Sie sind hier:

Putin in Frankreich vor G7 - Macron - der Entscheider und Lenker Europas?

Datum:

Russlands Präsident Putin sitzt bei der G7 nicht mehr mit am Tisch. Doch wenige Tage vor dem Treffen der Wirtschaftsmächte empfängt der französische Staatschef ihn am Mittelmeer.

Emmanuel Macron, französischer Präsident.
Macron möchte seiner Vorreiterrolle in Europa zementieren.
Quelle: Michel Euler/AP/dpa

Als "Arbeitsbesuch des russischen Präsidenten an dem Ort, an dem der französische Präsident arbeitet" - so bezeichnet Frankreich das Treffen zwischen Wladimir Putin und Emmanuel Macron heute. Die Stichworte: Arbeitsbesuch, klassisches Routinetreffen, Fortsetzung des Dialogs, alle wichtigen internationalen Fragen stehen auf dem Programm. Ehrlich und direkt sollen die Gespräche sein.

Im Mai 2017, vor der ersten Begegnung der beiden, hatte der französische Präsident mit versteinertem Gesicht seinen russischen Kollegen im Hof des Schlosses von Versailles erwartet, unter dem Fenster des königlichen Schlafzimmers. Es ging um Bilder und Symbole: Kräftemessen beim Handshake, gemeinsamer Gang durch die Schlachtengalerie des Schlosses - hier sind die großen militärischen Siege Frankreichs verewigt. Auf 120 Metern Länge.

Emmanuel Macron erwartet den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Versailles (Mai 2017)
Mit versteinertem Gesicht erwartete Macron Putin 2017 in Versailles.
Quelle: imago
Fort de Brégancon, eine mittelalterliche Festung auf einer kleinen Insel vor der Mittelmeerküste
Fort de Brégancon, eine mittelalterliche Festung auf einer kleinen Insel vor der Mittelmeerküste.
Quelle: Picture Alliance/dpa

Der Rahmen für das heutige Treffen könnte nicht unterschiedlicher sein: Fort de Brégancon, eine mittelalterliche Festung auf einer kleinen Insel vor der Mittelmeerküste. General Charles de Gaulle hatte sie zur offiziellen Sommerresidenz der französischen Präsidenten gewählt. Politische Begegnungen standen hier eher selten auf der Tagesordnung: 1985 sprachen François Mitterrand und Helmut Kohl über Sicherheit, 2004 empfing Jacques Chirac den damaligen algerischen Präsidenten Abdelasis Bouteflika, um die Unstimmigkeiten im Verhältnis der beiden Länder aus dem Weg zu räumen.

Macron bestärkt im Führungsanspruch

Heute also Macron und Putin. Die Spekulationen und Interpretationen im Vorfeld: Putin erhoffe sich Einfluss auf das G7-Treffen am kommenden Wochenende in Biarritz. Nach der Annexion der Krim wurde Russland von diesen Treffen ausgeladen und aus der Gruppe der 8 (G8) wurde die Gruppe der 7 (G7). Frankreich wolle neue Grundlagen schaffen für einen Dialog zwischen Europa und Russland, heißt es. Macron sehe das Treffen als Vorbereitung für den Gipfel in Biarritz, sagen seine Berater. Denn: Frankreichs Berufung sei es, dort Initiativen zu ergreifen, wo andere nichts tun.

Macron als Entscheider und Lenker Europas? Diese Rolle dürfte ihm gefallen. Und der Zeitpunkt scheint gut gewählt: Kanzlerin Merkel wirkt geschwächt auf internationaler Bühne und Großbritannien nimmt sich mit dem Brexit aus dem Spiel. Bestärkt zu diesem Führungsanspruch wird Macron vom ehemaligen französischen Außenminister Hubert Védrine. Der sagte in einem Zeitungsinterview: "Das ist eine sehr nützliche Initiative um Frankreich, und wenn möglich auch Europa, aus einer Sackgasse herauszuholen, aus einem seit Jahren dauernden sterilen Stellungskrieg, bei dem beide Seiten Fehler gemacht haben." Und fährt fort: "Das ist doch das Einmaleins von internationalen Beziehungen: Sich treffen heißt nicht, dem anderen zustimmen. Diskutieren heißt nicht legitimieren. Mit einem Land Beziehungen unterhalten heißt nicht, Freunde zu sein."

Frankreich will Weichensteller sein

Auf dem Programm heute stehen die Themen, die auch beim G7-Gipfel in Biarritz eine Rolle spielen werden: Libyen, Syrien, Iran, Ukraine und die Sicherheit in Europa. Den gerade in Kraft getretenen "Waffenstillstand" in Libyen wertet der Élysée-Palast als einen Erfolg der gemeinsamen russisch-französischen Initiative. Schwieriger werden die Gespräche beim Thema Syrien: Da vertreten beide Länder vollkommen unterschiedliche Positionen, wie Macrons Berater zugeben. Macron erwarte keine Einigung mit Putin, aber eine Art Konsens. Es geht um Idlib, die Nord-Ost-Grenze Syriens und die eventuelle Rückkehr des sogenannten IS.

Auch beim Thema Iran will Frankreich Vorreiter und Weichensteller sein. Die aktuelle Politik des maximalen Drucks der USA, die eine maximale Starrköpfigkeit des Iran zu Folge habe, müsse ein Ende haben. Alle Seiten müssten an den Verhandlungstisch zurück. Frankreich sieht sich als Garant der zurzeit quasi entmachteten internationalen Atombehörde und plädiert für eine Deeskalation. Macron wurde vor ein paar Tagen vom amerikanischen Präsidenten für seine Vermittlungsversuche zurechtgewiesen. Niemand, so twitterte Trump, könne mit dem Iran im Namen Washingtons sprechen.

Thema Ukraine: Die Beschlüsse von Minsk müssten umgesetzt werden, die Situation bleibe schwierig aber - so die Berater im Élysée - es zeichneten sich nach der Wahl des neuen ukrainischen Präsidenten auch neue Verhandlungsmöglichkeiten ab. Doch: Solange Russland seine Politik gegenüber der Ukraine und der Krim nicht ändere, solange werde es auch keine Rückkehr in den Club der G8 geben.

Vorreiterrolle in Europa zementieren

Der Dialog mit Russland sei so wichtig, weil Russland ein Teil von Europa sei, heißt es in Frankreich. Europa enger geeint gegenüber den USA? Der ehemalige Außenminister Védrine beklagte an diesem Wochenende, noch nie - nicht einmal zu Zeiten des Kalten Krieges und der Sowjetunion - sei das Verhältnis der beiden Länder so schlecht gewesen. Und warnt die westliche Politik davor, Russland weiter in die Arme Chinas zu treiben.

Eine mittelalterliche Burg am Mittelmeer als Kulisse für eine Begegnung, von der sich beide Präsidenten etwas erhoffen: Der eine möchte seine Vorreiterrolle in Europa zementieren, der andere wohl auf die politische Bühne Europas zurückkehren.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.