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Luftverschmutzung - Feinstaub gefährdet Babys in Deutschland

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Laut einer UNICEF-Studie kann schlechte Luft bei Neugeborenen schwere Krankheiten auslösen. Für Lunge, Herz und Gehirn besteht ein Risiko. Auch Deutschland ist nicht ausgenommen.

Archiv: Frankfurt am Main im Smog
Archiv: Frankfurt am Main im Smog Quelle: imago

Bilder von Smog und Menschen in Atemschutzmasken kennen wir aus Shanghai, Peking oder Neu Delhi. Die Ballungszentren sind nicht nur durch eine aufstrebende Wirtschaft gezeichnet, sondern auch durch eine steigende Verschmutzung der Luft. Fahrverbote und Masken für die Bewohner sind Notfallmaßnahmen zur Schadensbegrenzung. In manchen asiatischen Städten übersteigen die Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Menge sogar um das sechsfache. Die gesundheitlichen Folgen einer solchen Umweltbelastung können enorm sein - vor allem für Babies. Laut einer UNICEF-Studie sind weltweit 17 Millionen Neugeborene durch hohe Luftverschmutzung gesundheitlich stark gefährdet, der Großteil in Ost- und Südasien.

Starke Luftverschmutzung auch in Deutschland

Die Städte mit der dicksten Luft, Stand 2016
Die Städte mit der dicksten Luft, Stand 2016 Quelle: ZDF/Umweltbundesamt

Jedoch braucht der Blick gar nicht gen Osten schweifen, um hohe Feinstaubwerte zu finden. Denn: Auch in Deutschland schlagen die Messgeräte in vielen Großstädten Alarm. 2016 war die Luft hierzulande vor allem zu stark mit Stickstoffdioxid belastet. Das Umweltbundesamt stellte an 57 Prozent der verkehrsnahen Messstationen Überschreitungen des Grenzwertes von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter fest. Die Feinstaubwerte seien zwar so gering wie seit 16 Jahren nicht mehr, trotzdem liegen die Messungen bei einem Viertel der Stationen noch immer über dem Grenzwert der WHO.

Besonders in Stuttgart und im Ruhrgebiet ist die Luft dick. Hauptursache für die schlechten Werte ist der Straßenverkehr. Auch Verbrennungsprozesse in der Industrie, Energiewirtschaft und in den Haushalten sind für Schadstoffe in der Luft verantwortlich. Laut Umweltbundesamt beeinflusst auch die Witterung die Luftqualität.

Was sind eigentlich Stickoxide?

Welche Auswirkungen hat das auf die Gesundheit?

Holger Schulz, Leiter der Arbeitsgruppe "Epidemiologie der Lunge" am Helmholtz-Zentrum München, sieht vor allem ein erhöhtes Risiko für Herzkreislauf- und Lungenerkrankungen. Es gebe auch Zusammenhänge für eine höhere Wahrscheinlichkeit von Diabetes, Wirkungen am Gehirn und Lungenkrebs, gerade wenn man auch beruflich hohen Schadstoffbelastungen ausgesetzt ist. Die Feinstaubpartikel können laut Schulz über verschiedene Mechanismen Wirkungen auf diverse Organe haben. Durch die Lunge gelangen ultrafeine Teilchen schnell ins Blut und können so überall im Organismus agieren - auch im Gehirn. Ein weiterer Weg führe über die Nase entlang der Riechzellen. Einmal im Gehirn angekommen können die Partikel Auswirkungen auf die mentale Gesundheit haben. Das Risiko für einen Schlaganfall steige ebenfalls.

Feinstaub-Messstation in Stuttgart am 28.02.13
Feinstaub-Messstation in Stuttgart Quelle: dpa

Wie akut die Bedrohung durch Luftverschmutzung ist, zeigt eine Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie. Johannes Lelieveld, Professor für Atmosphärenphysik an der Universität Mainz, sieht eine hohe Luftverschmutzung als Todesursache von 50.000 Menschen in Deutschland - pro Jahr. Damit liegen seine Prognosen deutlich höher als die anderer Wissenschaftler. Folgt man Lelievelds Aussagen, würden demnach mehr als zehnmal so viele Menschen aufgrund der Luftverschmutzung sterben als bei Verkehrsunfällen. Diese Zahl werde sich auch in Zukunft nicht gravierend verringern, wenn keine Maßnahmen getroffen werden. Lelieveld hält die Situation für inakzeptabel: "Ich verstehe nicht, warum das nicht ernst genommen wird."

Besonders hohes Risiko für Babys

Babys in Kinderwagen am 08.03.2007
Luftverschmutzung für die Kleinsten besonders schädlich. Quelle: dpa

Die Ergebnisse der UNICEF-Studie gehen mit Lelievelds Aussagen einher. Auch in Europa seien fast sieben Millionen Babys durch hohe Stickoxid- und Feinstaubwerte gefährdet. Bei Neugeborenen benötige es eine deutlich kleinere Dosis Schadstoffe als bei Erwachsenen, um schwerwiegende Schäden auszulösen. Holger Schulz sieht schon während der Schwangerschaft Risiken. Durch schadstoffbelastete Luft veringere sich das Geburtsgewicht des Babys, was für reduzierte "Startbedingungen" des Neugeborenen sorge. Ein wachsener Organismus sei außerdem anfälliger für die bereits oben genannten Risiken. Durch die Luftverschmutzung werden Atemwegsinfektionen und auch ein geringeres Lungenwachstum wahrscheinlicher.

Sind die erhöhten Schadstoffwerte in Deutschland also wirklich so gefährlich? "Ich würde es nicht unterbewerten", meint Schulz. "Die gesamte Bevölkerung ist mehr oder weniger exponiert" - und das über ihre gesamte Lebensdauer. Schulz sieht Politik und Industrie in der Verantwortung. Vor allem die Autoindustrie müsse erkennen, dass sich Verbraucher ein schadstoffarmes Produkt wünschen. Sein Appell richtet sich aber auch an Verbraucher: Bei der Autowahl sollten alle Nutzer an einem Strang ziehen und auf umweltfreundlichere Modelle setzen. Die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger (SPD), plädiert außerdem für einen Ausstieg aus der Kohleverstromung und einen Ausbau der erneuerbaren Energien. "Und neben der Energiewende brauchen wir endlich eine Verkehrswende."

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