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Loveparade-Prozess - Schaller räumt "moralische Verantwortung" ein

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Rainer Schaller ist eines der Gesichter der Loveparade-Katastrophe von Duisburg. Nun hat er während des Prozesses ausgesagt - Angehörige von Opfern sind enttäuscht.

Rainer Schaller am 22.05.2018 in Duisburg
Rainer Schaller Quelle: dpa

Sehr aufrecht sitzt Rainer Schaller, sehr kontrolliert, die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet; über Stunden hinweg wird er diese Sitzposition nicht verändern. Zuerst spricht er die Angehörigen an, die ein Kind auf der Loveparade verloren haben: "Dieses Leid ist auf meiner Veranstaltung passiert. Es ist selbstverständlich, dass ich die moralische Verantwortung übernehme".

Nicht in Planungen einbezogen?

Die juristische allerdings nicht - Rainer Schaller ist nicht angeklagt, sondern sagt als Zeuge aus im Prozess zum Loveparade-Unglück. Das Landgericht Duisburg versucht, acht Jahre nach der Katastrophe herauszufinden, wer welche Fehler gemacht hat, wer welche falschen Entscheidungen getroffen - und so den Tod von 21 jungen Menschen zumindest mit zu verantworten hat. Schnell wird klar: Wie vor ein paar Wochen Duisburgs ehemaliger Oberbürgermeister Adolf Sauerland - neben Schaller das zweite Gesicht der Loveparade - so erklärt auch der Veranstalter vor Gericht, in die Planungen des Techno-Umzugs kaum eingebunden gewesen zu sein.

"Ich war selbst an den Sitzungen nicht beteiligt, deshalb kann ich diese Frage nicht beantworten", sagt er immer wieder. "Alle organisatorischen Dinge liefen über Kersteen Sattler, der war entscheidungsbefugt". Sattler war Schallers rechte Hand, er ist einer der Angeklagten.
Schaller sagt über sich, er sei nur das Gesicht nach Außen gewesen und habe sich darum gekümmert, welche DJs auflegen und welche Sponsoren wie viel zu zahlen bereit sind, um mit ihrem Logo dabei zu sein. Wie viel ist eine moralische Verantwortung wert, wenn der Veranstalter selbst von Problemen oder möglichen Fehlplanungen nichts gewusst haben will, alle Schuld von sich weist?

"Was bedeutet 'moralische Verantwortung' für Sie?"

Paco Zapater am 02.05.2018 in Duisburg
Paco Zapater verlor seine Tochter Clara bei der Katastrophe. Quelle: dpa

Für die Angehörigen, die ein Kind verloren haben, nicht viel. Die Eheleute Zapater, deren Tochter Clara an diesem 20. Juli 2010 starb, reisen zu den wichtigen Verhandlungstagen jedes Mal aus Spanien an. In dem Saal auf dem Düsseldorfer Messegelände, in dem der Prozess aus Platzgründen stattfindet, wird es sehr still, als Paco Zapater an der Reihe ist, Rainer Schaller zu fragen. "Was bedeutet 'moralische Verantwortung' für Sie?" - "Dass ich vor die Kameras getreten bin, dass ich wusste, dass ich zum Gesicht der Katastrophe werde, dass ich für Gespräche mit Angehörigen jederzeit zur Verfügung stehe". Aber er bleibt dabei: Er selbst habe keinen Fehler gemacht, nichts gewusst.

Manfred Reißaus hat einen Malerbetrieb. So wie die Zapaters oder Gabi Müller, deren Sohn Christian bei der Loveparade starb, gibt auch er den Todesopfern ein Gesicht. Er ist an allen wichtigen Verhandlungstagen für seine Tochter Svenja beim Prozess. Auch sie kam damals ums Leben. "Ich kann das nicht nachvollziehen, dass ein Geschäftsführer keine Ahnung hat. Man muss wissen, was im Betrieb los ist", sagt er. Auch die Zapaters glauben Schaller nicht. Sie verstehen sowieso nicht, weshalb weder Schaller noch Sauerland angeklagt sind, sondern zehn Mitarbeiter der Stadt Duisburg und von Schallers Veranstaltungsgesellschaft - Untergebene, Mitarbeiter eben.

Und sie verstehen nicht, warum sich der Prozess so lange hinzieht - um ein Haar hätte es gar keine juristische Aufarbeitung gegeben. Paco Zapater ist Rechtsanwalt in Spanien; dort tut sich die Justiz weit weniger schwer, ähnliche Unfälle aufzuarbeiten, berichtet er. Den Loveparade-Prozess empfinden er und seine Frau Núria als unglaublich zäh, quälend.

Hintergrund

Der Richter lobt die konstruktive Athmosphäre

Vor fünf Monaten hat der Prozess begonnen - noch vermutlich bis Frühjahr 2019 will das Gericht Zeugen aus der Planungsphase vernehmen, anschließend sollen Zeugen zu Wort kommen, die etwas zum Veranstaltungstag selbst sagen können. Gibt es bis Juli 2020 kein Urteil, verjähren die Vorwürfe gegen die angeklagten Mitarbeiter. Das Landgericht ist mit dem Tempo allerdings zufrieden, der Vorsitzende Richter Mario Plein lobt die "konstruktive Atmosphäre" im Gerichtssaal. Gäbe es kein Urteil, wäre das für die Angehörigen "die Katastrophe nach der Katastrophe".
Die Hoffnung der Zapaters? "Dass die deutsche Justiz so schnell wie möglich herausfindet, warum unsere Kinder gestorben sind. Dass solche Fehler in Zukunft nicht mehr gemacht werden. Und dass die Verantwortlichen bestraft werden".

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