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Schlechte Luft in EU-Städten - Kollaps und Konzepte: Europa sucht Auswege

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Die Luftqualität in Europas Städten ist schlecht. Obwohl es Grenzwerte und Leitlinien gibt, verursachen Feinstaub und Stickoxide oft Atemnot. Ursache dafür: der Mobilitätswahn.

Doku: Panik und Ungewissheit, Feinstaub und Fahrverbote, Grenzwerte und Stickoxid-Tote. Das Diesel-Drama verunsichert und verärgert Deutschland. Wie groß ist die Gefahr aus der Luft tatsächlich?

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27 min
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Unter dem Kürzel 2008/50/EG verbirgt sich die EU-Luftqualitätsrichtlinie. Seit dem Jahr 2008 gilt sie für alle europäischen Mitgliedstaaten. Sie hat zum Ziel, dass die Luft, die jeder einatmet, sauber ist. Gleichzeitig enthält die Richtlinie Grenzwerte für eine Vielzahl von Luftschadstoffen, etwa für Stickstoffoxide, Feinstaub, Schwefeldioxid und Blei. Dennoch belasten diese gesundheitsgefährdenden Schadstoffe nach wie vor die Luft einiger europäischer Metropolen. Auch deutsche Städte sind davon betroffen. 

"Als 2008 die Grenzwerte festgesetzt wurden, hat man eigentlich gedacht, dass es kein Problem ist, innerhalb von zehn bis fünfzehn Jahren die Grenzwerte auch einzuhalten. Heute ist klar, dass das aus verschiedenen Gründen schwieriger ist als erwartet", sagt Alexander Kekulé. Der Medizinprofessor ist Experte für Umweltgifte und Grenzwerte und befasste sich schon sehr früh mit der Gefahr von Luftschadstoffen.

Mobilitätswahn als Antreiber     

Laut Bericht der Europäischen Umweltagentur EUA von 2018 zählt der Straßenverkehr zu den Hauptverursachern der Luftverschmutzung in den Städten. Stickstoffdioxid, Feinstaub und Ozon wabern in bodennahen Luftschichten und gelangen so über die Atmung tagtäglich in den menschlichen Körper. Asthma, Herzkreislauferkrankungen sowie Reizung der Schleimhäute können dadurch ausgelöst werden.

Die Luftverschmutzung hat auch ökonomische Konsequenzen, beispielsweise durch steigende Kosten für medizinische Versorgung und geringere wirtschaftliche Produktion aufgrund von Arbeitsunfähigkeit. Aber auch die Ökosysteme wie Böden, Wälder und Gewässer werden durch die Luftverschmutzung beeinträchtigt. Daher fordern immer mehr Politiker eine konsequentere Luftreinhaltung in Deutschland sowie den anderen EU-Mitgliedstaaten. "Andere Autos, weniger Autos, mehr gut organisierte Mobilität - wir können das alles und darüber müssen wir uns einigen", meint Rebecca Harms, umweltpolitische Sprecherin der Grünen im EU-Parlament. 

Paris
Bis zu eine Million Autos stauen sich täglich auf den Straßen von Paris. Aber es tut sich was.

Mobilitätsstrategien gefordert 

In Paris verstopfen täglich bis zu einer Million Pkw die Metropole und sorgen regelmäßig für schlechte Luftwerte. Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat erste Gegenmaßnahmen in die Wege geleitet. Dazu zählen zum Beispiel Bus- und Fahrradspuren. Umweltzonen wurden eingerichtet sowie Tunnel stillgelegt. Die Expresswege entlang der Seine sind inzwischen autofreie Flanierzonen. Zudem werden ab 1. Juli Diesel mit Baujahr 2005 und älter komplett aus der Innenstadt verbannt. Und 2030 soll es nach dem Willen der Bürgermeisterin Anne Hidalgo in Paris überhaupt keine Verbrennungsmotoren mehr geben. Pariser Entschleunigung, die der Luftqualität messbar gut tut: "Für Stickstoffdioxid und Feinstaub verbessert sich die Situation. Aber sie ist noch nicht zufriedenstellend", meint Karine Léger vom französischen Umweltministerium.

In London fordern sogenannte Klimarebellen die Politik heraus, damit die dicke Luft in der Metropole besser wird. Permanente Sitzblockaden, Klagen und ständige Kampagnenarbeit  haben in der britischen Metropole inzwischen etwas bewegt. So verbannen Umweltzonen alte Dieselfahrzeuge aus dem Stadtgebiet, für das Befahren bestimmter Straßen muss eine Maut gezahlt werden. "Die Umweltzonen werden 2021 ausgedehnt und decken eine größere Fläche Londons ab. Es ist ein toller Erfolg. Aber sie sollten ganz London umfassen", sagt Maudie Spurrier von der Luftreinhaltungskampagne Client Earth.

Klimaproteste am 17.04.2019 in London
Klimaprotest in London
Quelle: dpa

     

Erster Feinstaubfresser in Betrieb

Mit einem bislang einzigartigen Versuch will ein Stuttgarter Ingenieur Feinstaub aus der Stadtluft filtern. Dafür hat er auf einem Lkw einen Feinstaubfilter angebracht, der während der Fahrt 80 Prozent des Feinstaubs aus der Luft absaugt. "Die Idee ist, diesen Filter auf Nutzfahrzeuge zu bringen, die 30 Prozent des innerstädtischen Verkehrs ausmachen", sagt Konstrukteur Jan-Eric Raschke. Und er hat auch eine Filtereinrichtung für Pkw entwickelt: "Ein Bremsstaub-Partikelfilter fängt den größten Teil aller Stäube auf, die während des Bremsvorgangs entstehen. Diese können somit nicht in die Umwelt gelangen", so der Ingenieur. Zudem hat er in der Stuttgarter Innenstadt neuartige Filtersäulen mit Aktivkohle installiert. Sie sollen neben Feinstaub auch Stickstoffdioxid eliminieren.

Erste Maßnahmen für eine saubere Stadtluft gibt es also inzwischen. Doch bis der Traum von einer völlig emissionsfreien Stadtluft wahr wird, müssen noch sehr viele politische Hürden genommen werden.

Christine Elsner ist Redakteurin in der ZDF-Umweltredaktion.

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