Sie sind hier:

Wie gefährlich sind Stickoxide? - Ärzte streiten über NOx-Grenzwerte - darum geht's

Datum:

Wie gefährlich sind Feinstaub und Stickoxid für die Gesundheit? Darüber gibt es einen Streit in der Ärzteschaft. Mehr als 100 Mediziner stellen die Grenzwerte in Frage.

Archiv: Abgase kommen aus dem Auspuff eines Autos am 27.02.2018 in Stuttgart
Über die Gefahr von Luftschadstoffen gibt es neuen Streit.
Quelle: dpa

Das Wichtigste in Kürze:

  • Mehr als 100 Lungenspezialisten bezweifeln den gesundheitlichen Nutzen der Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide und fordern eine Neubewertung
  • In einer Stellungnahme kritisieren sie die Methodik aktueller Studien
  • Das Umweltbundesamt verteidigt seine Daten und sieht keinen Grund, an den NO2-Grenzwerten zu rütteln
  • Auch aus der Wissenschaft gibt es Kritik an der Stellungnahme

Worum geht es?

In der Ärzteschaft ist ein Streit über die Gesundheitsgefahr von Stickoxid und Feinstaub entbrannt. Ein brisantes Thema, denn die Grenzwerte für diese Schadstoffe entscheiden über bundesweit drohende Fahrverbote für ältere Diesel. Der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, der Lungen-Spezialist Dieter Köhler, stellt die geltenden Grenzwerte in Frage. Eine von ihm initiierte Stellungnahme zweifelt die Methodik vorhandener Studien an und fordert eine Neubewertung. Mehr als 100 deutsche Lungenfachärzte haben das Papier bereits unterzeichnet. Sie sehen derzeit "keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte."

Was sind Stickoxide?

Stickstoffoxide, oder kürzer Stickoxide, sind eine Sammelbezeichnung für die Oxide des Stickstoffs, also Verbindungen von Stickstoff (chemisch N) mit Sauerstoff (chemisch O2). Abgekürzt werden sie NOx. Meistens geht es in der Diesel-Debatte um das Gas Stickstoffdioxid, abgekürzt NO2. Stickstoffmonoxid (NO) ist weniger schädlich als NO2, allerdings in höherer Konzentration auch nicht harmlos. Die Gase entstehen überall, wo Kohle, Öl, Gas oder Holz verbrannt werden. In Städten kommen laut Umweltbundesamt (UBA) 60 Prozent der Stickoxide vom Verkehr. Benziner haben damit so gut wie kein Problem, Stickoxid-Emissionen sind ein Diesel-Thema.

Archiv: Autos fahren im Feierabendverkehr über eine Straße, aufgenommen am 21.02.2017
Laut Umweltbundesamt stammt der Großteil der Stickoxide vom Verkehr.
Quelle: dpa

Welche Grenzwerte gelten für die Stickstoffdioxid-Belastung?

Aktuell gilt ein Grenzwert für NO2 von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Luft im Jahresmittel. Die NO2-Einstundenmittelwerte dürfen 200 Mikrogramm nicht öfter als 18 Mal im Kalenderjahr überschreiten. Diese EU-weit geltenden Werte wurden im Jahr 2010 in deutsches Recht übernommen. Grundlage für die europäischen Werte sind Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation und eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2008. Auch für Feinstaub gibt es je nach Partikelgröße Grenzwerte. An Orten, wo Grenzwerte über längere Zeit deutlich überschritten werden, drohen zum Beispiel Fahrverbote für Autos mit besonders hohem Schadstoffausstoß.

Welche Zahlen zu Sterbefällen gibt es?

Das Umweltbundesamt hat zur Gesundheitsgefahr von NO2 im vergangenen Jahr Zahlen veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass die Stickoxid-Belastung in Deutschland die Ursache für Krankheiten von Millionen Menschen und für Tausende vorzeitige Tode ist. 2014 starben demnach 6.000 Menschen vorzeitig an Herz-Kreislauf-Krankheiten, die auf die Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid zurückzuführen seien. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur EEA aus dem Jahr 2017 gibt es in Deutschland zudem rund 66.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr durch die Folgen von Feinstaub in der Luft.

Wie ist das UBA auf seine Zahlen gekommen?

