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Loveparade-Prozess - Wieviel wert sind Schmerz und Trauer?

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Beim Loveparade-Unglück in Duisburg kamen 21 Menschen ums Leben. Wie lebt man damit, wenn das eigene Kind stirbt? Wieviel sind Schmerz und Trauer wert? Freitag beginnt der Prozess.

Archiv: Kreuze stehen am 28.12.2013 in Duisburg
Kreuze stehen am 28.12.2013 in Duisburg. 21 Menschen kamen bei Loveparade-Unglück ums Leben. Quelle: dpa

21 Tote und mehr als 600 körperlich und seelisch Verletzte: das ist die schreckliche Bilanz der Loveparade-Katastrophe. Bis heute ist der Anspruch dieser Menschen auf Schmerzensgeld nicht geklärt. Viele von ihnen warten immer noch auf eine angemessene, finanzielle Entschädigung. Das deutsche Recht lässt Betroffene bei der Klärung im Stich.

Den Verlust der Tochter nicht verkraftet

Es ist der Morgen des 24. Juli 2010 als Gulia Minola und ihre Freundin spontan entscheiden, die Loveparade in Duisburg zu besuchen. Die beiden jungen Frauen aus Italien sind eigentlich auf der Durchreise nach Amsterdam. Doch die Verlockung, mit hunderttausenden anderen Menschen zu Techno-Beats im Ruhrpott zu feiern, lässt sie anders entscheiden. Auf dem Festivalgelände aber kommen sie nie an. Gulia wird in der Menschenmenge, die sich vor dem Eingang angestaut hat, zu Tode gequetscht. Ihre Freundin überlebt die Katastrophe nur mit Glück. Laut Obduktionsbericht ist Gulias Leiche übersät mit blauen Flecken und Einblutungen. Es ist ein langsames Ende, das die junge Studentin am Boden liegend erleidet. Schließlich erstickt sie an ihrem eigenen Erbrochenen.

Als Gulias Mutter vom Tod ihrer Tochter erfährt, bricht für sie alles zusammen. Schwere Depressionen und jahrelange Arbeitsunfähigkeit sind die Folge. Mittlerweile geht sie zwar wieder arbeiten, die psychischen Probleme aber sind geblieben. Der Kölner Anwalt Daniel Hennecke-Sellerio versucht seit sechs Jahren, die Schmerzensgeldansprüche seiner Mandantin gegenüber der Axa-Versicherung geltend zu machen. Über die Axa war die Loveparade-Veranstaltung angeblich mit bis zu 250.000 Besuchern versichert. Doch die Versicherung zeigt wenig Entgegenkommen. "Wir haben materielle und immaterielle Ansprüche angemeldet", sagt er, "man muss unterscheiden zwischen vererbtem Schmerzensgeld und dem Schmerzensgeld für Hinterbliebene."

Für Trauer ist kaum Geld vorgesehen

"Grundsätzlich tut sich das deutsche Recht noch immer sehr schwer damit, das Leid, das durch den Tod eines Angehörigen entsteht, zu bemessen", sagt Andreas Slizyk, ein auf Schadensrecht spezialisierter Anwalt und Fachbuchautor. Bei unmittelbaren Verletzungen ist das anders. Dafür gibt es Tabellen. Ein gebrochener Oberarm ist etwa 6.000 Euro wert, ein Schädelhirntrauma mit dauerhaften Folgen bis zu 70.000 Euro.

"Für die bloße Trauer um einen Angehörigen gab es in Deutschland - anders als im Ausland - jahrzehntelang kein Geld", so Slizyk. Die Gesetzeslage hat sich zwar seit kurzem geändert. Doch die Fälle der Loveparade sind davon ausgeklammert. Für sie gilt altes Recht. Eine Entschädigung für Hinterbliebene gibt es nur dann, wenn das Opfer vor dem Tod Schmerzen erlitten hat. Diese können quasi "vererbt" werden. Oder aber der Hinterbliebene ist in Folge des Verlustes "schwer erkrankt". Diese "schwere Erkrankung" muss er allerdings aufwendig per Gutachten beweisen.

Eine pauschale Vergütung für diesen "vererbten" Schmerz ist nicht festgelegt, die Summe ist immer individuell vom Richter zu bestimmen. "Ein Urteil des Karlsruher Landgerichts aus dem Jahr 2009 sprach einem Unfallopfer, das seine schweren Verletzungen bei vollem Bewusstsein erlebte und nach zwei Stunden im Krankenhaus verstarb, 4.000 Euro Schmerzensgeld zu", erzählt Slizyk, "das Geld ging an die Erben".

