeit auch von Rainer Schaller finanzieren, sagt das aber nicht offen. Schaller ist der Mann, in dem viele Leidenden einen der Hauptverantwortlichen sehen. Wahr ist auch: Wenn Rainer Schaller kommt, sollen keine kritischen Fragen gestellt werden.

Schaller hat sein Image geschickt choreographiert

Jürgen Hagemann, dessen Tochter auf der Loveparade Schlimmes erleben musste, ist anfangs ein Sprecher der Betroffenen und fordert beharrlich Aufklärung. Mit der Notfallseelsorge ist er im guten Kontakt - bis Rainer Schaller kommt. Von einem Treffen, zu dem er schriftlich eingeladen ist, wird er kurzfristig ausgeladen. "Ich war mit meiner kritischen Haltung kontraproduktiv", sagt Hagemann. Auch später fällt ihm auf, "dass Schaller immer unterschwellig geschont wurde. Kritik wurde in Richtung Sauerland gelenkt."

Seelsorger Bannert sagt dazu: "Herr Schaller wird nur mit denen sprechen wollen, die das auch so wiedergeben, wie er es sieht." Anders als Adolf Sauerland, der zum Gesicht des moralischen Versagens wurde, hat Rainer Schaller bis heute sein Image geschickt choreografiert. 

111 Verhandlungstage sind in Düsseldorf angesetzt. Es könnte am Ende aber so sein, dass alle unbehelligt davon kommen, auch die nun Angeklagten. Spätestens nach zehn Jahren, am 27. Juli 2020, müssen die Urteile in diesem Mammutverfahren gesprochen sein. Danach ist alles verjährt. Und das, so Opfer-Anwalt Reiter, wäre "die Katastrophe nach der Katastrophe".

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