Wissenschaftler unter anderem vom Helmholtz-Zentrum in München haben im Auftrag des UBA keine eigenen Versuche gemacht, sondern viele bestehende epidemiologische Studien ausgewertet. Im Gegensatz zu toxikologischen Studien werden dabei Personen nicht gezielt NOx ausgesetzt, sondern es werden Personen mit einer hohen NO2-Belastung etwa in Städten mit Personen verglichen, die einer niedrigeren Konzentration ausgesetzt sind. Solche Studien ermöglichen zwar keine Aussagen über ursächliche Beziehungen, aber sie liefern Erkenntnisse zu statistischen Zusammenhängen zwischen negativen gesundheitlichen Auswirkungen und NO2-Belastungen. So haben die Wissenschaftler berechnet, dass 1,8 Prozent der Menschen die 2014 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen starben, als Folge einer langfristigen NO2-Belastung vorzeitig starben - so kamen die rund 6.000 zustande.

Was sagen andere Wissenschaftler?

Auch die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie hat im Dezember 2018 auf Gesundheitsrisiken durch Luftschadstoffe aufmerksam gemacht und den Stand der Forschung zusammengefasst. In einem Positionspapier heißt es: "Gesundheitsschädliche Effekte von Luftschadstoffen sind sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch bei Patienten mit verschiedenen Grunderkrankungen gut untersucht und belegt."

Was sagen die Kritiker?

Die Stellungnahme der Lungenärzte greift grundsätzlich die Herangehensweise bei bestimmten Studien an. Es sei sehr wahrscheinlich, "dass die wissenschaftlichen Daten, die zu diesen scheinbar hohen Todeszahlen führen, einen systematischen Fehler enthalten". Sie seien "extrem einseitig" interpretiert, "immer mit der Zielvorstellung, dass Feinstaub und NOx schädlich sein müssen". Der Initiator der Stellungnahme, Dieter Köhler, sagte, man mache aus einer zufälligen Korrelation eine Kausalität, für die es keine Begründung gebe. Im Gegenteil: Man könne das sehr gut widerlegen.

Im ZDF sagt Köhler, die Stickoxid- und Feinstaubbelastung in deutschen Städten sei "definitiv nicht" gefährlich für die Gesundheit. Die Dosen, ab der die Gefährdung beginne, seien ungleich höher. Für die vorliegenden Studien habe es keine neutrale Kontrollinstanz gegeben. Durch den Grenzwert und die Fahrverbote werde "das System demaskiert."

Lungenfacharzt Professor Dieter Köhler kritisiert die Stickoxid-Grenzwerte: „Es geht nicht um Gesundheit“, die „Grenzwerte sind jenseits jeder Gefährlichkeit“. Er kritisiert eine „extreme wissenschaftliche Unsachlichkeit“.

Beitragslänge:
4 min
Datum:

In der Stellungnahme heißt es, dass Krankheitshäufigkeit und Lebenserwartung durch zahlreiche Faktoren bestimmt würden, wie Alkoholkonsum, Sport oder Rauchen. Wenn die Luftverschmutzung so gefährlich wäre, müsste sie ein typisches Vergiftungsmuster verursachen. Dieses fehle allerdings völlig. Als besonders kritisch wird die fehlende Falsifikation gesehen, da eine Expositionsstudie am Menschen ethisch nicht vertretbar sei. So sei etwa die Konzentration an Feinstaub im Zigarettenrauch bis zu eine Million Mal größer als der Grenzwert. Beim NOx würden bis zu 1 Gramm pro Kubikmeter erreicht. Würde die Luftverschmutzung ein solches Risiko darstellen und entsprechend hohe Todeszahlen generieren, müssten die meisten Raucher nach wenigen Monaten versterben – was offensichtlich nicht der Fall sei.

Archiv: Ein Mann raucht eine E-Zigarette, aufgenommen am 14.09.2018
Lungenfachärzte stellen Studien in Frage - demnach müssten Raucher nach wenigen Monaten sterben
Quelle: Reuters

Das Papier fordert eine Neubewertung der wissenschaftlichen Studien durch unabhängige Forscher. Im Sinne der Güterabwägung sollte die Rechtsvorschrift für die aktuellen Grenzwerte ausgesetzt werden.

Welche Reaktionen gibt es?

