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Knabenchor muss Mädchen nicht aufnehmen

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Klage in Berlin abgewiesen - Knabenchor muss Mädchen nicht aufnehmen

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Hat ein Mädchen einen Anspruch darauf, in einem Knabenchor mitzusingen? Nein, entschied das Berliner Verwaltungsgericht - ließ aber Berufung zu.

Ökumenischer Gottesdienst im Berliner Dom.
Im Berliner Dom singen die Knaben auch künftig ohne Mädchen im Chor.
Quelle: Michael Sohn/POOL AP/dpa

Regensburger Domspatzen, Leipziger Thomaner, Wiener Sängerknaben oder Tölzer Knabenchor: Chöre mit Weltruhm - Knabenchöre. Ihres besonderen Klanges wegen zählen etwa die sächsischen Knabenchöre zum Unesco-Weltkulturerbe.

Doch was macht einen Klang zu etwas Besonderem? Wie klingt es, wenn Jungen singen - und zwar nur Jungen? Wie tönt ein reiner Frauenchor, wie ein gemischter? Mit Fragen wie diesen musste sich das Berliner Verwaltungsgericht auseinandersetzen.

Die Mutter eines neunjährigen Mädchens, die vor Gericht ihre Tochter als Anwältin vertrat, hatte wegen geschlechtsspezifischer Benachteiligung geklagt. Sie hatte im November 2018 um Aufnahme ihrer Tochter in den Berliner Staats- und Domchor gebeten, einer Einrichtung der Universität der Künste (UdK). Diese lehnte die Aufnahme nach einem Vorsingen mit Verweis auf die Kunstfreiheit ab.

Die Ausrichtung des Klangbildes eines Chores gehört zur Kunstfreiheit.
Urteilsbegründung

Zu Recht, wie das Gericht am Freitag urteilte. "Die Ausrichtung des Klangbildes eines Chores gehört zur Kunstfreiheit", sagte der Vorsitzende Richter zur Urteilsbegründung. Auch sah es das Gericht für erwiesen an, dass es einen "Knabenchorklang" gebe.

Recht auf Gleichbehandlung gegen das Recht der Kunstfreiheit

Bei der vorliegenden Klage, bei der das Recht auf Gleichbehandlung der Geschlechter gegen das Recht der Kunstfreiheit abzuwägen gewesen sei, handele es sich um einen "Pilotfall", hieß es in der Urteilsbegründung. Dieser werde möglicherweise in höheren Instanzen weiter behandelt. Die Klägerin habe das Recht, Berufung einzulegen. Es liege, so stellte der Richter fest, eine "mittelbare Ungleichbehandlung" vor, da Mädchen aufgrund anatomischer Unterschiede einen schlechteren Zugang zum Staats- und Domchor hätten als Jungen.

Der Ton ist derselbe, die Klangfarbe aber ist eine andere.
Kai-Uwe Jirka, Chorleiter

Dies bestätigte auch der Leiter des Chores, Kai-Uwe Jirka, in der Verhandlung und führte aus: In einem Orchester etwa spielten alle Instrumente denselben Ton. Dennoch klinge er unterschiedlich - je nachdem ob eine Geige, ein Cello oder eine Trompete zu hören sind. "Der Ton ist derselbe, die Klangfarbe aber ist eine andere. Es kommt auf den Resonanzkörper an."

Entsprechend bestünden zwischen Mädchen- und Jungenstimmen anatomische Unterschiede, die zu "differenzierten Chorklangräumen" führten. Grundsätzlich sei es zwar möglich, dass eine Mädchenstimme dem angestrebten "Klangraum" eines Knabenchores entsprechen könne. Aufgrund anatomischer Unterschiede und zeitlich verschobener körperlicher Entwicklungsprozesse sei dies aber in der Regel "nur mit Gewalt" erreichbar und daher "weder erstrebenswert noch pädagogisch verantwortbar".

"Warum soll ein Mädchen wie ein Junge singen?"

Rechtsanwältin Dr. Susanbräklein (vorne) steht im Plenarsaal des Verwaltungsgerichtes in Berlin am 16.08.2019
Eine Anwältin (vorn) wollte die Aufnahme ihrer Tochter in einen Knabenchor erzwingen.
Quelle: dpa

Jirka erklärte, er stelle sich zudem die Frage, "warum soll ein Mädchen wie ein Junge singen?" Es gebe verschiedene Klangräume, die alle ihre Berechtigung hätten. "Wenn man die Klangfarben mischt, wird es künstlerisch grau", so Jirka. Das betreffende Mädchen habe "in Klangkraft und Volumen" nicht den gleichaltrigen Jungen in seinem Chor entsprochen. Auch einen Jungen mit vergleichbaren künstlerischen Fähigkeiten hätte er abgelehnt. Zudem sei die Motivation des Mädchens nicht ausreichend gewesen. Die Begründung für ihre Bewerbung, "ich möchte etwas Neues ausprobieren", habe ihn nicht überzeugt.

Ich bezweifle, dass die Ablehnung wegen der Unfähigkeit erfolgt ist. Es ist wegen des Geschlechts erfolgt.
Klägerin

Die Klägerin argumentierte dagegen, es sei lediglich eine Frage des Trainings, ob ein Mädchen die spezielle Klangfarbe des Dom- und Staatschors Berlin erreichen könnte. "Es ist klar, dass meine Tochter diese nicht hat, die kann sie doch nur dort lernen." Den Verweis auf die fehlende künstlerische Voraussetzung für den Chor halte sie für vorgeschoben. "Ich bezweifle, dass die Ablehnung wegen der Unfähigkeit erfolgt ist. Es ist wegen des Geschlechts erfolgt." Für sie gehe es auch um Bildungschancen, die ihrer Tochter verweigert würden. Mädchen seien aus traditionellen Gründen aus Knabenchören ausgeschlossen. In England hätten sich bereits vor 30 Jahren die Kathedralchöre den Mädchen geöffnet.

Wenn ein Mädchen in diesen Klangraum hineinpasst, sind wir die ersten, die die Tür ganz weit öffnen.
Kai-Uwe Jirka, Chorleiter

Für Jirka hätte die Mädchenbewerbung grundsätzlich auch anders ausgehen können, wie er betonte. In seiner 30-jährigen Chorerfahrung habe er einmal erlebt, dass "ein Mädchen eher wie ein Junge klingt", so der Musiker. "Wenn ein Mädchen in diesen Klangraum hineinpasst, sind wir die ersten, die die Tür ganz weit öffnen", versicherte Jirka - "gerade in einer Stadt wie Berlin, in der das biologische Geschlecht keine ausschlaggebende Bedeutung mehr hat."

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