Sie sind hier:

Bald ein Jahr im Amt - Macrons Medien-Offensive

Datum:

Es ist das erste von zwei Fernsehinterviews in vier Tagen. Macron will rechtzeitig selber die Bilanz seines ersten Amtsjahres ziehen - und auf den Unmut im eigenen Land antworten.

Emmanuel Macron am 12.04.2018 in Berd'Huis (Paris)
Emmanuel Macron
Quelle: reuters

Das Dekor war ungewöhnlich, und das Format war es auch. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat sich am Donnerstag im Klassenzimmer einer Dorfschule den Fragen eines TV-Journalisten gestellt. Umgeben von Kinderzeichnungen und bunten Schulmöbeln wandte Macron sich an die Zuschauer. Das sind um 13 Uhr in Frankreich überwiegend Rentner und Bewohner des ländlichen Raums. Und genau die wollte Macron auch erreichen, denn bei allem Lob auf der internationalen Bühne verliert er zuhause allmählich an Zuspruch. Nach einer Umfrage haben nur noch etwa 26 Prozent der Arbeiter und Angestellten Vertrauen in ihren Präsidenten. Kurz nach Amtsantritt waren es bei den Angestellten noch gut über die Hälfte.

Dem Publikum entsprechend sollte es in erster Linie um innenpolitische Themen gehen, doch die eine große internationale Frage musste einfach gestellt werden: Wird Frankreich nach den Berichten über den Giftgaseinsatz in Syrien militärisch eingreifen? "Wir haben Beweise, dass von Baschar al-Assads Regime chemische Waffen eingesetzt wurden", erklärte Macron. "Wir werden zu gegebener Zeit Entscheidungen treffen." Deutlicher wurde er nicht. Laut französischen Medien stimmen sich Frankreich und die USA eng über einen möglichen Militärschlag ab. Derzeit gehe es darum, strategische Ziele zu identifizieren - und dabei möglichst keine russischen Interessen zu treffen, um eine Eskalation zu vermeiden.

Macrons Probleme mit den Eisenbahnern

Doch dann gab Macron fast eine Stunde lang den großen Reformerklärer, der mit großen Augen und treu wirkenden Blicken Verständnis für alle Jammernden zeigt - von den Eisenbahnern bis zu den Rentnern. Nein, die staatliche Eisenbahn SNCF werde nicht privatisiert. "Ich garantiere, dass sie zu 100 Prozent ein öffentliches Unternehmen bleibt", betonte er. Er kenne sich mit Eisenbahnern aus, schließlich sei sein Großvater einer gewesen. "Aber wir können einen 25-Jährigen nicht zu denselben Bedingungen einstellen wie meinen Opa", sagte Macron.

Tatsächlich haben die französischen Eisenbahner Sonderregelungen, die teilweise noch aus der Zeit stammen, als Lokführer deutlich härtere körperliche Arbeit leisteten als heute. Bei der SNCF gibt es - je nach Vertrag - immer noch die Anstellung auf Lebenszeit, die Rente mit 52 oder 50 Urlaubstage im Jahr. Macron will den Sonderstatus der Eisenbahner nun abschaffen und stößt erstmals seit Amtsantritt auf massiven Widerstand.

Die Eisenbahngewerkschaften sind mächtig in Frankreich

Eigentlich war die Bahnreform gar nicht Teil seines Wahlprogramms. Aber es ist typisch für Macron, dass er nach knapp einem Jahr im Amt nun wild entschlossen eine der schwierigsten Reformen in Angriff nimmt. An den mächtigen Eisenbahngewerkschaften haben sich in Frankreich schon zahlreiche Politiker die Zähne ausgebissen. 1995 scheiterte der damalige Premierminister Alain Juppé mit einem ähnlichen Versuch, den Sonderstatus der Eisenbahner abzuschaffen. Nach wochenlangem Streik musste Juppé seine Reform aufgeben. Die aktuellen Streiks sollen sich noch bis Juni hinziehen - auch in den Schulferien und an den langen Mai-Wochenenden.

Macron wiederholte im Interview mehrfach seinen Lieblingssatz: "Das ziehen wir jetzt bis zum Ende durch". Und im Fall der Bahnreform verwies er auch noch auf das deutsche Beispiel: "Die Deutschen haben diese Reform schon hinter sich, sehen Sie sich das Ergebnis an: ein besserer Service, mehr Bahnkunden und mehr kleine Strecken." Dass er mit diesem Argument die französischen Eisenbahngewerkschaften überzeugen kann, ist eher unwahrscheinlich. Er kann allenfalls darauf hoffen, dass die Franzosen von den Streiks irgendwann so genervt sind, dass die öffentliche Meinung sich zunehmend gegen die Eisenbahner richtet.

Macron bedankt sich bei Rentnern

Bei den Rentnern, die zum Teil von einer Macron‘schen Steuererhöhung betroffen sind, bedankte sich der Präsident ausdrücklich. "Ja, ich habe Sie um diese Anstrengung gebeten, das war nötig, und ich danke Ihnen dafür", sagte er mit geradem Blick in die Kamera. Auf diese Weise habe er die Abgabenlast für die Unternehmen senken können. Das Rentensystem sei auf Dauer nur mit einer florierenden Wirtschaft zu finanzieren - und nicht mit einer Schuldenlast von mehr als 95 Prozent des Staatshaushalts. "Aber ich habe die Rentner nie für einen Geldautomaten gehalten", fügte er hinzu.

Fragen nach den Protesten an den Universitäten bügelte Macron mit ein paar Sätzen ab. Da seien professionelle Unruhestifter am Werk, meinte er. "Wenn die Studenten ihre Prüfungen machen wollen, dann müssen sie jetzt arbeiten. In Frankreich gibt es keine Zeugnisse aus Schokolade", sagte er. Vermutlich wird er sich mit dem Thema aber demnächst eingehender befassen müssen, denn die Blockaden mehrerer Unis halten bereits seit Wochen an. Die Studenten protestieren unter anderem gegen neue Zulassungsregeln.

Macron hatte bislang nur sehr wenige Interviews gegeben. Dass er sich jetzt innerhalb von vier Tagen gut drei Stunden lang befragen lässt (am Donnerstag von TF1, am Sonntag von mehreren Medien), liegt nicht zuletzt am nahenden Jahrestag seiner Amtseinführung (7. Mai). Frankreichs Präsident zieht die Bilanz seines ersten Amtsjahres lieber selber, als dies den Journalisten zu überlassen. Die Kinder, die ihm ihre Klasse überlassen haben, haben sich jedenfalls freundlich bedankt - und ihn gebeten, sich in ihr Klassenbuch einzutragen.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.