2.500 Euro pauschal für den Tod der Tochter

"Beide Szenarien treffen im Fall von Gulia zu", sagt Anwalt Hennecke-Sellerio, "Gulia hat ihren Tod qualvoll miterleben müssen, ihre Mutter sei jahrelang arbeitsunfähig gewesen und leidet bis heute unter psychischen Problemen." Als sich der Anwalt 2011 zum ersten Mal bei der Axa-Versicherung meldet, um Schmerzensgeld-Ansprüche geltend zu machen, bietet die Versicherung zunächst 2.000 Euro als Entschädigung an. Dieses Angebot empfindet Gulias Mutter als blanken Zynismus. "In einem Telefonat, das darauf folgte, wollten die Axa noch mal 500 Euro draufzulegen", erinnert sich Hennecke-Sellerio, "damit sollten dann aber sämtliche Ansprüche abgegolten sein." 2.000 Euro für den vererbten Schmerzensgeldanspruch, 500 Euro für den sogenannten Schockschaden der Mutter.

Vor sieben Jahren kamen bei der Loveparade in Duisburg 21 Menschen ums Leben, mehrere Hundert wurden verletzt.

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Auch dieses Angebot hielt seine Mandantin für völlig inakzeptabel und lehnte ab. Bis heute wartet sie auf eine angemessene Entschädigung. "Grundsätzlich sei die Axa bereit mehr zu zahlen, aber nur unter Berücksichtigung deutscher Rechtsprechung, in denen in vergleichbaren Fällen höheres Schmerzensgeld bezahlt wurde", so Hennicke-Sellerio, "aber diese Fälle gibt es nicht - und das weiß auch die Axa." Rechtlich betrachtet ist die Versicherung auch nicht zu einer Zahlung verpflichtet, solange die Haftungsfrage nicht geklärt ist. Um diese Frage wird es unter anderem auch im Strafprozess gehen. Dem ZDF gegenüber wollte sich die Axa-Versicherung zu dem konkreten Fall nicht äußern mit Verweis auf das laufende Verfahren.

Auf öffentlichen Druck hin ist die Versicherung zwar in die Schadensregulierung eingetreten, bleibt aber mit 2.500 Euro am untersten Rand der Summen, die bei Vergleichsfällen in Deutschland gezahlt werden. "Diese Summen bewegen sich in der Regel zwischen 2.000 Euro und 20.000 Euro", sagt Schmerzensgeld-Experte Andreas Slyzik. "Insgesamt müssten Entschädigungen in Deutschland aber viel höher ausfallen", fordert der Anwalt von Gulias Mutter, "in Italien zum Beispiel haben die Hinterbliebenen der Opfer, die beim Untergang der Costa Concordia ertrunken sind, eine siebenstellige Summe erhalten".

Hinterbliebene haben Anspruch auf "angemessene" Entschädigung

Davon ist man in Deutschland noch meilenweit entfernt. Hier hat es Jahrzehnte gedauert, bis sich alle Beteiligten endlich zu einem Gesetz durchringen konnten, das erst seit wenigen Monaten in Kraft getreten ist. Mitte Mai hatte der Bundestag die Einführung eines Anspruchs auf "Hinterbliebenengeld" beschlossen. Wer durch einen Unfall oder eine Straftat einen nahestehenden Menschen verliert, kann nun eine "angemessene" Entschädigung "für sein seelisches Leid" verlangen. Als generelles Richtmaß schlägt der Gesetzgeber 10.000 Euro vor. Letztlich aber obliegt die Entscheidung bei den Gerichten. "Man kann davon ausgehen", so Schmerzensgeld-Experte Slizyk, "dass sich die Rechtsprechung künftig an den Urteilen der Vergangenheit orientieren wird." Im Klartext: Entschädigungen von 20.000 Euro und mehr sind auch in Zukunft wohl nicht zu erwarten.

Und dennoch: es ist ein Zeichen, eine Anerkennung der Trauer. Denn es war schon lange nicht mehr nachvollziehbar, dass in Deutschland Schadensersatz für eine leichte Prellung zu leisten ist, nicht aber für den Verlust des eigenen Kindes oder Geliebten.

Die Loveparade

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