Barbara Hoffmann, Professorin an der Universität Düsseldorf, ist eine Autorin des Positionspapiers der DGP vom Dezember. Der Behauptung, es gebe keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte von Feinstaub und NOx widerspricht sie. "Die Wirkungen von Feinstaub und NO2 sind mit einer zum Teil erdrückenden Anzahl von Studien mit unterschiedlichster Methodik belegt. Wer dies abstreitet, hat offensichtlich die Literatur nicht gelesen," sagt Hoffmann.

Zudem handele es sich bei der Feststellung der Gesundheitsschädlichkeit von Luftverschmutzung nicht um die Meinung einer kleinen homogenen Gruppe von Forschern, sondern um hunderte von Forschergruppen und Instituten weltweit. Den Vorwurf, Risikofaktoren seien in den Studien nicht ausreichend berücksichtigt, weist sie zurück.  Die Studien berücksichtigten andere Risikofaktoren für Erkrankungen sehr genau, also z. B. Rauchen, körperliche Bewegung, Ernährung etc. Zugleich stellt Hoffmann die Expertise von Dr. Dieter Köhler in Frage: "Eine Möglichkeit der Überprüfung der Seriosität von Experten sind die Belege mit wissenschaftlichen Zitaten für ihre Thesen. Bei Herrn Köhler handelt es sich um private, nicht belegte Meinungen. Literatur, die seine Thesen belegt, hat er bisher nicht geliefert."

Auch das Umweltbundesamt (UBA) verteidigt in einer aktuellen Stellungnahme die von ihr beauftragte Studie. Diese sei mit einer Methode der Weltgesundheitsorganisation erstellt worden. "Sie entspricht dem aktuellen wissenschaftlichen Stand und ist qualitätsgesichert," sagt UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. Man habe zahlreiche, bereits publizierte wissenschaftliche Untersuchungen ausgewertet. Man sei immer offen für neue wissenschaftliche Erkenntnisse. "Uns liegen derzeit aber keine Studien vor, die unsere Ergebnisse in Frage stellen. Wir sehen daher auch keinen Grund, die auf europäischer Ebene festgelegten Stickstoffdioxid-Grenzwerte infrage zu stellen", so Krautzberger.

EU-Umweltkommissar Karmenu Vella wies die Zweifel ebenfalls zurück. Die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid "basieren auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation WHO, der weltweit führenden Autorität in Gesundheitsfragen", sagt Vella.

"Wir wünschen uns, dass wissenschaftliche Grundlagen für diese Äußerungen dargestellt werden, damit man die Fakten überprüfen kann", sagt Dietrich Plaß vom Umweltbundesamt zu der Kritik der Lungenärzte. Wichtig sei in der ganzen Debatte, dass Grenzwerte gesetzt würden, um im Sinne der Vorsorge möglichst alle Menschen zu schützen. "Es wäre schlecht, wenn wir in 20 Jahren feststellen, dass wir die Grenzwerte doch nicht streng genug gesetzt haben." Man müsse in die Zukunft schauen.

Autoabgase sind ungesund, und auch in Ballungszentren haben die Menschen ein Recht auf saubere Luft. Wo aber liegt ein wissenschaftlich fundierter Grenzwert? Mit einer gemeinsamen Stellungnahme haben Lungenärzte die Diesel-Debatte jetzt neu angefacht.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

ZDF-Umweltexperte Volker Angres erklärt, das Signal der über 100 Lungenärzte sei so stark, dass die Politik jetzt handeln müsse. "Der Grenzwert für Stickstoffdioxid müsste ausgesetzt und schnellstmöglich wissenschaftlich überprüft werden." Erst danach könne definitiv über Fahrverbote entschieden werden. "Das ist die Bundesregierung den vielen Millionen Dieselfahrern schuldig", sagt Angres.

Lungenfachärzte und Politiker diskutieren über die Gefahr durch Dieselabgase. Doch wer hat Recht? Umweltexperte Volker Angres bringt Klarheit in die Diskussion.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Wie geht es weiter?

Köhlers Kritik und die mehr als 100 Unterschriften sind in eine gemeinsame Erklärung der DGP, der Deutschen Lungenstiftung und dem Verband Pneumologischer Kliniken eingegangen. Der amtierende Präsident der DGP, der Hamburger Lungenfacharzt Prof. Klaus Rabe, will damit auf die Kritiker im eigenen Verband zugehen und eine sachliche Debatte über die wissenschaftlichen Grundlagen der derzeit geltenden gesetzlichen Grenzwerte ermöglichen.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.